Äthiopien

"Essen ist ein Menschenrecht" - Die Mündener Internistin Christine Ochwadt hilft seit Jahren bei Ärzten ohne Grenzen - zuletzt in Äthiopien

In Hann. Münden untersucht sie in hochmodernen Behandlungszimmern Patienten mit Nierenerkrankungen. In Burma hat sie unter einem Baum gelernt, wie man ein bewusstloses Kind mit zelebraler Malaria behandelt. Christine Ochwadt arbeitet nicht nur als Internistin im Nephrologischen Zentrum Niedersachsen, sondern ist seit sieben Jahren auch für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz.

Die Medizinerin, die seit drei Jahren in Münden lebt, hat schon in Burma, im Sudan und in Nepal - in einem Team mit vielen einheimischen Mitarbeitern - tausenden Patienten mit Malaria, Tuberkulose, Aids und anderen Krankheiten geholfen. Vor einigen Wochen ist die 46-Jährige von einem dreimonatigen Einsatz in Äthiopien zurückgekehrt. Dort war das Team von Ärzte ohne Grenzen vor allem unterwegs, um stark unterernährte Kinder wieder aufzupäppeln.

Immer wieder gibt es Hungerkatastrophen in dem ostafrikanischen Land. Zuletzt hatten Ernteausfälle und drastisch gestiegene Lebensmittelpreise dazu geführt, dass in einigen Regionen viele tausend Menschen unter Mangelernährung litten, berichtet Ochwadt. Kinder sind dann besonders gefährdet: "Sie haben das höchste Sterblichkeitsrisiko."

 

300 Kilometer südlich von Addis Abeba, in der Gegend um Awassa, untersuchen die Mediziner zehntausende Mädchen und  Jungen. "Alle Kinder stellen sich in eine Reihe und bekommen ein spezielles Maßband um den linken Oberarm geschlungen", erklärt die Ärztin. Wenn in einer Gegend mehr als drei bis vier Prozent der Kinder schwer mangelernährt sind, werde die Organisation tätig. Dann bekommen die Eltern für ihre geschwächten Kinder "Plumpynut"-Rationen mit nach Hause. Die Erdnusspaste in den silbernen, handtellergroßen Päckchen enthält viele Kalorien, Vitamine und Mineralien. Wird sie einige Wochen lang regelmäßig verzehrt - sie kann ganz unkompliziert direkt aus dem Tütchen in den Mund gedrückt werden - kämen die meisten Kinder wieder auf ein Normalgewicht, so Christine Ochwadt. Neben den Plumpynut-Päckchen für das Kind bekomme die Familie noch Öl, eine Mehlmischung und Seife mit nach Hause. "Damit auch die anderen etwas haben, und wirklich der Patient die Paste bekommt." Denn meist sei zwar eins der Kinder schwer mangelernährt, aber auch die anderen Geschwister hätten Hunger.

Die meisten Kinder könnten auf diese Weise ambulant behandelt werden, erklärt Christine Ochwadt. Nur extrem geschwächte Kinder oder solche mit anderen Erkrankungen blieben stationär in den meist provisorisch eingerichteten Krankenstationen. Wenn sich die Situation in einer Region stabilisiert, versucht Ärzte ohne Grenzen die Projekte zu schließen oder an einheimische Kräfte zu übergeben.

Dass die Probleme damit nicht ein für alle Mal gelöst sind, ist den medizinischen Helfern klar. "Aber es geht um das Jetzt, und da können wir verhindern, dass die Kinder sterben", sagt Dr. Ochwadt. "Es ist ein Menschenrecht, dass man nicht verhungert." Oft stellen Außenstehende die kurzfristige Hilfe in Frage, weiß die Ärztin. Doch die Strukturen des Landes ändern, etwa die Ungerechtigkeiten bei der Lebensmittelverteilung, müssten andere. "Neben der akuten medizinischen Hilfe", so Ochwadt, "sehen wir es aber auch als unsere Aufgabe, solche Missstände öffentlich zu machen."

 

Von Katja Rudolph