Sri Lanka

"Es ist beeindruckend, für was ein Mensch dankbar sein kann"

Mehr als 260.000 Menschen haben während der nun beendeten Kämpfe zwischen der sri-lankischen Regierung und den tamilischen Rebellen (LTTE) in der Region Vavunija Zuflucht gefunden. Von den dortigen Vertriebenenlagern und dem Krankenhaus des Gesundheitsministeriums in Vavuniya werden viele Patienten in die Klinik der Stadt Pompaimadhu überwiesen. Der Chirurg Tim Pruchnic, der dort seit Mai für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, erzählt von seinen Erfahrungen.

"Wir haben jetzt 180 Patienten in Pompaimadhu, das Krankenhaus ist voll. Viele unserer Patienten haben chronische Wunden von Amputationen oder Druckgeschwüre, die nur schwer heilen. Und es gibt einen großen Bedarf an Physiotherapie.

Das Team von Ärzte ohne Grenzen besteht aus neun internationalen sowie nationalen medizinischen Mitarbeitern, dazu kommen mehr als hundert Betreuer und acht Coaches, die mit den Patienten am Thema Motivation arbeiten. Wir arbeiten mit Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums zusammen. Ich bin der einzige Chirurg im Krankehaus und führe wöchentlich etwa 16 bis 20 Eingriffe durch. Manche davon sind große Operationen, wie etwa Nachoperationen von Amputationen, bei denen keine Heilung eingetreten ist. Manches sind kleinere Sachen, wie externe Fixateure abnehmen und Wundreinigungen.

Einer der großen Eingriffe, die wir vornehmen, gehört zur Wiederherstellungschirurgie. Er dauert drei bis vier Stunden, und wir retten damit infizierte Beine, die ansonsten amputiert werden müssten. Das betrifft vor allem Patienten, die durch eine Explosion verletzt wurden. Wir haben diese Operation jetzt ungefähr 20 Mal mit großem Erfolg durchgeführt.

Wir haben hier eine Abteilung für Rückenmarksverletzungen ins Leben gerufen und sind jetzt im Distrikt der Hauptansprechpartner dafür. Andere Krankenhäuser bringen ihre Patienten hierher - inzwischen sind es 50 von ihnen. Es handelt sich dabei meistens um Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren, die während des Konflikts durch Explosionen verletzt wurden. Zwei Patienten sind vom Hals an gelähmt, und die anderen sind querschnittsgelähmt. Es gibt zwei oder drei Patienten, die Glück gehabt und nur vorübergehende Schäden davongetragen haben. Die Physiotherapiestunden helfen ihnen dabei, zu ihrer Beweglichkeit zurückzufinden. Sie haben Verletzungen, die bei guter Versorgung heilen werden. Wir haben ihren Angehörigen erklärt, wie sie für sie sorgen können - z. B. wie sie sie im Bett drehen müssen. Unsere Coaches sprechen mit ihnen und gemeinsam suchen sie nach Wegen, wie sie emotional mit der Situation zurecht kommen können. Die Menschen fühlen sich besser, wenn man sich Zeit für sie nimmt und sie unterstützt, selbst wenn sie ihre Beweglichkeit nicht wieder erlangen werden. Es ist beeindruckend, welch großen Unterschied das machen kann, wenn sie Pflege, Physiotherapie und emotionale Unterstützung erhalten.

Ein Patient, den ich jeden Tag im Krankenhaus sehe, hat sich mir wirklich eingeprägt. Er ist ungefähr 20 Jahre alt und war in der Konfliktzone, als eine Granate auf seinen Beinen landete. Sie explodierte nicht, zerschmetterte aber beide Beine. Als er nach Pompaimadhu kam, waren bereits beide Beine amputiert. Aber das war nicht gut gegangen, so dass ein Knochen offen lag. Der Patient benötigte eine weitere Operation.

Wir führten an beiden Beinen eine Nachoperation durch, so dass das jetzt in Ordnung ist und er vielleicht eines Tages wieder auf Prothesen laufen kann.

Als wir ihn fragten, wie er denn verletzt worden sei, war es ganz merkwürdig: Er lächelte. Wir fragten uns natürlich, weshalb er lächelte. 'Die Granate landete auf meinen Beinen, aber sie explodierte nicht. Wenn sie explodiert wäre, wäre meine ganze Familie getötet worden', erzählte er uns.

Es ist eine der Geschichten, die einen wirklich berühren. Man denkt: Er hat seine Beine verloren, und dennoch ist er dankbar dafür, dass die Granate nicht explodiert ist. Er ist wirklich eine ziemlich optimistische Person, wenn man überlegt, wie es einem selbst gehen würde - wie deprimiert man wäre, angesicht einer solchen Situation. Aber er setzt sich in seinen Rollstuhl, fährt los und ist dankbar für alles. Trotz all der schrecklichen Dinge, die passieren: Es ist beeindruckend, für was ein Mensch dankbar sein kann."