Italien

"Die Überfahrt dauerte 17 Tage - während dieser Zeit starben 70 Menschen" - Interview mit Fatha Muhamed, Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Lampedusa

Migranten aus Afrika riskieren auf der gefährlichen Überfahrt nach Europa ihr Leben.

Fatha Muhamed stammt aus Äthiopien. Im Jahr 2003 kam er nach Italien und suchte dort Zuflucht. Hinter sich hatte er eine lange Reise durch die Wüste und eine Überfahrt über das Mittelmeer. Inzwischen arbeitet Fatah auf der italienischen Insel Lampedusa für Ärzte ohne Grenzen. Seine Rolle ist es, zwischen den Kulturen zu vermitteln.

Warum und wann hast du dich entschieden, Äthiopien zu verlassen?

Ich habe mein Land verlassen, weil ich dort nicht länger leben konnte. Die Situation in Äthiopien ist schon seit einiger Zeit nicht mehr erträglich. Junge Menschen werden bedroht und von anderen Jugendlichen verfolgt, die verschiedenen bewaffneten Gruppen angehören. Diese Gruppen infiltrieren die Zivilbevölkerung und begehen Gewaltverbrechen an ethnischen Minderheiten. Ich wurde permanent verfolgt und bedroht, weil ich zu einer kleinen ethnischen Gruppe gehöre.

Wie verlief die Reise von Äthiopien nach Italien?

Die Reise war sehr schwierig. Ich verließ Äthiopien 2002 mit einer Gruppe Somali. Nach einer Woche kamen wir in Sudan an, wo wir drei Tage blieben. Von der sudanesischen Wüste aus sollte es weiter nach Libyen gehen. Doch ich war gezwungen, dort weitere zwei Tage zu bleiben, weil die sudanesischen Schlepper mehr Geld wollten. Ich gehörte zu einer Gruppe von 50 Menschen, die auf zwei Landcruiser verteilt waren - alle Äthiopier oder Eritreer. Nach elf furchtbaren Tagen in der glühenden Hitze kamen wir endlich an der libyschen Grenze an. Dort sollten uns libysche Schlepper abholen und nach Tripolis bringen, aber es geschah nichts. So mussten wir also eine weitere Woche mitten im Nirgendwo in der Wüste bleiben, während die Schlepper mehr Geld forderten, das wir schließlich gezwungen waren zu zahlen. Als wir gezahlt hatten, machten wir uns auf den Weg, nahmen aber eine längere Route, so dass wir von einem weiteren Schlepper abhängig wurden, der mehr Geld verlangte, weil er angeblich Probleme mit dem Fahrzeug hatte. Trotz unserer Proteste mussten wir wieder zahlen, um nach Tripolis zu kommen. Noch einmal gaben wir uns der Hoffnung hin, nun endlich nach Tripolis zu kommen. Aber wir wurden in den Bergen nahe der Stadt Wadan zurückgelassen.

Nach ein paar Tagen Fußmarsch erreichten ein paar meiner Gefährten die Stadt und kontaktierten einen weiteren Schlepper, der anbot, uns für 50 US-Dollar pro Kopf nach Tripolis zu bringen. Leider hatten ich und acht andere nicht genug Geld, so dass sie ohne uns aufbrachen. Nach einigen Stunden kehrte der Schlepper aber zurück und akzeptierte alles Geld, was wir ihm geben konnten, um uns an den Rand der Stadt Wadan zu bringen. Wir stimmten zu, weil wir große Angst hatten, mitten in der Wüste zurückgelassen zu werden.

Von Wadan konnten wir dank eines Helfers die Stadt Hun erreichen. Dort blieb ich mit zwei anderen Äthiopiern für einen Monat. Wir lebten bei einer Familie aus dem Tschad und ich arbeitete sehr hart, um genug Geld für die Reise nach Tripolis zusammen zu bekommen. Als ich genug Geld hatte, kontaktierte ich einen libyschen Soldaten, der uns für 70 Euro nach Tripolis brachte, wo ich drei Monate blieb. Dorthin ließ ich mir Geld für die Reise nach Italien schicken. Die Überfahrt auf einem zwölf Meter langen Holzboot dauerte 17 Tage. Während dieser Zeit erlebte ich, wie 70 Menschen starben. Meine Reise endete am 20. Oktober 2003 in Lampedusa.

Was geschah, als du in Italien ankamst?

Ich war in einem sehr schlechten Gesundheitszustand. Ich wurde für 27 Tage im Krankenhaus aufgenommen und dann zu einem religiösen Institut in Palermo gebracht, wo ich bleiben konnte, bis mein Antrag auf politisches Asyl bewilligt wurde. Sobald ich meine Papiere hatte, musste ich das Institut verlassen und wohnte zwei Jahre in einem Wohnheim in Palermo. In dieser Zeit studierte ich, um einen Hochschulabschluss zu erlangen. Ich lernte Italienisch und besuchte einen Kurs für "kulturelle Mediatoren". Nach Abschluss des Kurses wurde ich von Ärzte ohne Grenzen angestellt.

Leider muss ich sagen, dass ich alles, was ich erreicht habe, meiner eigenen Stärke und der Hilfe einiger Freunde zu verdanken habe. Ich bekam keine Unterstützung von italienischen Behörden, obwohl ich ein Flüchtling bin.

Heute arbeitest du für Ärzte ohne Grenzen als kultureller Mediator in Lampedusa und Agrigento. Wie findest du die Arbeit?

Mit Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten, nimmt mich sehr in Anspruch, weil ich mich oft mit einer Situation konfrontiert sehe, die ich selbst als illegaler Migrant erlebt haben. Ich glaube, dass die Rolle von kulturellen Mediatoren sehr wichtig für Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen ist, weil die Arbeit auf Respekt für verschiedene Sprachen und Kulturen basiert.

Was war für dich der schwierigste Moment seit Verlassen deines Landes?

Es gibt keinen bestimmten Moment, mehr eine Reihe von Erkenntnissen und Zusammenstößen mit der Wirklichkeit. Es ist einfach, den Menschen verständlich zu machen, wie dramatisch meine nicht enden wollende Reise war. Aber es ist eine größere Herausforderung, zu erklären, wie schwierig es ist, ohne Arbeit und Zuhause zu sein. Ich hatte nicht erwartet, in einem Land wie Italien gegen Bürokratie und gesellschaftliche Gleichgültigkeit gegenüber Migranten ankämpfen zu müssen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich möchte das, was ich in den vergangenen Jahren erlebt habe, nutzen, um Migranten zu helfen. Ich möchte weiter studieren, und eines Tages möchte ich in einem der Länder arbeiten, in denen Armut und gesellschaftliche Gleichgültigkeit weiter bestehen.