Haiti

Die operative Nachsorge von Erdbebenopfern ist Priorität

Der neunjährige Emmanuel Dertimisse erhält nach einer unvermeidlichen Amputation Nachsorge im Zeltkrankenhaus in Delmas.

Die operative Nachsorge für Erdbebenopfer ist zurzeit Priorität. Auch psychologische Unterstützung ist wetierhin wichtig. Durch den Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung nach dem Erdbeben behandeln die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen inzwischen aber nicht nur Menschen, die bei der Katastrophe verletzt wurden, sondern jetzt auch zunehmend Patienten mit "normalen" Krankheiten.

So kommen beispielsweise immer mehr Kinder mit Krankheiten wie Durchfall und Atemwegsinfektionen in das Martissant-Krankenhaus in der Hauptstadt Port-au-Prince. Die mobilen Teams, die in der Stadt Leogane unterwegs sind, behandeln etwa 350 Patienten am Tag - viele von ihnen fragen nach Behandlungen, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Erdbeben stehen. Im Chanderelle-Krankenhaus in Port-au-Prince hat die Zahl der geburtshilflichen Fälle zugenommen. Das Team hat dort einen Lagerraum so umgebaut, dass die Zahl der Betten für Mütter von 18 auf 40 erhöht werden konnte. Jeden Tag kommen dort durchschnittlich zwölf Kinder zur Welt. Einer der Gründe für die zunehmende Zahl von Patientinnen scheint darin zu liegen, dass sich in der Stadt zunehmend herumspricht, dass in dieser Einrichtung sehr gut gearbeitet wird.

Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sehen bei ihren Konsultationen weiterhin sehr viele Menschen mit psychische Traumata als Folge des Erdbebens. 20 Prozent der Patienten, die von den mobilen Teams in Leogane und Port-au-Prince behandelt werden, leiden unter seelischen Problemen. Die typischen Symptome sind Angst, Verzweiflung, Schlafstörungen und auch Zorn. Je nach kulturellem Hintergrund der Menschen gibt es mehr oder weniger körperliche Symptome, die auf die Unterdrückung der Gefühle zurückzuführen sind. Das Stigma bezüglich dieser Art von Gefühlen ist in Haiti aber relativ gering. Die Psychologen und Psychiater von Ärzte ohne Grenzen berichten, dass die körperlichen Auswirkungen daher auf Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit begrenzt sind.

Betten für die langfristige Pflege fehlen

Die ersten Menschen, die die Mitarbeiter nach dem Beben mit psychologischer Hilfe unterstützt haben, waren die Patienten mit Amputationen. Die operative Nachsorge ist in Haiti noch immer Priorität. Da es nicht ausreichend Betten für die langfristige Pflege gibt, hat Ärzte ohne Grenzen die ersten 20 Patienten aus dem aufblasbaren Krankenhaus in St. Louis in das Zeltdorf in der Nähe von Delmas 30 verlegt. Das Krankenhaus in Bicentenaire hat 60 Betten zur Verfügung. Dort wird auch ein Behandlungsraum für Patienten mit Wundstarrkrampf eingerichtet, um die intensive Pflege anzubieten, die für diese gefährliche Krankheit nötig ist.

Die Lebensbedingungen für die Menschen, die ihr Zuhause verloren haben und nun in Lagern leben, sind schwierig. Es besteht ein dringender Bedarf nach Wasser und sanitären Anlagen. Ärzte ohne Grenzen plant, die 7.000 Menschen, die in den Lagern nahe des St. Louis-Krankenhauses leben, damit zu versorgen. Die Teams haben zusätzliche 20 bis 30 Orte in der Stadt bestimmt, in die Lastwagen Wasser bringen und in denen Latrinen gebaut werden. Ärzte ohne Grenzen verbessert den Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen für insgesamt 40.000 vertriebene Menschen in den Regionen von Port-au-Prince und Leogane. Es wurden wie geplant Haushaltsgegenstände wie Decken und Kanister an 7.000 Familien verteilt.