Kolumbien

"Die Menschen haben schreckliche Erlebnisse zu verarbeiten" - Interview

Dr. Frank Dörner, Geschäftsführer der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, im Interview.

In Kolumbien wurde im Mai 2010 gewählt. Leider gibt es wenig Hoffnung, dass das die Lebenssituation der Millionen von Menschen verändern wird, die durch den mehr als 40 Jahre andauernden Konflikt in dem Land vertrieben wurden. Meist leben sie in ärmlichen Verhältnissen und haben kaum Zugang zu medizinischer Hilfe. Ärzte ohne Grenzen ist in verschiedenen Regionen Kolumbiens tätig - vor allem, um die von der anhaltenden Gewalt zwischen bewaffneten Gruppen betroffenen Menschen zu unterstützen. Dr. Frank Dörner, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland, besuchte die Projekte und berichtet von seinen Eindrücken.

Was bedeutet der Konflikt in Kolumbien für das Leben der Menschen?

Die Bevölkerung auf dem Land lebt in der Gefahr, jederzeit bedroht, angegriffen oder vertrieben zu werden - meist werden sie beschuldigt, mit der einen oder anderen Konfliktpartei zu kollaborieren. Immer noch verschwinden Menschen spurlos.

Die Guerilla hat nach Rückschlägen ihre Strategie verändert. Sie setzt auf gezielte Angriffe, nicht mehr auf offene Gefechte. Zudem werden viele Landminen eingesetzt, die die Menschen gefährden. Bewaffnete Gruppen sind sehr aktiv und verbreiten trotz ihrer vermeintlichen Auflösung Angst und Schrecken. Die Bevölkerung wird Opfer von Entführungen, Vergewaltigungen und Mord. Die Politik setzt zur Bekämpfung des Konflikts auf militärische Mittel und arbeitet mit Propaganda. Medienberichten zufolge hat die Regierung in der Vergangenheit ein Kopfgeld auf die Tötung von Guerrilleros ausgesetzt ist. In einem Fall, über den in der Öffentlichkeit berichtet wurde, wurden Landarbeiter getötet und in Uniformen gekleidet, die sie als Angehörige der Guerilla ausweisen sollten. In Kolumbien wird dieser Fall als "Falsos Positivos" ("Falsche Treffer") bezeichnet. Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass es mehr als 2.000 solcher Falsos Positivos gibt.

Wie unterstützt Ärzte ohne Grenzen vom Konflikt Betroffene?

Die Menschen in akuten Vertreibungssituationen haben schreckliche Erlebnisse zu verarbeiten und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Oft mussten sie so schnell fliehen, dass sie kaum etwas mitnehmen konnten. Sie brauchen Unterkunft, Nahrung, medizinische und psychologische Unterstützung. Menschen, die akut medizinische Versorgung benötigen, werden von unseren Mitarbeitern behandelt. Sie sorgen auch dafür, dass sie psychologisch unterstützt werden. Das ist enorm wichtig, weil Betroffene häufig Traumata aus ihren Erlebnissen davon getragen haben, aber keine psychologische Aufarbeitung folgte.

Zudem erhalten die Menschen Materialien des täglichen Lebens. Das sind einfache Dinge wie Hygieneartikel und Wassereimer, Kochgeschirr und Decken. Darüber hinaus kümmert sich Ärzte ohne Grenzen darum, bei Verhandlungen mit Behörden zu helfen und die Unterbringung der Menschen sicherzustellen. Unsere Unterstützung ist vor allem in den ersten Tagen eines akuten Ereignisses wichtig, bis andere - z. B. das Internationale Rote Kreuz, die Hilfe übernehmen.

Welche Hilfe leistet Ärzte ohne Grenzen in Kolumbien sonst noch?

Die andauernde Traumatisierung der Menschen erfordert viel Aufmerksamkeit und ist daher ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Zu den Betroffenen gehören Frauen, die vergewaltigt wurden oder seit Jahren ihre vermissten Angehörigen suchen.

Unsere mobilen Teams gehen aber auch in abgelegene Gebiete, um Menschen, die nicht direkt vom Konflikt betroffen sind, medizinisch zu helfen. Das ist nötig, weil in ländlichen Gebieten kaum Gesundheitseinrichtungen existieren oder die vorhandenen für die dort meist in großer Armut lebende Bevölkerung wegen der Transportkosten kaum erreichbar sind. Es gibt zwar private Krankenversicherungen, sie stehen aber oft in dem Ruf, mit Patientendaten nicht vertraulich umzugehen, so dass die Menschen auch den Gesundheitseinrichtungen nicht mehr trauen. Die privaten Krankenversicherungen erhalten pro Versichertem eine Art Kopfpauschale und erwirtschaften in Kolumbien so die größten Gewinne der gesamten Wirtschaft.

Gibt es nach den Wahlen eine Chance auf Veränderung?

Die Chancen stehen nicht gut. Der Konflikt gehört gewissermaßen zur Normalität, und ist institutionalisiert, da die Interessen sehr vieler Gruppen dabei eine Rolle spielen. Das Militär stellt eine enorm wichtige Macht dar, und viel deutet darauf hin, dass US-amerikanische Interessen die militärischen Strategien mitdefinieren. Es gibt im Land eine Reihe großer Projekte, die hohe Gewinne versprechen. Es gibt den Handel mit Gold, Waffen und Drogen. Es ist kaum bekannt, dass in Kolumbien bislang etwa vier Millionen Menschen von ihrem Land vertrieben wurden. Ein großer Teil von ihnen während der letzten Jahre, unter der Regierung von Präsident Uribe. Als Ärzte ohne Grenzen sehen wir keine positiven Veränderung für Menschen, die medizinische Hilfe benötigen.