Myanmar

"Die Menschen haben noch nie eine derartige Katastrophe erlebt, alles verloren und wenig Hoffnung auf Hilfe"

Nach dem verheerenden Zyklon Nargis versorgt Ärzte ohne Grenzen in Myanmar Überlebende mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Hilfsgütern. Landeskoordinator Souheil Reiche berichtet von den Aktivitäten seines Teams.

Welche Hilfsmaßnahmen konnten Sie bis jetzt in die Wege leiten?

Am Montag, dem 5. Mai verteilten wir Hilfsgüter wie zum Beispiel Plastikplanen für Notunterkünfte an mehrere Tausend Menschen. Dienstag und Mittwoch konnten wir in Twantey, einem Gebiet zwei Stunden entfernt von Rangun, an 2.000 Menschen Nahrungsmittel für eine Woche ausgeben. Außerdem haben wir Nahrungsmittel an 350 Personen verteilt, die Zuflucht in einem Kloster gefunden haben. An Klöster und Schulen in denen viele Betroffene untergebracht sind, haben wir auch Diesel geliefert. Dort gibt es zwar Brunnen, aber keinen Treibstoff mehr für die Pumpen. Der Bedarf an Hilfe ist so groß, dass wir versuchen, dort wo wir uns ein Bild von der Lage zu machen auch gleich praktische Hilfe zu leiste, um Zeit zu gewinnen. Als die Teams aufbrachen, um die Situation in Twantey zu erkunden, nahmen sie gleich Hilfsgüter und eine Tonne Nahrungsmittel mit, um lebensrettende Soforthilfe leisten zu können.

Am Donnerstag entsenden wir ein Team, bestehend aus einem Arzt, zwei Logistikern und einem Übersetzer, in die südliche Region Babaley, etwa sieben Stunden entfernt von Rangun. Das Küstengebiet wurde von dem Zyklon sehr stark getroffen. Abhängig von dessen Einschätzung der Lage werden ihm Lastwagen mit Hilfsgütern und Nahrungsmitteln folgen.

Was sehen die Teams vor Ort?

Unsere Mitarbeiter treffen auf stark traumatisierte Menschen. Ein Fischer erzählte uns, dass sein Dorf vollständig zerstört wurde. Von den 4.000 Einwohnern eines Nachbardorfs, das komplett unter Wasser steht, hat er keinerlei Nachricht. Menschen erzählen, dass sie die Nacht des Zyklons in Bäumen verbracht haben und dabei beobachteten, wie ihre Dörfer zerstört wurden.

Die Menschen hier sagen, dass Burma noch nie eine derartige Katastrophe erlebt hat. Sie haben alles verloren und wenig Hoffnung auf Hilfe. In Twantey und Dalla wurden 80 Prozent der Dörfer zerstört. Einige Dörfer stehen noch immer unter Wasser und sind unerreichbar. Die Bambus-Konstruktionen, aus denen die meisten Häuser in diesen Dörfern bestehen, wurden komplett zerstört.

Es ist derzeit unmöglich, die noch immer überschwemmten Gegenden zu erreichen. Der einzig mögliche Zugang ist per Boot, aber alle Boote in der Region wurden zerstört. Wir versuchen, Boote in Rangun zu kaufen und vor Ort zu bringen.

In Rangun selbst haben unsere Teams die Lage in verschiedenen Bezirken evaluiert, darunter in Okalapa, wo derzeit etwa 4.000 Menschen auf fünf Quadratkilometern leben. Sie haben keinerlei Zugang zu sauberem Wasser, da alle Brunnen überschwemmt wurden oder kein Treibstoff für die Pumpen vorhanden ist. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Flusswasser zu trinken. Wir bauen nun ein System zur Verteilung von sauberem Trinkwasser auf.

Welche Probleme sind derzeit die größten?

Der Zugang zu Nahrungsmitteln, Unterkünften und Trinkwasser ist äußerst kritisch. Die vom Zyklon betroffene Bevölkerung war bereits vor dem Sturm äußerst verwundbar. Nun leben die Menschen unter enorm prekären Bedingungen, oft ohne Nahrung, sauberem Wasser oder einem Dach über dem Kopf. Außerdem sind Malaria und Dengue-Fieber in dieser Region stark verbreitet. Wir planen, inden nächsten Tagen Moskitonetzen zu verteilen.

Was sind die besonderen Schwierigkeiten dieses Hilfseinsatzes?

Bisher hatten wir keine Probleme oder Einschränkungen bei unseren Evaluierungen und Hilfsgüterverteilungen. Wir werden weiterhin Nothilfe für die betroffenen Menschen leisten und unsere Einsätze ausdehnen. Uns ist aber klar, dass wir mit den begrenzten Ressourcen an Material und Einsatzkräften die uns derzeit zur Verfügung stehen nicht angemessen auf die vorhandenen Bedürfnisse reagieren können. Nach dem Aufruf der Regierung zu internationaler Hilfe ist es nun dringend notwendig, dass spezielle Visa für Nothelfer ausgestellt und die Lieferung von Hilfsgütern erlaubt werden. Zusätzliche Teams von Ärzte ohne Grenzen sind seit 48 Stunden bereit zum Aufbruch und warten auf Visa, um ins Land zu kommen und uns bei unserer Arbeit im Delta zu unterstützen.