Die körperlichen und seelischen Narben der Menschen im Gazastreifen

Auch nach dem offiziellen Ende der Kämpfe im Gazastreifen brauchen viele Verletzte nach wie vor medizinische Versorgung, vor allem chirurgische Eingriffe oder post-operative Betreuung. Doch die Menschen benötigen auch soziale und psychologische Unterstützung.

In der letzten Januarwoche wurden in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Gaza-Stadt 20 Verletzte operiert. Die Hälfte der Patienten war unter 15 Jahre alt und 7 jünger als fünf Jahre. Das chirurgische Team von Ärzte ohne Grenzen hat Wunden behandelt und Hauttransplantationen durchgeführt. Auch schwere Verbrennungen wurden von den Chirurgen behandelt.

In den kommenden Tagen und Wochen rechnen die Teams mit noch mehr Patienten. Denn von den Mitarbeitern durchgeführte Erhebungen weisen auf einen großen Bedarf an chirurgischer Versorgung von Patienten hin, die in den ersten drei Januar-Wochen verletzt wurden.

Verwundete werden zuhause und über das Radio gesucht

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen finden Patienten, durch Hinweise der Mitarbeiter in den Kliniken von Gaza, aber auch indem sie in den am meisten vom Konflikt betroffenen Gebieten von Tür zu Tür gehen. Palästinensische Krankenhäuser überweisen zudem Patienten in die Klinik der internationalen Hilfsorganisation, und Ankündigungen im Radio informieren die Bevölkerung über chirurgischen Behandlungsmöglichkeiten.

Allein am 29. Januar wurden in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen für post-operative Betreuung in Gaza-Stadt 100 Verbände gewechselt und zahlreiche Physiotherapiestunden abgehalten. In einer weiteren Klinik der Organsiation in Khan-Yunis im Süden des Gazastreifens wurde für die Neuaufnahmen ein Auswahlsystem nach Dringlichkeit installiert. Die weniger schwer Verletzten werden in allgemeine Gesundheitszentren überwiesen, um für die jüngsten Kriegsverletzten Platz zu machen. Im Norden des Gazastreifens soll eine dritte Klinik für post-operative Behandlung eröffnet werden, um Patienten aus Ost Jabalia, Beit Hanoun und Beit Lahiya zu behandeln.

Alle Bewohner des Gazastreifens leiden unter psychologischen Problemen

Während der Offensive waren alle Menschen im Gazastreifen großem Leid und Unsicherheiten ausgesetzt. Es gab keinen sicheren Ort oder Zufluchtsmöglichkeiten. „Noch ist es zu früh, um die psychologischen Auswirkungen der letzten Bombardierungen und Kampfhandlungen abzuschätzen,“ sagt Angels Mairal, Koordinator des psychosozialen Hilfsprogramms von Ärzte ohne Grenzen. Doch das bisherige psychologische Team von Ärzte ohne Grenzen aus zwei klinischen Psychologen ist durch einen Psychiater verstärkt worden.

„Nach großen Stress-Phasen treten oft Albträume, Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust, Gereiztheit, schlechte Konzentrationsfähigkeit, übertriebene Wachsamkeit und psychosomatische Störungen wie Kopfschmerzen und Magenbeschwerden auf“, so Mairal. „Bleiben diese Probleme über einen Monat bestehen, müssen sie als Symptome einer post-traumatischen Belastungsstörung oder einer anderen psychischen Störung gesehen werden. Daher ist eine psychologische Betreuung der Betroffenen notwendig, um zu verhindern, dass diese Reaktionen zu Symptomen werden.“

Die momentanen Kurztherapien für reguläre Patienten werden noch zwei oder drei Monate weitergeführt. Parallel wird sich das Team im Rahmen von Diskussionsgruppen auf die Bedürfnisse der lokalen Rettungskräfte konzentrieren, die in den letzten paar Wochen ebenfalls starken Belastungen ausgesetzt waren.

Doppelt betroffen sind die Kinder

Am verwundbarsten waren jedoch die Kinder. "Sie sind doppelt betroffen“, sagt einer der Psychologen aus dem Team. „Sie sind direkt betroffen, wie alle anderen auch, aber sie leiden zusätzlich darunter, dass ihre Eltern nicht fähig sind, ihnen die Unterstützung zu geben, die sie benötigen." Auch in Zeiten, in denen keine Gewalt herrscht, macht es die ökonomische und politische Lage den Eltern schwer, ihren Kindern ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.

Das chirurgische Team von Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen besteht im Moment aus 25 Mitarbeitern, darunter drei Chirurgen, eine OP-Schwester, sechs Krankenschwestern und 13 unterstützende Mitarbeiter. Insgesamt sind für die Organisation zurzeit 96 palästinensische und 14 internationale Mitarbeiter im Gazastreifen aktiv.