Irak

Die endlose Reise syrischer Flüchtlinge

2013 ist Mohamed mit seiner Familie aus Damaskus geflohen und lebte seitdem im Flüchtlingslager Domiz in der Autonomem Region Kurdistan im Irak. Nun sieht er keine andere Möglichkeit mehr, als weiter zu fliehen.

In den vergangenen Monaten haben sich viele Menschen aus dem Flüchtlingslager in Domiz im Irak aufgemacht und ihre Flucht in Richtung Europa fortgesetzt. Ein Grund dafür ist, dass diesen Sommer die internationale humanitäre Hilfe drastisch gekürzt wurde. Viele Syrer und Syrerinnen sehen keine andere Möglichkeit mehr, als weiter zu fliehen. Sie müssen sich damit zum wiederholten Mal auf den Weg machen, nachdem sie zuvor oftmals bereits innerhalb Syriens mehrmals vertrieben wurden. Im Flüchtlingslager von Domiz leben zurzeit rund 40.000 Menschen. Die Anzahl der Geflüchteten bleibt dort relativ stabil, obwohl viele das Lager wieder verlassen. Denn immer wieder treffen Neue ein. Ärzte ohne Grenzen bietet im Lager seit 2012 medizinische Versorgung an, dazu gehören sowohl eine allgemeinmedizinische Betreuung, als auch Geburtshilfe und psychologische Hilfe.

Mohamed kommt eigentlich aus Derek, einer Stadt in den kurdischen Gebieten im Nordosten Syriens, zwischen den Grenzen des Irak  und der Türkei. Später lebte er in Damaskus und arbeitete als Busfahrer. Er ist Vater von vier Kindern, das jüngste kann noch nicht mal laufen. 2013 ist Mohamed mit seiner Familie aus Damaskus geflohen, nachdem der Krieg die Stadt zu unsicher gemacht hatte.

Wie viele tausend syrische Kurden ging Mohameds Familie schließlich in die Autonome Region Kurdistan im Irak und ließ sich im Flüchtlingslager Domiz nieder. Die Unterstützung für die Geflüchteten aus Syrien in Camps wie Domiz wurde diesen Sommer drastisch gekürzt und der Wert der Lebensmittel-Gutscheine von 31US$ auf nur noch 10US$ gesenkt wurde. Täglich bereiten sich daher Menschen darauf vor, den Weg ins Ungewisse zu beginnen, das Lager zu verlassen und nach Europa zu reisen, wo sie darauf hoffen langfristige Sicherheit zu finden und sich wieder ein Leben aufzubauen.

„Ich würde lieber bleiben, wenn ich könnte“

„Es macht mich nicht glücklich zu gehen, ich würde lieber bleiben, wenn ich könnte. Dann wäre ich in der Nähe meiner Eltern, aber wir haben keine Wahl“, so Mohamed. „Bis August haben wir Lebensmittel-Gutscheine bekommen, mit denen wir uns über Wasser halten konnten, jetzt bekommen wir gar nichts mehr. Im Sommer habe ich für einen Bauern gearbeitet, ein guter Mensch, den ich gut kenne. Ich habe sehr hart gearbeitet und er war der erste, der mir gesagt hat, dass ich am besten Traktor fahren kann. Aber dann konnte er seine Ernte nicht verkaufen und man wird erst bezahlt, wenn die Ernte verkauft ist. Also sagte er mir, dass er mich nicht bezahlen kann und ich weiß, dass das die Wahrheit ist.

Wie soll ich also meine Familie ernähren? Ich habe mir viel Geld geliehen, um statt unserem Zelt ein richtiges Haus aus Backsteinen zu bauen. Ich bin erst vor ein paar Wochen damit fertig geworden. Wir haben nicht lang darin geschlafen und müssen schon weiter ziehen. Niemand von uns will gehen, aber es ist einfach zu schwierig hier.

„Ich habe so hart gearbeitet, um das Zelt in ein Haus umzubauen“

Das Leben in Damaskus war gut. An meinen freien Tagen bin ich mit den Kindern in den Park gegangen. Sie liebten das. Seit wir im Lager in Domiz sind, fragen sie mich, warum wir nicht mehr in den Park gehen. Hier gibt es keine Parks, nur überall Staub. Und trotzdem würden wir lieber bleiben als zu gehen. Ich habe so hart gearbeitet, um das Zelt in ein Haus umzubauen und nun muss ich es verkaufen, um meine Schulden zurück zu zahlen. Es gib viele syrische Kurden, die außerhalb des Lagers leben und bereit sind etwas zu zahlen, um ins Camp ziehen zu können, da man hier keine Mieten und keine Rechnungen bezahlen muss.

Aber nachdem ich meine Schulden bezahlt habe, wird nicht mehr viel übrig bleiben, um die Schlepper zu bezahlen. Also werden wir unser Glück versuchen und einfach gehen und allen anderen folgen. Wir werden gemeinsam mit anderen Familien reisen, einige davon sind Verwandte von uns. Es ist zu gefährlich allein zu reisen. Viele Menschen sehen sich mit den gleichen Problemen konfrontiert und bereiten sich darauf vor zu gehen. Meine Verwandten warten nur noch darauf, dass ich jemanden finde, der mein Haus kauft.

„Mein Schwager wurde in Ungarn gestoppt und inhaftiert“

Meine Schwester will, dass ihre Tochter weiter zur Schule geht. Ihr Mann ist bereits vor zwei Wochen aufgebrochen, aber er wurde in Ungarn gestoppt und inhaftiert. Mehrere Tage lang wussten wir nicht, wo er ist und was passiert ist. Dann haben wir endlich die Nachricht bekommen, dass er entlassen wurde, nachdem ein Schlepper die Wachposten bestochen hatte.

Die Leute sind über WhatsApp in Kontakt. Es gibt immer eine Familie, die ein Smartphone hat und dieses mit den anderen teilt. Als wir Syrien verlassen haben, konnten wir nur sehr wenig mitnehmen, aber jetzt werde ich nur einen Speicherstick mit Fotos mitnehmen. Welche Erinnerungen soll ich behalten wollen, nachdem wir jahrelang im Zelt gewohnt haben?

Wir sind schon zu oft geflohen und meine Eltern wollen nicht noch einmal weiterziehen. Ich habe Angst, sie hier zurück zu lassen. Ich möchte nicht gehen und Angst um meine Familie haben. Wenn wir in der Türkei sind und ich höre, dass es im Irak Arbeit gibt, kommen wir zurück.“