Myanmar

"Die Bäume sahen aus wie Skelette, die Häuser wie Knochengerüste" - ein birmesischer Arzt berichtet über die Hilfe nach dem Zyklon

Nachdem der Zyklon Nargis die Delta-Region in Myanmar (Birma) am 3. Mai 2008 getroffen hat, arbeiten mehr als 250 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen rund um die Uhr, um die Überlebenden medizinisch und mit Nahrung und Unterkünften zu versorgen. Nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt Rangun berichtet ein birmesischer Arzt von der Arbeit im Delta.

"Am 6. Mai habe ich Rangun verlassen und einen Tag später das westliche Ufer des Deltas erreicht. Als wir auf der Hauptinsel ankamen, sah ich zuerst den völlig zerstörten Steg, an dem wir normalerweise mit unserem Boot angelegt hätten. So mussten wir aus dem Boot aussteigen und unsere gesamte medizinische Ausrüstung, Reissäcke und alles andere etwa eineinhalb Meter durch das Wasser tragen. Am zerstörten Anlegesteg standen Menschen, andere warteten in ihren Häusern, die keine Dächer mehr hatten.

Ein Tag ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Unser Team mit 22 Personen ist morgens um halb fünf aufgestanden. Dann haben wir die Boote beladen. An diesem Tag hat es stark geregnet und es war sehr schwer für uns, das Dorf zu erreichen. Wir sind dort um halb sechs angekommen. Ich sah Leichen überall im Fluss und fast alle Bäume, auch die sehr stabilen Kokosnusspalmen lagen am Boden. Die Bäume, die noch standen, hatten keine Äste mehr - sie sahen aus wie Skelette. Und auch die Häuser sahen aus wie Knochengerüste.

Wir luden alles aus und bauten unsere Klinik auf. Einige von uns erkundeten, was die Menschen am Nötigsten brauchten und wir sprachen mit dem Dorfoberhaupt und den Mönchen in den Klöstern. Wir zählten die Familien, die überlebt hatten und begannen dann, Nahrung wie Reis, Öl, Fischkoserven und Bohnen sowie Plastikplanen, Eimer, Seifen und Küchenutensilien zu verteilen. Wir versorgten etwa 600 bis 700 Haushalte. Gegen sieben Uhr abends hörten wir für den Tag auf und fuhren zu unserer Klinik zurück.

Zuflucht in den Klöstern

In den ersten beiden Tagen nach dem Zyklon suchten die Überlebenden Zuflucht in den Klöstern. Sie versuchten, ihre Häuser zu reparieren und bauten Dächer aus Kokosnussblättern, aber es reicht nicht aus.

Alles was sie an den ersten Tagen zu essen hatten, waren ein paar Kokosnüsse und das Holz der Kokosnusspalmen.

Überall im Delta arbeiten die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sehr hart. Nach zwei Wochen sind einige von ihnen erschöpft - körperlich und mental. Für viele unserer einheimischen Mitarbeiter ist es das erste Mal, dass sie so viele Leichen sehen. Sie erleben das erste Mal eine Katastrophe dieses Ausmaßes. Daher sind einige von ihnen erschüttert. Aber während ihrer Arbeit, vergessen sie, traurig zu sein. Sie arbeiten nur und arbeiten und arbeiten. Sie sind sehr motiviert.

Ich selbst war traurig, wenn ich Menschen sah, die keine medizinische Hilfe oder Nahrung oder eine Unterkunft hatten. Aber dann war ich manchmal glücklich, weil ich dachte: In Ordnung, wir arbeiten für sie und wir können helfen.

Am häufigsten sind Schnittwunden

Die meisten Gesundheitsprobleme, die wir sahen, waren infizierte Wunden, Fieber und Durchfall. Am häufigsten sind Schnittwunden. Menschen wurden von Holz und Bambusrohr verletzt und von Nägeln der Baumaterialien.

Ich erinnere mich besonders an einen Mann und seine Frau. Ich behandelte ihre kleinen Schnittwunden und als ich mich mit ihnen unterhalten habe, erzählten sie mir ihre Geschichte.

Sie haben die Katastrophe überlebt, aber tragischerweise ist ihr drei oder vier Jahre altes Baby gestorben. Als sie der Wirbelsturm traf und der Wasserpegel anstieg, waren sie noch zu dritt, und sie versuchten sich zu retten. Der Sturm dauerte fast acht Stunden.

Mitten im Sturm, nach etwa vier Stunden, sagte der Mann zu seiner Frau: "Ich kann dich nicht retten, weil ich das Baby retten muss." Die Mutter sagte: "In Ordnung, nimm das Kind und rette es." Der Mann erzählte, dass er das Mädchen auf seine Schultern nahm und schwamm und schwamm und schwamm. Nach drei Stunden sagte er zu seinem Kind: "Ich kann dich nicht retten, denn sonst werden wir beide sterben." So verlor er sein Kind... Er musste sein Kind zurücklassen. Die Mutter fand ein Stück Holz oder etwas anderes und blieb am Leben. Und im Flüchtlingslager sahen sie sich wieder. Sie weinten vor mir - wir alle weinten. Es gibt hier viele Menschen wie diese beiden.