Demokratische Republik Kongo

"Der Terror liegt in der Luft"

Vertriebene bei Kibati lassen sich am Straßenrand nieder.

Helen O'Neill arbeitet in der Programmabteilung von Ärzte ohne Grenzen und kehrte kürzlich von einem Einsatz in der Region Kivu im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo zurück, wo heute Tausende Menschen verzweifelt auf der Flucht vor Gewalt sind, nachdem sich der seit 15 Jahren andauernde Konflikt in der Region zu einem regelrechten Krieg entwickelt hat. In einem Einsatzbericht beschreibt sie die Situation vor Ort.

Die Situation in Kivu verschlechtert sich rapide und ändert sich stündlich. Die Menschen, die ich in unseren Kliniken traf, wurden durch den Konflikt bereits mehrmals vertrieben und sind krank, erschöpft und verängstigt. Nun werden Tausende erneut zur Flucht gezwungen.

Der nordöstliche Teil der Demokratischen Republik Kongo ist nach Jahren des Konflikts und des Blutvergießens zerrissen, der Gesundheitszustand der Bevölkerung enorm schlecht. Trotz der aktuellen Eskalation der Gewalt setzen unsere Teams die unabhängige medizinische Nothilfe für Menschen in Städten und Vertriebenenlagern in der Konfliktzone - genau genommen in und um Kitchana, Masisi, Mweso, Nyanzale, Rutshuru und Kayna - fort. In vielen Gegenden ist Ärzte ohne Grenzen die einzige verbleibende internationale Organisation, die medizinische und humanitäre Hilfe für die verzweifelte Bevölkerung leistet.

Die meisten kennen nichts als Krieg und Vertreibung

Die Situation ist verzweifelt und wir sind extrem besorgt. Die Menschen hier benötigen dringend humanitäre Hilfe. Sie brauchen medizinische Versorgung, Unterkunft, Nahrung und sauberes Wasser - dringend.

Wir schicken zusätzliche Mitarbeiter in die Region, um die Teams vor Ort zu verstärken. Doch die Gewalt muss aufhören. Die Menschen in Kivu haben genug gelitten. Die meisten von ihnen haben in diesem Kreislauf der Gewalt nichts als Krieg und Vertreibung kennen gelernt. Die Zivilbevölkerung ist gefangen in einer humanitären Krise, die sie nicht selbst verursacht hat, gefangen in einem Konflikt, der ihr alles raubt: ihre Würde, ihre Sicherheit, ihre Gesundheit, ihr Zuhause, ihre Lebensgrundlage, und - viel zu vielen - ihr Leben.

Tausende Menschen sind in Bewegung, ein konstanter Strom von Menschen

Die Gewalt hat furchtbare Auswirkungen. Nach Jahren der Vertreibung ist der Gesundheitszustand der Menschen schlecht, besonders jener der Kinder. Malaria ist in dem Land endemisch, wie auch Cholera, die sich besonders unter schlechten hygienischen Bedingungen, beispielsweise in überfüllten Camps, ausbreitet. Die grausame Realität ist, dass jene Kinder, die der aktuellen Gewalt diese Woche entfliehen konnten schon in den kommenden Wochen an einem Moskitostich sterben könnten, nur weil sie keinen Zugang zu medizinischer Hilfe haben. Diese Ungerechtigkeit ist schwer zu ertragen.

Die Menschen, die ich getroffen habe, leiden außerdem an Hunger, da sie ihre Felder nicht bestellen können. Es ist einfach zu gefährlich. Wenn man alleine versucht, sein Land zu erreichen, riskiert man erschossen oder vergewaltigt zu werden. Daher ist Mangelernährung ein weiteres großes Problem. In manchen Gebieten ist es sehr schwierig, die Vertriebenen zu finden. Da sie uns nicht erreichen können versuchen wir, wann immer wir Informationen über ihren Verbleib erhalten, sie mit unseren mobilen Kliniken zu erreichen.

Eingeschlossene Teams leisten lebensrettende Hilfe

Vergangene Woche waren unsere Teams in den Orten Mweso und Rutshuru in zwei Krankenhäusern eingeschlossen und leisteten lebensrettende medizinische Hilfe, während sie von draußen schweren Beschuss hörten. Am Wochenende brachen schwere Kämpfe um die Stadt Rutshuru aus, ca. 70 Kilometer entfernt von der Provinzhauptstadt Goma. Unser Team behandelte 80 Kriegsverletzte und kämpft seither rund um die Uhr um das Leben schwer verletzter Patienten.

Die aktuelle Eskalation der Gewalt hat unter der Bevölkerung große Panik ausgelöst. Der Terror liegt in Kivu in der Luft. Menschen nehmen ihre Kinder, ihr Vieh, so sie welches haben, und verstauen ihr Hab und Gut, um - wieder einmal - zu fliehen. Irgendwohin, wo sie ein wenig Sicherheit erwarten. In einer Woche befindet sich an einem Ort ein geschäftiges Dorf, die Woche darauf finden es unsere Teams komplett leer vor - eine regelrechte Geisterstadt. Tausende Menschen sind in Bewegung, ein konstanter Strom von Menschen befindet sich auf den Straßen.

Wer weiß wo all diese Menschen enden werden? Familien lassen sich in unwirtlichen Gegenden nieder, viele von ihnen im Busch, wo es keinerlei Zugang zu Gesundheitsversorgung gibt. Sie bauen Unterkünfte aus was auch immer sie an Materialien finden können, zum Beispiel Bananenblätter, und sind vollkommen den Regenfällen der derzeit herrschenden Regenzeit sowie der Kälte der Nächte ausgesetzt.

Helen O'Neill wird demnächst in die Demokratische Republik Kongo zurückkehren.