Demokratische Republik Kongo

"Der stumme Vater und sein Kind sind ein Abbild des Krieges" - Brief aus dem Projekt

Irgendjemand hat dem Mann einen Stuhl gereicht, auf dem er erschöpft niedersinkt. Er hat seine Tochter aus einem der nahen Zeltlager hergetragen. Auf der Flucht ist er mit seiner Familie bereits seit Anfang Oktober. Rajabu erzählt mir, wie der Krieg in sein Dorf kam, während Angela auf seinem Schoß schläft. Die Zweijährige ist mehr als erschöpft, sie ist entkräftet. Denn wie Dutzende andere in den Vertriebenenlagern nahe Goma in der Provinz Nord-Kivu, leidet sie an schwerem Durchfall, der ihr jede Energie raubt. Es besteht Verdacht auf Cholera. Im Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen wird sie untersucht und, wenn nötig, anschließend ein paar Tage am Tropf behandelt, um wieder zu Kräften zu kommen.

Zehntausende sind wie Angela und ihr Vater Rajabu vor Kämpfen, Plünderungen und Mord im Osten der D.R. Kongo nach Goma an den Kivusee geflohen, wo ihnen Plastikplanen und eine magere Essensration geboten werden. Die Menschen leben eng beieinander, ihre Abwehrkräfte sind geschwächt. Zugleich versickern Abwässer und Fäkalien auf dem vulkanischen Gestein schlecht, und Latrinen zu graben ist mühselig. Deshalb steigt in den Lagern die Zahl der Cholera-Fälle - eine Krankheit von schlechter Hygiene, Entbehrung und Flucht. Wir ebnen mit der Spitzhacke ein Terrain ein, um ein weiteres Behandlungszelt zu errichten. In der lauten Betriebsamkeit zwischen Patienten, Pflegern, Wäscheleinen und Chlorgestank sind der stumme Vater und sein Kind ein Abbild des Krieges: Niedergeschlagen, fremd unter Tausenden, entwurzelt auf grauem Vulkangeröll.

Tags darauf überfliege ich in einer Cessna die Lager. Ich bin auf meinem "Heimflug" nach Walikale, wo ich als Logistiker arbeite. Den Ort 120 Kilometer westlich von Goma können wir nur aus der Luft erreichen, weil die Straßen entweder zerstört oder wegen der Kämpfe unpassierbar sind. Gelandet wird auf einer Landstraße.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Krankenhaus des Ortes. Zudem ist unser medizinisches Team bis zu acht Stunden auf Motorrädern und schlammigen Pisten unterwegs, um eines von elf Gesundheitszentren zu erreichen.

In und um Walikale wurde zuletzt vor zwei Jahren gekämpft - Infrastruktur und Gesundheitseinrichtungen wurden dabei zerstört. Zwar hat die relative Ruhe seitdem ein bisschen Zuversicht aufkommen lassen, doch in der rohstoffreichen Gegend halten die Spannungen an. Milizen und Armee leben von dem, was sie der Bevölkerung abpressen, alte Rechnungen sind noch nicht beglichen, die Kriegsgewinnler verweigern sich dem Demilitarisierungsprozess und wollen Waffen und Macht noch nicht an zivile Institutionen abgeben.

Der jüngste Krieg ist in Walikale noch nicht angekommen - einige seiner Opfer aus einer akut von Kämpfen betroffenen Region allerdings schon: Kleinere Gruppen von Vertriebenen aus der Umgebung von Masisi, das etwa 60 Kilometer von Goma entfernt ist, haben sich in der Umgebung von Walikale in Hütten aus Bambus und Blattwerk niedergelassen. "Wir sind mit nichts als unserem Leben geflohen," sagt Mulimaji und weist auf den zerrissenen Stoff seines T-Shirts. Fünf Menschen seien bei dem Milizenangriff auf sein Dorf ermordet worden. Mein Kollege Julius prüft den Ernährungszustand der Kleinkinder, während ich Moskitonetze verteile. Zuweilen halten wir bei den Hütten an. Manchmal haben die Menschen Neuigkeiten aus ihrer Heimat - meistens schlechte.

Andern Tags ein Bild der Hoffnung: Unsere Werkstatt hat Krücken für Adolphe gefertigt, dessen Bein nach einer Trombose amputiert werden musste. Karsten, Arzt aus Wolfenbüttel, der die Operation durchgeführt hat, übergibt den Ersatz aus Tropenholz. Unsicher, aber voller Tatendrang macht der 60-jährige inmitten des rappelvollen Bettensaals im Krankenhaus von Walikale seine ersten Schritte. "Sie sind sehr mutig", lobe ich ihn. Adolphe wird noch viel Mut brauchen. Genauso wie die Menschen in Nord-Kivu, die seit über elf Jahren vergeblich auf Frieden warten.

Stephan Große Rüschkamp