Ärzte ohne Grenzen behandelt Frauen mit Geburtsfisteln

Das Projekt „Schmetterling“

Zanaba freut sich darauf, nach der Fistel-Operation endlich wieder ein normales Leben führen: "Wenn ich nach Hause zurückkehre, werde ich jeden Tag tanzen, singen und beten."

Zum Weltfrauentag am 8. März 2011 organisiert Ärzte ohne Grenzen einen Workshop in Genf, um die Behandlung von Geburtsfisteln zu verbessern. Zwei Millionen Frauen leiden weltweit unter dieser Geburtsverletzung, die schlimme Folgen hat und oft zur Stigmatisierung der Betroffenen führt.

"Die Sonne sollte nicht zweimal auf- und untergehen, wenn eine Frau ihr Kind gebärt", so ein Sprichwort. Trotzdem liegen viele Frauen in Afrika, wo die meisten Schwangeren zuhause entbinden, sehr lange in den Wehen. Kommen sie schließlich ins Krankenhaus, ist es für den Säugling oft zu spät, manchmal auch für die Mutter.

Die Geburtsfistel ist eine der schlimmsten Folgen, wenn es bei der Entbindung zu Komplikationen kommt. Sie entsteht, wenn der Kopf des Kindes zu lange auf das weiche Beckengewebe der Frau drückt. Da das Blut dann nicht mehr zirkulieren kann, stirbt das Gewebe ab. So entsteht ein Loch zwischen Scheide und Blase oder zwischen Scheide und Rektum. Manchmal auch an beiden Stellen. Als Folge kann die Frau ihren Urin oder Stuhl nicht mehr halten. Viele dieser Frauen leben in großer Scham und werden nicht selten von ihrer Familie und Dorfgemeinschaft verstoßen.

Betroffen sind vor allem junge Frauen, die in armen und abgelegenen Regionen leben, wo es nur selten medizinische Hilfe für Schwangere gibt. Vielen ergeht es wie der 16-jährigen Zanaba, die vergangenes Jahr von Ärzte ohne Grenzen in der Zentralafrikanischen Republik behandelt wurde. Erst nach dem dritten Tag in Wehen holte ihre Mutter eine traditionelle Geburtshelferin. Am siebten Tag wurde Zanaba ins nächste Krankenhaus gebracht. Die Fahrt dorthin, auf dem Rücksitz eines Motorrads, dauerte einen Tag. Bei der Ankunft war das Baby bereits tot. Die junge Mutter konnte gerettet werden. Doch es hatte sich aufgrund des langen Geburtsvorgangs eine Fistel gebildet, die operiert werden musste.

Spezielle chirurgische Technik nötig

Geburtsfisteln können vermieden werden, wenn Schwangere frühzeitig medizinische Hilfe erhalten. Deshalb kommen sie in Industrieländern kaum noch vor. Die Operation einer Fistel erfordert Kenntnisse einer besonderen chirurgischen Technik. Je nach Schwere des Falls kann der Eingriff mehrere Stunden dauern. In Afrika gibt es bislang nur wenige auf Fisteln spezialisierte Zentren. Der Workshop in Genf bringt daher Chirurgen und Experten verschiedener Organisationen zusammen.

Die Behandlung von Fisteln geht weit über die chirurgische Arbeit hinaus. So entwickeln sich manchmal Infektionen oder Hautkrankheiten, da die betroffenen Frauen ihren Urin oder Stuhl nicht halten können. Nach der Operation benötigen sie zudem Physiotherapie, um die Becken- oder Blasenmuskulatur wieder zu trainieren. Auch psychosoziale Unterstützung ist hilfreich, um die Frauen erneut in ihre Dorfgemeinschaft zu integrieren.

Beispiele Burundi, Tschad und Nigeria

Seit dem Jahr 2003 behandelt Ärzte ohne Grenzen Frauen mit Geburtsfisteln. In vielen Fällen werden dafür Projekte gestartet, die vier bis acht Wochen dauern. In Burundi, Tschad und Nigeria arbeitet Ärzte ohne Grenzen zurzeit in festen Zentren.

Das Zentrum in der burundischen Stadt Gitega wurde im Juli 2010 eröffnet. Es ist die einzige Einrichtung landesweit, in der Frauen mit Fisteln an sieben Tagen der Woche behandelt werden. "In diesen längerfristigen Projekten können wir die Patientinnen besser beobachten und die Therapie verbessern", so Geert Morren, Chirurg und Fistelspezialist bei Ärzte ohne Grenzen. "Unser Ziel ist es, innerhalb von drei Jahren jährlich 350 Frauen zu operieren. In dieser Zeit wollen wir drei burundische Chirurgen so trainieren, dass wir das Projekt später an die Behörden übergeben können."

In der Stadt Abeche, im Osten des Tschad, begann Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2008 das Projekt "Schmetterling". Dieser Name symbolisiert die Verwandlung, die betroffene Frauen erleben, wenn sie nach ihrer Operation nicht mehr isoliert leben müssen, sondern wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Valentin Valandi, ein tschadischer Chirurg, spezialisiert sich zurzeit auf die Behandlung von Fisteln und lernt dabei von internationalen Experten. "Jeder Fall ist anders, ich lerne täglich dazu", so Valandi. "Im Tschad sind schon zu viele Frauen falsch operiert worden. Das macht alles noch komplizierter."

In Nigeria behandelt Ärzte ohne Grenzen Fistel-Patientinnen in einem Krankenhaus in Jahun, im Norden des Landes. Im Jahr 2010 führte das Team dort rund 400 Fistel-Operationen durch.

Im Jahr 2010 operierten und behandelten die Teams von Ärzte ohne Grenzen rund 1.000 Frauen mit Geburtsfisteln.