Jordanien

Chirurgische Behandlungen für tausende irakische Gewaltopfer

Seit 2006 kamen mehr als 3.000 Patienten aus Irak, Jemen und Syrien in das Projekt für rekonstruktive Chirurgie in Amman.

In einer chirurgischen Spezialklinik in der jordanischen Hauptstadt Amman haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen seit 2006 mehr als 2.000 verwundete Iraker behandelt. In dem Projekt für rekonstruktive Chirurgie werden besonders komplizierte Operationen durchgeführt. Die Patienten sind derzeit vor allem Gewaltopfer aus der Provinz Anbar im Westen des Irak, wo Ärzte ohne Grenzen trotz der desolaten Sicherheitslage auch mit eigenen Teams arbeitet. Aber auch aus den übrigen Provinzen des Irak werden Patienten überwiesen.

Das Angebot der Spezialklinik umfasst chirurgische Eingriffe für oftmals hoch komplexe Fälle in drei Bereichen: orthopädische Chirurgie, plastische Chirurgie und Kieferchirurgie. Zudem stehen den Patienten Physiotherapie, eine psychosoziale Betreuung sowie während der gesamten Behandlungsdauer eine Unterkunft zur Verfügung.

Die Warteliste wird immer länger

Ein Netzwerk irakischer Ärzte im Irak überweist die Patienten an die Klinik in Amman und bereitet die Patientenakten vor. Die Patienten werden anhand von chirurgischen Kriterien ausgewählt. Zudem organisieren die Ärzte die Reise für die ausgewählten Patienten über die Grenze nach Amman und gewährleisten die postoperative Nachbehandlung.

Seit 2006 wurden mehr als 2.000 Patienten aus dem Irak aufgenommen, darunter allein 297 aus Anbar. Die Warteliste der Patienten aus dieser Provinz wird unterdessen immer länger. Ein Mediziner von Ärzte ohne Grenzen in der Provinz Anbar erklärt: „Die aktuelle Sicherheitslage in Anbar ist komplex und ziemlich schwierig. Der Konflikt hat zur Vertreibung unzähliger Familien aus Falludscha, Ramadi und den angrenzenden Gebieten geführt. Zehntausende Familien wurden in andere Provinzen vertrieben.“

Der Arzt fährt fort: „Die unsichere Lage hindert die Patienten, unsere Ärzte aufzusuchen und erschwert außerdem die Nachbehandlung von Patienten, die in den Irak zurückgekehrt sind. Die strikten Sicherheitsmaßnahmen wie Straßensperren führen dazu, dass Zivilpersonen nur schwer in die Städte hinein- und wieder hinausgelangen können. Auch wenn es uns im Moment noch möglich ist, Patienten aus Anbar in das Chirurgie-Projekt in Jordanien zu überweisen, muss ich doch die meisten Patienten außerhalb von Anbar besuchen. Um die Patienten sehen zu können, muss ich schon in die weitere Umgebung fahren – etwa nach Salah El Din oder Bagdad.“

Im Westen des Irak nur noch Notoperationen

„Die Ärzte in Anbar arbeiten alle unter erschwerten Bedingungen und geben ihr Bestes, sich neutral zu verhalten und allen Seiten in diesem bewaffneten Konflikt die nötige Hilfe zu leisten“, betont der Arzt weiter. „In Anbar werden nur noch Notoperationen durchgeführt. In einigen Spitälern herrschen immer wieder Engpässe bei medizinischem Material und Personal.“

Bisher konnten Tausende Verwundete im Projekt von Ärzte ohne Grenzen in Amman behandelt werden. Im Irak befinden sich jedoch noch Tausende weiterer Patienten, die keinen Zugang zu der von ihnen benötigten Behandlung haben. Durch die sich verschlechternde Sicherheitslage wird es auch für die Patienten, die aus Amman nach Hause zurückgekehrt sind, immer schwieriger, die nötige Nachbehandlung und Unterstützung zu bekommen.