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Flucht in den Tschad: Endlich in Sicherheit

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Hebamme Julia Falkner und Mutter mit ihrem Kind.

Julia Falkner

In der Grenzstadt Tiné unterstützt Julia Falkner Frauen und Mädchen, die vor dem grausamen Krieg im Sudan geflohen sind. Mit ihrem Team bietet die Hebamme einen Ort, an dem viele erstmals über das Erlebte sprechen können.

Vor mir sitzt ein 14-jähriges Mädchen. Sie richtet ihren Blick auf den Boden. Sanft frage ich: „Wie kann ich helfen?“ Schließlich erzählt sie stockend, warum sie in unsere Gesundheitsstation gekommen ist. Sie hatte im Vertriebenencamp Samsam im Sudan Zuflucht gesucht, als dort Milizen auftauchten. Diese vertrieben die Menschen aus den Unterkünften, plünderten, vergewaltigten junge Frauen. Als der Vater des Mädchens seine Töchter schützen wollte, erschossen sie ihn. Die Milizen nahmen das Mädchen mit, erst nach Tagen kam sie frei. Durch die Wüste ist sie bis hierher geflohen, in die kleine Grenzstadt Tiné im Tschad.

Erste Anlaufstelle für Frauen

Ich spüre, wie ausgeliefert und hilflos sich die Jugendliche fühlt. Es ist zu spät, um akute medizinische Hilfe zu leisten. Nach einer Vergewaltigung können wir nur innerhalb von 72 Stunden die Übertragung von Infektionskrankheiten verhindern. Zudem ist es uns nur in diesem Zeitfenster möglich, einer ungewollten Schwangerschaft mit Notfallverhütungsmittel vorzubeugen. Was wir tun können, erscheint mir erschreckend gering. Und doch bieten wir den Frauen eine sichere Umgebung, in der viele zum ersten Mal über das Erlebte sprechen können. Unsere psychologische Ersthilfe ist so wichtig: Sie kann schlimme Folgen der Traumatisierung verhindern.

Mitfühlend höre ich dem Mädchen zu. Sie schluchzt so sehr, der seelische Schmerz bricht aus ihr heraus. Eine Woche lang kommt sie immer wieder in unsere Klinik. Erstmals fühlt sie sich nicht mehr allein und schöpft wieder etwas Hoffnung für die Zukunft. 

Als Hebamme habe ich eigentlich mit Schwangerschaft und Geburt zu tun. Aber hier nahe dem Krieg behandle ich viele Überlebende von sexualisierter Gewalt. Vergewaltigungen gehören zur Kriegstaktik im Sudan. Oft habe ich mir gedacht: Das kann doch niemand überleben. Aber diese Frauen und Mädchen haben es geschafft, obwohl es kaum Hilfe gibt.

Notversorgung unter Schmerzen 

Die Lage ist für Frauen auch in Tiné schwierig, ohne ausreichend Notunterkünfte, Wasser und medizinische Versorgung. Aber hier haben sie wenigstens keine Angst mehr zu sterben. Auch viele Menschen, die bei Bombardierungen verletzt wurden, erreichen unsere Station, darunter ein sechsjähriger Junge. Eine Bombe hat seine linke Hand und den linken Fuß weggesprengt. Das rechte Bein ist gebrochen. Seine Mutter hat die Wunden mit einem Moskitonetz verbunden, um die Blutungen zu stoppen. 

Der Junge brauchte eigentlich eine Vollnarkose und Operation. Aber diese Möglichkeiten haben wir hier nicht. Ich helfe unserem Arzt, den notdürftigen Verband vorsichtig abzunehmen, dann reinige ich die Wunden. Das dauert fast zwei Stunden. Jede Berührung bereitet dem Jungen schlimme Schmerzen. Wir tun unser Bestes, damit sich die Wunden nicht infizieren. Und organisieren gleichzeitig einen Krankentransport, der ihn in das nächste Krankenhaus bringt.

Wir müssen füreinander da sein, auch über Grenzen hinweg.

Zwischen Schmerz und Hoffnung 

Es ist schwierig, die Schrecken des Krieges so unmittelbar zu erleben; auch die Schicksale der älteren Menschen bewegen mich sehr. Sie haben alles verloren. Manche sind blind oder können kaum gehen und empfinden sich als Last für ihre Familien. Aber dann teile ich auch schöne Momente mit den Menschen – trotz allem, was sie durchgemacht haben. Ich bin sehr froh, dass wir den Menschen helfen können und unsere Unterstützer*innen dies möglich machen. Wir alle haben doch das gleiche Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz. Wir müssen füreinander da sein, auch über Grenzen hinweg. Nur so können wir die Welt ein wenig besser machen.