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Tuberkulose: Alle 3 Minuten stirbt ein Kind – doch es gibt Hoffnung

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Portrait Julia von Hake

Julia von Hake

Ich bin Internistin und war seit 2018 mit Ärzte ohne Grenzen bereits in Usbekistan, Libyen, im Südsudan und Westjordanland im Einsatz. Aktuell arbeite ich im Zentrum für Tuberkulosekranke und -gefährdete Menschen in Berlin.

Als Ärztin nicht helfen zu können, weil die nötigen Diagnosemöglichkeiten fehlen, hinterlässt ein Gefühl der Hilflosigkeit. Besonders dann, wenn es um Kinder geht. Doch genauso geht es jeden Tag vielen meiner Kolleg*innen weltweit. Sie haben ein Kind vor sich, das vielleicht mit Tuberkulose (kurz: TB) infiziert ist. Doch die Gewissheit bleibt oft aus.

Bei Kindern wird TB häufig nicht erkanntLaut WHO haben im Jahr 2024 43% der mit TB infizierten Kinder und Jugendlichen keine entsprechende Diagnose erhalten – und somit auch keine Behandlung. Für Kinder unter 5 Jahren sind die Zahlen noch erschreckender: Bei jedem zweiten Kind bleibt die Tuberkulose unerkannt. 

Eine innovative Diagnosemethode zeigt allerdings erste Erfolge und verspricht Hoffnung, sodass in Zukunft mehr Kinder diagnostiziert und damit auch behandelt werden könnten.

Ein Sturz, der Leben rettete

Nach meinem Einsatz im Südsudan ist mir besonders ein 5-jähriger Junge in Erinnerung geblieben. Er war beim Spielen vom Baum gefallen und klagte danach über Schmerzen im Brustbereich. Dieser Unfall hat vermutlich sein Leben gerettet. Um auszuschließen, dass er sich etwas gebrochen hatte, veranlassten wir eine Röntgenuntersuchung. Für Patient*innen in Deutschland eine Selbstverständlichkeit, in vielen unserer Projektländern jedoch oft nicht verfügbar. Hier hatten wir zum Glück die Möglichkeit dieser Untersuchung. 

Glück im Unglück

Der Junge hatte sich nichts gebrochen. Es zeigten sich allerdings typische Zeichen einer Lungentuberkulose. Wir begannen sofort eine entsprechende Therapie und damit früh genug für den kleinen Jungen. Oft habe ich mich gefragt: Was wäre gewesen, wenn er nicht vom Baum gefallen wäre? Wenn er keine Schmerzen angegeben hätte? Dann hätte es kein Röntgen und keine Diagnose gegeben. Tuberkulose ist behandelbar, aber nur wenn sie erkannt wird. Dieser kleine Junge erinnert mich an all die anderen Kinder, deren Krankheit unentdeckt bleibt und die keine Behandlung erhalten. 

Warum TB bei Kindern oft unentdeckt bleibt

Kinder mit TB fühlen sich unwohl und schwach, haben keinen Appetit, nehmen nicht an Gewicht zu, bekommen Fieber oder haben unspezifische Schmerzen. Viele Ärzt*innen kommen nicht sofort auf den Gedanken, dass ein Kind mit TB infiziert sein könnte. Daher verordnen sie eine Behandlung, die nicht anschlägt. Häufig tritt TB zudem in Kombination mit anderen Erkrankungen oder Mangelernährung auf. Doch die Tuberkulose bleibt unentdeckt und damit unbehandelt, entweder weil nicht an TB gedacht oder die Erkrankung einfach nicht erkannt wurde.

Ohne Diagnose keine Behandlung

In anderen Fällen vermuten Ärzt*innen vielleicht sogar, dass ein Kind TB haben könnte. Doch selbst dann ist es oft zu schwierig bis unmöglich, eine sichere Diagnose zu stellen. In vielen Regionen, in denen TB besonders verbreitet ist, fehlen Röntgengeräte zur Untersuchung der Lunge oder Labore zur Auswertung von Blut- oder Speichelproben. Und selbst dort, wo Labore vorhanden sind, liefern Tests bei Kindern häufig falsche negative Ergebnisse. Der Grund: Kinder haben im Vergleich zu Erwachsenen eine deutlich geringere Bakterienlast.

Tuberkulose ist bei Kindern daher besonders schwer zu diagnostizieren. Und ohne eindeutige Diagnose kann das Gesundheitspersonal oft nicht mit der Behandlung beginnen. Diese dauert mehrere Monate und kann in seltenen Fällen Nebenwirkungen haben, die man dem Kind im Zweifelsfall gerne ersparen möchte. All diese Faktoren führen dazu, dass eine TB-Erkrankung bei zu vielen Kindern unerkannt bleibt. Diese Kinder werden dann erst viel zu spät behandelt – viele sogar gar nicht. 

Alle 3 Minuten stirbt ein Kind an TB

Rund 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche sind im Jahr 2024 an Tuberkulose erkrankt. Etwa 200.000 Kinder sind im selben Jahr daran gestorben. Dennoch fehlt es nach wie vor nicht nur an geeigneten Diagnosemethoden für TB bei Kindern, sondern auch an auf die Bedürfnisse von Kindern angepasste Medikamente. 

Die Kürzungen von internationalen Geldern führen oft zu Unterbrechungen von TB-Programmen. In Ländern, in denen die Krankheit besonders verbreitet ist, sind zahllose Familien gezwungen, vor Konflikten, Katastrophen oder Armut zu fliehen. Solche Entwicklungen könnten dazu führen, dass künftig noch weniger Kinder mit TB diagnostiziert werden. Schon heute stirbt alle 3 Minuten ein Kind an Tuberkulose – einer Krankheit, die vermeidbar und behandelbar ist. 

Neue Methode, neue Hoffnung

Doch es gibt auch Grund zur Hoffnung: Im Jahr 2022 hat die WHO eine vorläufige Empfehlung für einen Algorithmus zur Behandlungsentscheidung herausgegeben. Er wird zukünftig die Entscheidung erleichtern, ob ein Kind unter 10 Jahren gegen Tuberkulose behandelt werden muss. Dieser Behandlungsalgorithmus stützt sich vor allem auf klinische Symptome wie Mangelernährung und HIV-Status – und nicht ausschließlich auf Labortests.

Teams von Ärzte ohne Grenzen haben diese Methode in Projekten in 5 Ländern (Südsudan, Niger, Nigeria, Guinea und Uganda) angewendet und geprüft. Die Ergebnisse sind eindeutig: Mithilfe der Methode konnten doppelt so viele Kinder mit TB diagnostiziert und behandelt werden. Ein riesiger Fortschritt!

Behandlung darf kein Zufall sein 

Tuberkulose ist ein globaler Notstand, der seit Jahren zu wenig Beachtung findet. Kinder mit TB sind besonders vernachlässigt. Daher muss der empfohlene Algorithmus der WHO anhand der vielversprechenden Daten nun weltweit umgesetzt werden.

Gerade vor dem Hintergrund der internationalen Kürzungen in der globalen Gesundheit ist es Aufgabe der deutschen Bundesregierung, eine verlässliche und nachhaltige Finanzierung für die Tuberkuloseversorgung für alle, aber insbesondere für Kleinkinder, sicherzustellen. 

Der Junge aus dem Südsudan, den ich behandelt habe, hatte Glück. Ihn brachte ein Zufall in unsere Klinik. Viele andere Kinder haben dieses Glück nicht. Tuberkulose bei Kindern darf nicht länger ein Zufallsbefund sein. 

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