Armenien

Behandlung multiresistenter Tuberkulose in Armenien

"Für meine Enkel halte ich durch." Behandlung multiresistenter Tuberkulose in Armenien
Armenien zählt zu den Ländern, in denen es weltweit zu den meisten Neuerkrankungen an multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB) kommt.
Zusammen mit dem Gesundheitsministerium bietet Ärzte ohne Grenzen Patienten mit medikamentenresistenter Tuberkulose eine kostenfreie Behandlung an. Seit dem Start des Programms wurden 320 Menschen behandelt.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich Tuberkulose in Armenien und anderen Ländern in der Region ausgebreitet. Viele Armenier glauben, die resistente Form der Krankheit betreffe nur gesellschaftliche Randgruppen. Doch inzwischen breitet sich die Krankheit in weiten Teilen der Gesellschaft aus.

Die multiresistente Form entsteht, wenn Patienten die medikamentöse Behandlung von Tuberkulose unterbrechen – die Erkrankten können andere Menschen dann auch direkt mit resistenter Tuberkulose anstecken.

Ärzte ohne Grenzen betreut eine 90-Betten-Klinik für Patienten mit medikamentenresistenter Tuberkulose im Nationalen Tuberkulose-Behandlungszentrum in Abovian, einem Vorort der Hauptstadt Eriwan.

Tuberkulose-Proben werden im nationalen Labor auf eine Medikamentenresistenz untersucht. Auf Ergebnisse muss man oft drei Wochen warten.

Patienten, bei denen die medikamentenresistente Form von Tuberkulose diagnostiziert wurde, werden solange stationär aufgenommen, bis sie nicht mehr ansteckend sind – das sind meist etwa zwei Monate. Die weitere ambulante Behandlung der Krankheit kann von sechs Monaten bis zu zwei Jahren dauern – manchmal sogar länger.

Gagic Safarian leidet an MDR-TB. Er wird auf der Tuberkulose-Station von Ärzte ohne Grenzen behandelt. „Mir fällt es sehr schwer, die Tabletten eine nach der anderen zu nehmen, darum nehme ich sie alle auf einmal“, sagt er.

Die Injektionen, Pillen und Pulver, mit denen Patienten mit MDR-TB behandelt werden, sind Antibiotika mit sehr schweren Nebenwirkungen. Das letzte dieser Mittel wurde vor über 40 Jahren entwickelt, neue wirksamere und verträglichere Medikamente fehlen.

Die meisten Patienten leiden an Nebenwirkungen. Manchmal sind diese schlimmer sind als die Symptome der Krankheit. Viele Betroffene halten daher die strapaziöse Behandlung nicht bis zum Ende durch.

Krankenschwestern und Pfleger stellen die Medikamente täglich zusammen und überwachen die Patienten bei der Einnahme, um sicherzustellen, dass sie alle Pillen schlucken.

Nach der Behandlung im Nationalen Tuberkulose-Behandlungszentrum können Patienten, die nicht mehr ansteckend sind, nach Hause zurück kehren. Sie müssen jedoch täglich in die Polyklinik in Eriwan kommen, um ihre Medikamente unter medizinischer Aufsicht einzunehmen.

Eine ganze Handvoll Medikamente müssen die Patienten täglich einnehmen. Die Unterbrechung der Behandlung kann zu weiteren Resistenzen führen.

Das medizinische Personal kann zusätzliche Medikamente verschreiben, um die Nebenwirkungen zu lindern. Oftmals verschlimmern sich diese, je länger die Behandlung dauert, vor allem, wenn ein Erkrankter schon vorher anfällig war.

Von allen Patienten, die im Jahr 2007 mit der Tuberkulose-Behandlung begonnen haben, haben es 21 Prozent nicht geschafft, die Behandlung bis zum Ende durchzuhalten.

Die Patienten erhalten im Nationalen Tuberkulose-Behandlungszentrum die Behandlung kostenlos – doch Ärzte ohne Grenzen kosten die Medikamente Tausende von Dollar pro Kopf.

Mithilfe des Green Light Committees, einer Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO), werden sie zu einem reduzierten Preis eingekauft.

Adriana Palomares, die als Krankenschwester für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, spricht mit einem Patienten zu Hause. Mit sozialer und psychologischer Unterstützung wollen die Mitarbeiter gewährleisten, dass die Patienten ihre Behandlung vollständig abschließen.

Wenn Patienten nicht in eine der fünf Polykliniken rund um Eriwan kommen können, um ihre Medikation abzuholen, bringen ihnen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen die Medikamente nach Hause.

Auch Vazgen Hakobyan leidet an MDR-TB. Tuberkulose-Patienten werden in Armenien stark stigmatisiert. Die Menschen haben Angst, sich mit der Krankheit zu infizieren, auch wenn Patienten längst nicht mehr ansteckend sind. „Hier in Armenien treffen sich die Leute lieber mit HIV-Positiven als mit TB-Kranken“, sagt Vazgen.

Er leidet seit 1998 an Tuberkulose und wurde letztes Jahr ins Behandlungsprogramm aufgenommen. Er hat noch ein Jahr und vier Monate Tuberkulose-Behandlung vor sich. „Ich verbringe meine Tage mit Fernsehen auf dem Sofa oder in der Polyklinik. Für meine Enkel halte ich die Behandlung durch", sagt er.