Sudan

Ausweisung von Ärzte ohne Grenzen aus Darfur hinterlässt Vakuum in Gesundheitsversorgung - das Beispiel Kalma-Camp

Die Hälfte der in Darfur arbeitenden Teams von Ärzte ohne Grenzen wurde Anfang März von der sudanesische Regierung des Landes verwiesen. Lydia Geirsdottir arbeitete während der vergangenen neun Monate als Projektkoordinatorin im Kalma-Camp, einem der größten Vertriebenenlager der Welt. Im Interview beschreibt sie die Auswirkungen der Ausweisung für Tausende Menschen, die dort leben.

Wie ist die Lage im Kalma-Camp?

Am meisten beeindruckt mich der Kampfgeist der Menschen, ihre Stärke und das Motto, das sie zu haben scheinen: "Wir schauen nicht zurück, wir schauen in die Zukunft". Das Camp erstreckt sich über rund sechs Quadratkilometer, 90.000 bis 100.000 Menschen leben dort. Die Unterkünfte bestehen aus Ästen, Plastikplanen, lokal gefertigten Ziegeln und dem, was die Menschen finden, um die Wände zu bedecken. Das Camp ist dicht besiedelt, die Unterkünfte stehen eng beieinander.

Was hat Ärzte ohne Grenzen im Kalma-Camp gemacht?

Wir nannten unsere Klinik im Camp "Paradies"! Sie besteht aus einigen schönen Strohhütten mit relativ hohen Dächern, in denen man aufrecht stehen kann. Wir haben darin eine Gesundheitsklinik betrieben, inklusive einer Frauenabteilung und einem ambulanten Programm. Letztes Jahr hatten wir auch eine Abteilung für psychologische Hilfe, waren aber von den sudanesischen Behörden dazu aufgefordert worden, diese zu schließen. Jeden Tag kamen 200 bis 300 Patienten zur ambulanten Behandlung und 200 Frauen in die Frauenabteilung. Es war immer extrem viel los. Da die Klinik bereits seit 2004 bestand, war alles sehr gut organisiert. Die Mitarbeiter waren so gut ausgebildet, dass sie trotz der großen Patientenzahlen immer die Ruhe bewahrten.

Der Großteil unseres Personals sind Sudanesen, die selbst vertrieben wurden und in Kalma leben. Wir hatten auch einige medizinisch ausgebildete Mitarbeiter: Sie kamen aus der nahe gelegenen Stadt Nyala, aus anderen Teilen des Sudans oder waren internationale Mitarbeiter: Ärzte, Krankenschwestern, Hilfskrankenschwestern und Hebammen.

Unser medizinisches Team fuhr jeden Tag in die Klinik im Kalma-Camp. Jeden Tag um acht Uhr morgens brachen 30 Personen in einem Konvoi von Geländewägen aus Nyala auf. Am Weg nach Kalma mussten wir zwei militärische Checkpoints passieren, und sie entschieden jeden Tag aufs Neue, ob wir passieren durften oder nicht. Wir arbeiteten dort den ganzen Tag bis etwa vier Uhr nachmittags, dann musste das "Nyala Team" zusammenpacken und im Konvoi zurückfahren. Kalma gilt als ziemlich unsicheres Camp, das für Außenstehende zum Übernachten zu gefährlich ist. Wir durften nur in das Camp selbst, nie in die umliegenden Dörfer, wegen des Risikos, angegriffen und der Autos beraubt zu werden.

Was sind die Auswirkungen des Rauswurfs von Ärzte ohne Grenzen aus dem Kalma-Camp?

Ich würde sagen, es ist eine Katastrophe. Nicht nur Ärzte ohne Grenzen, sondern auch die einzige andere Nichtregierungsorganisation, die hier medizinische Hilfe geleistet hat, musste abziehen.

Unsere sudanesischen Kollegen aus Kalma sind noch immer dort, aber unter ihnen sind nur zwei von uns ausgebildete medizinische Mitarbeiter, die einfache Gesundheitsprobleme behandeln können. Wir behandelten alles, von einfachen Problemen bis hin zu schwerwiegenden Krankheiten wie Atemwegsinfektionen, Lungenentzündungen, Malaria und Meningitis. Die komplizierten Fälle konnten wir in das zwölf Kilometer entfernte Krankenhaus von Nyala überweisen, und wir halfen den Patienten beim Transport dorthin. Jetzt kann ich mir nicht vorstellen, wie sie die Strecke zurücklegen, da sie zu gefährlich ist.

Was sind die wichtigsten Konsequenzen aus medizinischer Sicht?

Derzeit gibt es einen Meningitis-Ausbruch in dem Camp - ein ernsthafter medizinischer Notfall. Vor vier Wochen kamen die ersten Meningitispatienten in unsere Klinik. Wir führten die Standardtests durch, basierend auf Proben der Spinalflüssigkeit. Die Ergebnisse mussten an die Gesundheitsbehörden geschickt werden, da mit einer Impfung erst nach der entsprechenden Erlaubnis begonnen werden darf. Wir trafen alle Vorbereitungen für eine Massenimpfkampagne für ungefähr 80.000 Menschen. Das Gesundheitsministerium bestätigte den Ausbruch erst einen Tag vor der Ausweisung. Momentan gibt es in dem Camp weder Behandlungsmöglichkeiten oder Impfungen noch Überweisungsmöglichkeit in das Krankenhaus von Nyala. Das heißt, dass Menschen sterben werden.

Welche Sorgen gibt es noch in Bezug auf die Menschen in Kalma-Camp?

Obwohl die Fälle sexueller Gewalt, die wir in der Klinik behandelten, über die Zeit abnahm, hatten wir zuletzt noch immer rund sechs betroffene Patienten im Monat. Wir hörten, dass es mehr Fälle gab, dass aber viele Frauen Angst davor hätten, in die Klinik zu kommen. Sexuelle Gewalt kommt in Kalma regelmäßig vor. Es passiert meist, wenn Frauen versuchen, das Camp zu verlassen, um Brennholz zu sammeln oder Felder außerhalb des Camps zu bestellen.

Wenn sie aber kein Brennholz sammeln und nichts anbauen, gibt es kein Abendessen. Eine Frau erzählte mir, dass ihr Mann, wenn er das Camp verlassen würde, getötet werden würde, sie hingegen riskiere nur, vergewaltigt zu werden. So ist das Leben für Frauen in Kalma. Es ist eine harte Realität.

Jeden Tag sahen wir Frauen mit Komplikationen bei der Geburt, und jeden Tag vollbrachte das Personal in der Klinik kleine Wunder. Chirurgische Eingriffe konnten wir nicht selbst durchführen, Notfälle aber nach Nyala transferieren, wo ein Arzt von uns die Behandlung sicherstellen konnte. Jetzt, wo Ärzte ohne Grenzen gehen musste, werden die Frauen versuchen müssen, selbst nach Nyala zu kommen, was sehr gefährlich ist. Ich fürchte sehr, dass diese Frauen und Kinder jetzt leiden werden, wo wir weg sind.