Libanon

"Am Anfang war ich total überwältigt" - Aus den Erfahrungen einer psychiatrischen Krankenschwester

Farah Malyani arbeitet als Psychatriekrankenschwester im Zentrum für psychische Erkrankungen in Burj Al Brajneh.

Farah Malyani ist Palästinenserin und arbeitet als psychiatrische Krankenschwester im Gesundheitszentrum in Burj El Barajneh. Nachfolgend erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Das Zentrum von Ärzte ohne Grenzen befindet sich in einem Gebiet mit großer Armut und viel Leid. Wir sehen hier viele Menschen, deren Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden. Sie haben mehrere Kriege erlebt. Viele Menschen in den Flüchtlingslagern leben hier seit mehreren Generationen. Auf diese Art und Weise ist eine Vielzahl an individuellen psychischen Gesundheitsproblemen entstanden. Ich habe früher in einem Krankenhaus mit psychiatrischen Patienten in Beirut gearbeitet. Die Schwierigkeiten, mit denen wir hier konfrontiert werden, sind jedoch ganz anders.

Die Arbeit löst bei mir ganz unterschiedliche Gefühle aus. Manchmal berichten die Menschen hier von ihren ganz alltäglichen Schwierigkeiten. Sie haben beispielsweise nichts zu essen oder wissen nicht, wo sie schlafen sollen. Das führt mir vor Augen, dass sie um die Erfüllung ganz grundsätzlicher menschlicher Bedürfnisse kämpfen. Es ist dann sehr schwierig, sich emotional nicht zu sehr darauf einzulassen. Ich habe Mütter kennengelernt, die aufgrund ihrer Depressionen nicht in der Lage sind, sich um ihre Familien zu kümmern. Ich kann dann nicht anders, ich denke einfach, ich wäre an ihrer Stelle total verloren. Aber es ist meine Aufgabe, diesen Menschen zu helfen. Darum muss ich stark sein.

Am Anfang war ich total überwältigt. Ich habe mich ständig gefragt: Wie können wir den Menschen helfen? Wird Zuhören und das Verteilen von Medikamenten wirklich ausreichen? Letztendlich habe ich eingesehen, dass es den Menschen schon besser geht, wenn ihnen jemand wirklich zuhört. Zudem können die Medikamente dabei helfen, Ängste und Depressionen zu bekämpfen. Das macht schon einen Unterschied. Durch die Behandlung können die Menschen wieder ihrer Arbeit nachgehen und sich um ihre Kinder kümmern. Obwohl es sich hier noch um ein neues Projekt handelt, haben wir bei unseren Patienten bereits viele Fortschritte beobachtet. Es ist großartig, das zu sehen.

Wir versuchen zudem als Team, die Wahrnehmung von psychischen Störungen in der Gesellschaft zu verändern, damit die Betroffenen nicht mehr stigmatisiert werden. Wie oft haben Patienten schon zu mir gesagt: „Ich bin doch nicht verrückt! Denken Sie bloß nicht, dass ich verrückt bin!“ Ich erkläre ihnen dann, dass ihr Zustand von einer psychischen Erkrankung ausgelöst wird, und dass diese wie Bluthochdruck oder Diabetes behandelt werden kann.