Uganda

Ärztin mit Grenzen

Die Anästhesistin Gudrun Jellinghaus ist seit 2004 immer wieder für Ärzte ohne Grenzen unterwegs.

Für sie ist es die Erfüllung als Mensch: Die Anästhesistin Gudrun Jellinghaus aus Wuppertal gehört zur Organisation "Ärzte ohne Grenzen e.V." und behandelt Menschen in Kriegs- und Katastrophengebieten.

Text: Brigitte Haertel

Das Heim eines Menschen, so heißt es, verrät mehr über sein Wesen als alles andere: mehr als sein Gesicht, seine Sprache, seine Kleidung. Die Ärztin Gudrun Jellinghaus bewohnt im Wuppertaler Stadtteil Elberfeld den zweiten Stock eines eleganten Gründerzeit-Altbaus: Die Einrichtung erzählt von einem guten Gefühl für Ästhetik, das feine Porzellanservice von ihrer Liebe zu alten Dingen. Über allem kräuselt sich der Duft von Tee und Gebäck, und gäbe es einen Duft für Wärme, der Raum wäre erfüllt davon. Schon als Kind wollte die Arzttochter Medizin studieren, als Vater im Krieg blieb, zog ihre Mutter sie alleine groß. Das Studium hat sie trotzdem geschafft.

Heute, nach 40 Berufsjahren ist Gudrun Jellinghaus sicher: "Ich würde es wieder tun." Die meiste Zeit ihres Lebens hat sie in Kliniken gearbeitet, mit Ende 50 geht sie in den selbst gewählten "Vorruhestand", um bei "Interplast", einem gemeinnützigen Verein für Plastische Chirurgie in Entwicklungsländern, erste Auslandseinsätze zu wagen.

"Es war eine Mischung aus Abenteuerlust, Neugier und Helfenwollen, die mich im Jahr 2000 zu Ärzte ohne Grenzen führte", sagt Gudrun Jellinghaus. Seither rettet sie Leben - oder sie versucht es zumindest - etwa sechs Monate des Jahres in Bürgerkriegs- und Katastrophengebieten als Teil eines internationalen Teams. "Dort können wir unmittelbar am Patienten arbeiten, da ist eine direkte Nähe zum Menschen, auch ohne superschicke Beatmungsgeräte."

Sie erzählt von den Schrecken des Terrors in Uganda: "Fast jede Familie dort hat Opfer zu beklagen. Da werden Kinder in einem Schulbus in die Luft gesprengt, und wir müssen erst mal sehen, wer ist schwer verletzt, wer überhaupt nicht mehr zu retten. Das ist auch emotional harte Arbeit." Sie atmet schwer, wenn sie darüber spricht. Und sinniert in die Weite des Raumes hinein.

Gudrun Jellinghaus und ihre Kollegen leben mit der Improvisation, mit dem Unvorhersehbaren, mit der Allgegenwart des Todes, aber es ist auch eine kreative Arbeit, und sie ist ja dort um Leben zu retten, und das, so sagt sie, gibt ihr Kraft und Mut. Und vor allem: "Ich bekomme so viel zurück von den Menschen."

Wo liegen die Grenzen einer Ärztin ohne Grenzen? "Die Grenzen erfährt man in dem Moment, wo man keine Chance hat, dem Patienten zu helfen. Grenzen erfährt man auch, wenn in den Kriegsgebieten die Soldaten mit ihren Waffen dastehen. Die können bestimmen, wer zuerst behandelt werden muss. Letztes Jahr in der Elfenbeinküste: Das Krankenhaus wird im Handstreich von einem Kriegsherren genommen, er selbst wird schwer verletzt. Plötzlich sind wir umgeben von jungen Soldaten, einer will mir meine Uhr abnehmen. Was sagt man, wenn die Mündung einer Kalaschnikow einen ansieht, die ist doch ein schlagendes Argument."

Sie wird wieder still. Und meint nach einer Weile: "Da stehe ich und muss mit meiner Angst fertig werden." Gudrun Jellinghaus ist ein intensiver Mensch, sie hat viel nachgedacht in ihrem Leben, eine ausladende Bibliothek im Wohnraum erzählt von Wissensdurst und Wahrheitssuche.

Die Wahrheit, davon ist sie überzeugt, sei nur in der Liebe zu finden, und nach dieser Erkenntnis hat sie ihr Leben ausgerichtet.

Bald trägt ein Flugzeug sie wieder fort nach Sri Lanka, einer Insel, von der die Terrorgruppen immer weniger übrig lassen. "Es braucht immer eine Weile, bis man ein Gefühl bekommt für die Kultur und Mentalität der Menschen."

Verändert sich die Einstellung zum Tod, wenn man so oft mit ihm konfrontiert wird? Gudrun Jellinghaus lächelt: "Als junge Ärztin war der Tod mein größter Feind, ich war glücklich und stolz, wenn ein Patient die Intensivstation lebendig verlassen konnte, und tief deprimiert und enttäuscht, wenn ich es nicht geschafft hatte. Der Tod war diskutierbar, in diesem progressiven Denken war es begeisternd, Strategien gegen ihn zu entwickeln, also das Leben zu verlängern."

Und heute? Sie denkt nach und schüttelt mit dem Kopf. Nein, der Tod ist nicht mehr ihr größter Feind. Er gehört nun mal zum Leben.