Haiti

Ärzte ohne Grenzen weitet die medizinische Hilfe in den Krankenhäusern der Erdbebenzone aus - neue Klinik für Februar geplant

Blick auf den Slum Martissant der Hauptstadt Port-au-Prince. Viele Haitinaner haben nach wie vor kaum Zugang zu medizinischer Hilfe.

Auch zwei Jahre nach dem Erdbeben kommt der Wiederaufbau des Gesundheitssystems in Port-au-Prince und Umgebung nur schleppend voran. Eine Mehrheit der Haitianer hat nach wie vor kaum Zugang zu medizinischer Nothilfe.

Der 12. Januar wird den Menschen in Haiti noch lange in Erinnerung bleiben: Kaum jemand, der in dieser Katastrophe nicht ein Familienmitglied, einen Freund oder einen Nachbarn verlor. Zahlreiche Überlebende leiden bis heute an den physischen oder psychischen Folgen des Erdbebens. Auch die Straßen von Port-au-Prince voller nicht weggeräumter Trümmer und klaffender Löcher zeugen noch heute von der Tragödie.

Ärzte ohne Grenzen war bereits vor der Katastrophe im Land präsent und verlor an jenem Tag zwölf Mitarbeiter. Auch zwei Krankenhäuser von Ärzte ohne Grenzen wurden zerstört: die chirurgische Klinik "La Trinité" und das Geburtshilfe-Krankenhaus "Maternité Solidarité". Seither wurden vier neue Einrichtungen gebaut, in denen sich die Organisation um medizinische Notfallpatienten kümmert. Sie versorgt mehr als zwei Millionen Einwohner. Ferner betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Gesundheitszentrum und unterstützt die staatlichen Gesundheitsbehörden in einem Krankenhaus im Elendsviertel Cité Soleil.

600 Krankenhausbetten für die Haitianer

Im vergangenen April wurde das Referenzkrankenhaus für Geburtshilfe (Centre de Référence en Urgences Obstétricales - CRUO) im Bezirk Delmas 33 in Betrieb genommen. Das Zentrum verfügt über 130 Betten und versorgt schwangere Frauen mit Komplikationen, die für die Mütter oder die ungeborenen Kinder oft lebensgefährlich sind. Seit der Eröffnung sind bereits 1.432 chirurgische Eingriffe vorgenommen worden, 4.600 Neugeborene haben dort das Licht der Welt erblickt. So auch Esther, das Töchterchen von Belgarde. Die Mutter berichtet: "Meine ersten drei Babys habe ich unmittelbar nach der Geburt verloren. Auch das letzte kam zu früh, aber dank der Behandlung, die wir hier erhalten, bin ich zuversichtlich, bald mit ihm nach Hause gehen zu dürfen."

Das Krankenhaus von Drouillard, das am 9. Mai 2011 im Norden der Hauptstadt eröffnet wurde, ersetzt das aufblasbare Krankenhaus Saint-Louis, das das ganze Jahr 2010 über in Betrieb war. Die neue Einrichtung mit 208 Betten bietet chirurgische und medizinische Nothilfe an und verfügt über eine auf Verbrennungsopfer spezialisierte Einheit sowie eine Abteilung für mentale Gesundheit. Täglich werden hier im Durchschnitt 55 Notfälle behandelt und 20 chirurgische Eingriffe vorgenommen, monatlich werden mehr als 360 Patienten eingeliefert. "Von den Fällen, mit denen wir heute zu tun haben, stehen sehr wenige in direktem Zusammenhang mit dem Erdbeben. Bei drei Vierteln handelt es sich um Unfälle im Straßenverkehr oder im Haushalt, die übrigen sind vor allem Gewaltopfer. Wir beobachten auch eine höhere psychische Anfälligkeit. Seit der Katastrophe haben die Patienten mehr Schwierigkeiten, wenn ein zusätzliches Trauma hinzukommt, etwa verursacht durch eine Gewalttat oder einen Unfall", erklärt der medizinische Leiter Félix Konan-Kouassi.

Das Krankenhaus Chatuley existiert seit Januar 2010 und befindet sich nahe des Epizentrums des Bebens in der zu mehr als 80 Prozent zerstörten Stadt Léogâne. Zunächst waren die Menschen in provisorischen Zeltlagern versorgt worden, bis im Oktober desselben Jahres das Container-Krankenhaus Chatuley mit einer Kapazität von 160 Betten eröffnet wurde. Bis heute ist es das einzige Krankenhaus in dieser Region und konzentriert sich auf medizinische Notfälle, insbesondere in den Bereichen Gynäkologie/Geburtshilfe und Pädiatrie. 2011 hat das medizinische Personal des Krankenhauses insgesamt 73.741 Patienten behandelt, 3.755 chirurgische Eingriffe und 4.501 Entbindungen durchgeführt.

Neues Krankenhaus für Notfallchirurgie und Traumatologie geplant

Im Industriegebiet von Tabarre im Osten von Port-au-Prince sind Bauarbeiter dabei, das Zentrum "Nap Kenbe" fertig zu stellen. Der Name bedeutet auf Kreolisch "Hoffnung". Dieses letzte Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen soll das Angebot für eine kostenlose Gesundheitsversorgung in der Hauptstadt erweitern. Die Einrichtung verfügt über eine Kapazität von 108 Betten und soll zu einem Zentrum für Notfallchirurgie und Traumatologie werden. Die Eröffnung ist für Februar 2012 vorgesehen.

Ärzte ohne Grenzen setzt darüber hinaus die medizinischen Aktivitäten im Gesundheitszentrum von Martissant fort. Das Zentrum wurde schon 2006 in Betrieb genommen, im Durchschnitt werden dort monatlich 4.370 Patienten behandelt.

Wachsam bleiben gegen die Cholera

"Ein Teil der Gesundheitseinrichtungen in der Hauptstadt ist am 12. Januar 2010 dem Beben zum Opfer gefallen, Dabei hatte es schon vor der Katastrophe nicht genügend funktionsfähige Einrichtungen gegeben. Das Erdbeben hat daher vor allem die Mängel im Gesundheitssystem aufgezeigt und seine Unzulänglichkeit deutlich gemacht", erklärt Gérard Bedock, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Haiti. "Der Wiederaufbau braucht viel Zeit. In der Zwischenzeit versuchen wir, trotz des mangelhaften Gesundheitswesens unser Möglichstes zu tun und reaktionsfähig zu bleiben, insbesondere bei Notfällen wie etwa der Cholera."

Seit Ende Oktober 2010 wird Haiti von einer schweren Cholera-Epidemie heimgesucht, von der im ganzen Land bis heute über eine halbe Million Kranke betroffen sind. "Hunderttausende leben immer noch unter armseligen Bedingungen in vorübergehenden Notunterkünften. Die Menschen haben überall nur unzureichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu sanitären Einrichtungen, insbesondere in den ländlichen und abgelegenen Gebieten", sagt die medizinische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen, Wendy Lai. "Diese prekären Bedingungen begünstigen die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Auch wenn die Anzahl neuer Cholerafälle heutzutage insgesamt stark abgenommen hat, sind es trotzdem mehrere hundert Fälle pro Woche, und die Risiken einer saisonal bedingten erneuten Zunahme bleiben sehr hoch. Wir müssen daher äußerst wachsam bleiben."

Überleben in Martissant

Nach dem Erdbeben und der Cholera-Epidemie kämpfen die Menschen in den Elendsvierteln von Port-au-Prince in einer Umgebung, die von Gewalt geprägt ist, ums Überleben. Multimediale Einblicke in den Alltag im Slum Martissant gibt die Seite www.urbansurvivors.org.

Ärzte ohne Grenzen hat 1991 die ersten Projekte in Haiti eröffnet und seitdem auf verschiedene Naturkatastrophen und Krisensituationen reagiert. Am Tag nach dem Erdbeben, am 12. Januar 2010, startete Ärzte ohne Grenzen den bisher größten Einsatz seit Bestehen der Organisation. Innerhalb von zehn Monaten wurden 358.000 Menschen behandelt, 16.570 chirurgische Eingriffe vorgenommen sowie 15.100 Entbindungen durchgeführt.Im Kampf gegen die Cholera-Epidemie mobilisierte Ärzte ohne Grenzen noch einmal alle Kräfte. Auf dem Höhepunkt der Krise waren im ganzen Land verteilt 4.000 Mitarbeiter in mehr als 75 Gesundheitseinrichtungen im Einsatz. Etwa 170.000 Kranke wurden zwischen Oktober 2010 und November 2011 behandelt. Für den Fall einer erneuten Verschlimmerung der Epidemie hat Ärzte ohne Grenzen einen Notfallplan ausgearbeitet, um rasch und möglichst flächendeckend reagieren zu können.