Tschad

Ärzte ohne Grenzen reagiert auf Nahrungsmittelkrise

Therapeutisches Ernährungszentrum in Dakoro in der Sahelzone im Niger.

Die wiederkehrende Nahrungsmittelknappheit scheint in diesem Jahr in der Sahelzone besonders ernst zu sein. In einigen wenigen Regionen droht in den kommenden Monaten eine akute Ernährungskrise. Ärzte ohne Grenzen erweitert seine Ernährungsprojekte und reagiert damit auf den Höhepunkt der saisonal bedingten Fälle von Mangelernährung. Gleichzeitig entwickelt die Organisation langfristig ausgelegte Hilfsleistungen, die in die bestehenden Projekte integriert werden können.

Für die westliche Sahelzone wurde eine Ernährungskrise ausgerufen. Nach Schätzungen von Unicef sind bis zu 15 Millionen Menschen in sechs Ländern der Region von einer Nahrungsmittelunsicherheit betroffen. In einer Region, in der die Raten akuter Mangelernährung bei Kindern regelmäßig den Grenzwert von zehn Prozent überschreiten, kann jeder Faktor, der den Zugang zu Nahrung weiter verschlechtert, eine ausgewachsene Ernährungskrise auslösen.

Auch wenn Ärzte ohne Grenzen bis jetzt keinen signifikanten Anstieg der Fälle in den bestehenden Ernährungsprojekten festgestellt hat, musste die Organisation im Tschad dennoch neue Ernährungszentren in den Städten Biltine und Yao eröffnen, in denen jeweils zahlreiche Fälle von Mangelernährung aufgetreten sind. Die Teams untersuchen derzeit auch die Ernährungslage in anderen Regionen des Tschad, sowie in Mali, Mauretanien, im Niger und Senegal.

"Die schwerste Phase, zwischen Mai und Juli, haben wir noch vor uns"

"Es ist zu früh, um das Ausmaß der absehbaren Ernährungskrise abzuschätzen", sagt Stéphane Doyon, Ernährungsexperte von Ärzte ohne Grenzen. "Üblicherweise haben wir die schwerste Phase, zwischen Mai und Juli, noch vor uns. Dennoch können wir bereits jetzt absehen, dass hunderttausende Kinder an schwerer Mangelernährung leiden werden, wie jedes Jahr in dieser Region."

Allein im Niger wurden im Jahr 2010 - einem Krisenjahr - 330.000 Kinder gegen akute schwere Mangelernährung behandelt. 2011 galt für die Landwirtschaft als gutes Jahr. Dennoch wurden mehr als 307.000 Kinder behandelt. Dies deutet auf eine wiederkehrende Krise hin. "Wir müssen überdenken, was eine Krise in der Region ausmacht und was als normal bezeichnet werden kann", sagt Doyon. "Mehr als 300.000 schwer mangelernährte Kinder, das ist eine enorme Zahl - und das betrifft nur den Niger. Humanitäre Nothilfe ist nötig, denn sie rettet Leben, aber sie kann nicht die einzige Option sein."

Nachdem sechs Regierungen der Region schon im vergangenen Herbst Warnungen ausgerufen haben, war es möglich, ehrgeizige Maßnahmen zu entwickeln. Diese gibt es auf Papier, aber sie werden nicht leicht umzusetzen sein. Die Finanzierung ist noch nicht gesichert und der Zugang zu den entlegensten Gebieten der Region wird schwierig. Außerdem erschweren schlechte Sicherheitsbedingungen und Gewalt in manchen Gebieten schon jetzt die Hilfsleistungen. Die Bevölkerungen der verschiedenen Länder haben auch einen sehr unterschiedlichen Zugang zur Gesundheitsversorgung. Daher stehen Hilfsorganisationen vor einer sehr komplexen Aufgabe.

Längerfristige Bekämpfung der Krankheiten notwendig

Viele der in der Region tätigen Hilfsorganisationen sind sich einig, dass sie einen Übergang von der Nothilfe hin zu einer längerfristigen Bekämpfung der Krankheiten schaffen müssen. Ärzte ohne Grenzen setzt bereits Strategien ein, die dazu beitragen, die wiederkehrende Ernährungskrise im Sahel langfristig zu bekämpfen.

So wird die Organisation beispielsweise im Jahr 2012 die Aktivitäten in der Region entsprechend der aktuellen Bedürfnisse ausweiten. In den jahrelang bestehenden Hilfsprogrammen von Ärzte ohne Grenzen, insbesondere im Niger, in Mali, Burkina Faso sowie im Tschad, werden sowohl die am meisten gefährdeten Kinder behandelt, als auch neue Wege gesucht, die unterschwellige Dynamik der wiederkehrenden Mangelernährung zu erkennen.

"Niemand kann die Lösung schlechthin anbieten. Aber wir wissen, dass die Behandlung von Kindern vielversprechende Ergebnisse bringt, wenn wir ihren Müttern Verantwortung für ihre Versorgung geben. Außerdem kann die Verwendung spezieller milchbasierter Produkte präventiv wirken", erklärt Doyon. "Unser Ziel ist es, die einfachsten und kostengünstigsten Herangehensweisen zu erkennen, damit alle Kinder Zugang dazu haben können, wie bei regelmäßigen Impfungen oder einer Basis-Gesundheitsversorgung. Von beiden Maßnahmen wissen wir, dass sie die Kindersterblichkeit verringern."

Im Jahr 2011 wurden allein in Niger mehr als 100.000 schwer mangelernährte Kinder von Ärzte ohne Grenzen behandelt. Mehr als 90 Prozent dieser Kinder wurden wieder gesund. Im Niger und in Mali versorgte Ärzte ohne Grenzen in Verbindung mit den regulären pädiatrischen Programmen mehr als 35.000 Kinder mit milchbasierter Nahrungsergänzung.