Haiti

Ärzte ohne Grenzen prangert unzureichende Hilfsmaßnahmen in Gonaïves an

Fünf Wochen nach den Tropenstürmen auf Haiti leben die Bewohner von Gonaïves nach wie vor ohne jegliche Infrastruktur. Seit Anfang Oktober wurden Familien aus Schulen und Kirchen vertrieben, in denen sie Zuflucht gesucht hatten, nachdem die Stürme ihre Häuser zerstört hatten. Die internationale Hilfe reicht bei weitem nicht aus und ist zudem chaotisch organisiert.

Da keine alternativen Unterkünfte zur Verfügung stehen, geht Ärzte ohne Grenzen davon aus, dass etwa 10.000 der insgesamt 200.000 Einwohner auf Dächern, in Zelten oder in instabil zusammengebauten Hütten aus Holzstücken und Leintüchern leben. Andere Familien sind dutzendweise in verlassenen Gebäuden zusammengepfercht oder leben vorübergehend bei Verwandten auf engstem Raum. Dies hat oft schlechte hygienische Bedingungen zur Folge und die Bereitschaft zu häuslicher Gewalt ist erhöht. Abgesehen davon ist die Versorgung mit Strom und fließendem Wasser noch nicht wiederhergestellt.

Internationale Hilfe unzureichend und chaotisch

Die internationale Nahrungsmittelhilfe ist aus Sicht von Ärzte ohne Grenzen quantitativ völlig unzureichend. Darüber hinaus ist sie nicht geeignet für die Bedürfnisse kleiner Kinder und wird auf eine Art und Weise verteilt, die alleinstehende Mütter ausschließt. Es gibt nach wie vor keine klare Strategie - weder zur Abschätzung des Bedarfs noch zur Durchführung entsprechender Maßnahmen im Bereich der Nahrungsmittelhilfe.

Trotz der starken Präsenz internationaler Organisationen - einschließlich einer großen Anzahl an Experten - konnte die Bevölkerung von Gonaïves noch nicht von der internationalen Hilfe profitieren. Die Hurrikan-Saison endet erst gegen Ende November. Falls ein weiterer Hurrikan mit schweren Regenfällen durch die Region fegt, würden die Bewohner von Gonaïves noch einmal einen sehr hohen Preis zahlen.

Ärzte ohne Grenzen ruft die internationalen Organisationen und die Regierung Haitis dringend auf, ihre Nothilfeaktivitäten sofort zu überprüfen und der Schaffung von Unterkünften sowie der Nahrungsmittelhilfe für Kinder Priorität einzuräumen.

Eine Million Liter Trinkwasser pro Tag

Obwohl es mittlerweile über zehn Tage nicht geregnet hat, sind viele Straßen nach wie vor überflutet. In manchen Teilen der Stadt ist der Schlamm einen Meter tief, was die Bewegungsfreiheit extrem einschränkt. "Es ist so, als ob ein Zyklon erst vor ein paar Tagen vorbeigefegt wäre", erklärt Vikki Stienen, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Gonaïves. "Die Koordination der Hilfsmaßnahmen ist extrem chaotisch. Normalerweise können wir nach Naturkatastrophen nach dem ersten Monat unsere Hilfsmaßnahmen reduzieren", so Stienen weiter. "Aber hier ist das Gegenteil der Fall: Wir mussten unsere Teams und unsere Aktivitäten verstärken."

Bis jetzt hat Ärzte ohne Grenzen in Gonaïves 3.000 Hilfspakete für Familien, einschließlich Plastikplanen, Seife und Wasserkanistern verteilt, weitere 2.000 folgen in diesen Tagen. Außerdem plant Ärzte ohne Grenzen die Verteilung weiterer 5.000 Pakete, um den Bedarf möglichst vieler Menschen in der Stadt abzudecken und produziert eine Million Liter Trinkwasser pro Tag.

Die Organisation beobachtet zudem einen Anstieg bei den Aufnahmen mangelernährter Kinder in ihrem Krankenhaus, das sie erst vor zehn Tagen wiedereröffnet hat. Seitdem wurden bereits sieben schwer mangelernährte Kinder aufgenommen. Ärzte ohne Grenzen geht davon aus, dass diese Zahl steigen wird, wenn die Menschen von der Wiedereröffnung des Krankenhauses erfahren. Die Bevölkerung Haitis hat generell mit chronischer Nahrungsknappheit und Nahrungsmitteldefiziten zu kämpfen. Die jüngsten Tropenstürme haben die Ernten zerstört und eine große Anzahl an Vieh getötet, was die Menschen jetzt noch bedürftiger macht als vorher.