China

Ärzte ohne Grenzen behandelt nach dem Erdbeben Verletzte in der Provinz Sichuan und verteilt Zelte und Medikamente

Ärzte ohne Grenzen ist mit 34 Mitarbeitern in der vom Erdbeben betroffenen chinesischen Provinz Sichuan aktiv. Die Helfer bieten chirurgische und basismedizinische Behandlungen sowie psychologische Hilfe an, verteilen Zelte und Medikamente und evaluieren die Situation in der Region. Auch wenn die lokale, regionale und nationale Reaktion auf die Katastrophe enorm war, brauchen vor allem jene Menschen zusätzliche Hilfe, die durch das Beben der Stärke 7,9 obdachlos geworden sind. Die chinesische Regierung geht derzeit davon aus, dass mehr als fünf Millionen Menschen beim Erdbeben vor zwei Wochen ihr Zuhause verloren haben.

"Es ist die umfangreichste Hilfsaktion nach einer Naturkatastrophe, die ich je erlebt habe", sagt Tony Marchant, Nothilfe-Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Sichuan. "Ich bin wirklich beeindruckt von der Organisation der Hilfe und der immensen Unterstützung, die Freiwillige aus dem ganzen Land den Opfern der Katastrophe zukommen lassen. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns, besonders was den Bau von Unterkünften für die obdachlos gewordenen Menschen betrifft."

Am 23. Mai sind zehn Lastwagen mit 2.050 große Zelten für Familien in der Stadt Deyang angekommen. Die Zelte werden in enger Zusammenarbeit mit dem chinesischen Roten Kreuz in den Ort Mianzhu und in andere stark betroffene Gebiete weitergeleitet. Damit hat Ärzte ohne Grenzen bis jetzt 3.800 dieser großen Zelte zur Verfügung gestellt. Zwei Frachtflugzeuge mit 1.750 Zelten waren bereits zuvor angekommen. Mit Hilfe des Roten Kreuzes von Sichuan und Dutzenden Freiwilligen wurden die Zelte in der betroffenen Region und den beschädigten Gesundheitszentren in Guanghan und Hanwang verteilt. Die chinesische Regierung schätzt, dass für die Unterbringung aller obdachlos gewordenen Menschen, etwa 3,3 Millionen Zelte benötigt werden.

Bedarf an hochwertigen Zelten ist groß

"Der Bedarf an Unterkünften ist enorm groß", sagt der logistische Koordinator von Ärzte ohne Grenzen, Nicolas Tocque. "Ich war in Flüchtlingskrisen im Einsatz, in denen die Hilfe für 80.000 Menschen an einem Ort eine große Herausforderung war. Das ist aber kein Vergleich zu der aktuellen Situation in China, in der Millionen Menschen eine Unterkunft brauchen. Sie benötigen nicht nur sehr viele Zelte, sondern diese auch in guter Qualität, so dass die betroffenen Familien die vielen Monate darin wohnen können, die der Bau neuer Häuser dauern wird."

Am 22. Mai hat Ärzte ohne Grenzen seine einwöchige klinische und chirurgische Unterstützung des Krankenhauses in Guanghan beendet. Denn die meisten Patienten wurden inzwischen in andere Gesundheitszentren überwiesen und die verbleibenden werden in den kommenden Tagen entlassen. In der Woche zuvor hatte Ärzte ohne Grenzen 70 verletzte Patienten operiert und behandelt, die von den am stärksten betroffenen Gegenden oft per Helikopter in das Krankenhaus transportiert wurden. Ärzte ohne Grenzen hat auch Medikamente und medizinisches Material an das Krankenhaus geliefert und wird die Patienten noch für einige Tage psychologisch betreuen. Viele Opfer müssen psychologisch betreut werden.

Der Bedarf nach psychologischer Betreuung besteht weiterhin in den Krankenhäusern, die Verletzte betreuen und in den Lagern, in denen die Überlebenden untergebracht sind. Neben der psychologischen Betreuung im Referenzkrankenhaus in Guanghan arbeitet Ärzte ohne Grenzen mit dem Huaxi Hospital in Chengdu zusammen, leistet dort psychologische Hilfe und bildet Mitarbeiter aus. Außerdem prüft Ärzte ohne Grenzen die Möglichkeit, die psychologische Hilfe der Organisation dort generell auszuweiten.

Vergangene Woche hat Ärzte ohne Grenzen auch das 60 Kilometer östlich des Epizentrums liegende Krankenhaus in Mianzhu City in Hanwang unterstützt. Das Erdbeben hat das Krankenhauses stark beschädigt. Die gesamte medizinische Versorgung wurde in Zelte ausgelagert. Die Mehrheit der im Erdbeben stark verletzten Patienten wurden bereits an andere Gesundheitszentren überwiesen. Dieses Krankenhaus bietet nun medizinische Grundversorgung für jene, die in dieser Region in Zelten, provisorischen Unterkünften oder den Trümmern ihrer Häuser leben.

Nierenspezialisten beenden Arbeit in Sichuan

Drei eingeflogene Nierenspezialisten aus Belgien und Hongkong haben ihre Arbeit mittlerweile in Sichuan beendet. Die Experten haben vier Krankenhäuser in der Provinzhauptstadt Chengdu mit Vorträgen und Fortbildungen zum so genannten Crush-Syndroms unterstützt. Nach einem Erdbeben leiden viele Menschen unter diesem Syndrom, bei dem starke Muskelverletzungen unbehandelt zu Nierenversagen und zum Tod führen können. Außerdem haben die Spezialisten Dialysematerial im Wert von etwa 60.000 Euro an das Provinzkrankenhaus in Sichuan geliefert.

Ärzte ohne Grenzen hat seit 1988 Projekte in China. Zum Zeitpunkt des Erdbebens arbeiteten die Mitarbeiter in Nanning in der autonomen Provinz Guangxi, wo Ärzte ohne Grenzen seit 2003 HIV/Aids-Patienten behandelt.