Zentralafrikanische Republik

“Wir wussten abends nicht, ob die Patienten am nächsten Tag noch leben würden”

Der Chirurg Bernard Leménager operiert einen Patienten, der mit einer Schusswunde eingeliefert wurde.

Seit Dezember ist die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik weiter eskaliert. Jessie Gaffric, Projektkoordinatorin im Krankenhaus der Hauptstadt Bangui, ist vor kurzem aus dem Land zurückgekehrt. Sie erzählt uns, wie es ist, sich verbarrikadieren zu müssen, Patienten ohne medizinische Beobachtung allein zu lassen und dringende Operationen verschieben zu müssen. Jessie Gaffric war mit Ärzte ohne Grenzen bereits in mehreren Konfliktgebieten, u. a. im Jemen und in der Demokratischen Republik Kongo. Trotzdem war ihr Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik ihr bisher „schwierigster“, so sagt sie.

Welche Patienten kommen in das Krankenhaus in Bangui, das ihr führt?

In Bangui behandeln wir hauptsächlich Männer im Alter von 20 bis 35 Jahren. Die meisten von ihnen sind Kämpfer. Frauen und ältere Menschen sind eher die Minderheit – wenn sie zu uns kommen, dann waren sie zur falschen Zeit am falschen Ort. Kinder, die jünger als 15 Jahre sind, werden woanders behandelt. Die große Mehrheit der  Patienten, die von unseren Teams und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) von außerhalb der Stadt eingeliefert werden sind jedoch Frauen und Kinder. Sie stammen aus niedergebrannten und geplünderten Dörfern in der Umgebung.

Fast alle unsere Patienten sind Opfer von Gewalt. Die meisten Wunden stammen von Kugeln oder Granaten, Messern und Macheten. Dann gibt es Opfer von Lynchjustiz, Gefangennahmen und Folter sowie Menschen, die während ihrer Flucht verletzt wurden.

Mit welchen Herausforderungen warst du konfrontiert?

Das Hauptproblem ist die schwierige Sicherheitslage. Wir müssen zum Beispiel unsere Arbeitszeiten anders einteilen. Unsere Teams können nicht länger als bis 18 Uhr im Krankenhaus bleiben – es ist zu gefährlich. Also muss man die Arbeit eines gesamten Tages in elf Stunden unterbringen. Manchmal mussten wir uns auch im Operationssaal einsperren – oder sofort evakuieren. Wegen des Zeitdrucks mussten wir oft Operationen auf den nächsten Tag oder sogar länger verschieben. Die Unsicherheit bedeutet auch, dass nur sehr wenige oder gar keine Mitarbeiter über Nacht im Krankenhaus sind. Manchmal mussten wir Patienten ohne medizinische Beobachtung alleine lassen. Wir wussten nicht, ob sie bei unserer Rückkehr noch am Leben sein würden.

An den Tagen, an denen gekämpft wurde und wir mit vielen Verwundeten rechnen mussten, war die Stadt am gefährlichsten. Die lokalen Beschäftigten konnten ihre Häuser nicht verlassen, um zur Arbeit zu kommen. Wir mussten dann so gut wie möglich mit unseren internationalen Mitarbeitern und den wenigen lokalen auskommen, die im Krankenhaus übernachtet hatten. An Tagen mit der meisten Arbeit hatten wir die wenigsten Mitarbeiter zur Verfügung.

Als Projektkoordinatorin warst du für die Sicherheit deiner Teams verantwortlich. Wie bist du vorgegangen?

Die Situation war chaotisch: Im Krankenhaus kamen und gingen ständig Menschen – bewaffnete Männer, bewaffnete Patienten, Familienmitglieder und Besucher, die auch potentiell bewaffnet waren. Manche von ihnen lehnten es kategorisch ab, ihre Waffen am Eingang abzugeben. Es war jedenfalls unmöglich, jeden zu durchsuchen. Alle waren eingeschüchtert und sehr misstrauisch, was die Dinge noch weiter verkompliziert hat.

Unsere Krankenschwester Becky erklärt den Menschen ständig: “Dieses Krankenhaus ist ein Ort, wo Menschen medizinisch versorgt werden – Konflikte müssen draußen bleiben.” Wir sprachen viel mit den Patienten und mit allen, die auf dem Gelände lebten. Ärzte ohne Grenzen unterscheidet nicht zwischen der Gruppierung oder Religion der jeweiligen Patienten und trennt sie auch nicht entsprechend. Wir mussten den Patienten und ihren Familien diese Regelung erst erklären. Dafür benötigten wir sehr viel Zeit. Aber ich denke, dass uns dadurch schwere Zwischenfälle erspart wurden. Die Bevölkerung respektiert unsere Arbeit und akzeptiert unsere Regeln. Trotzdem wussten wir an manchen Tagen abends nicht, ob alle unsere Patienten am nächsten Tag noch da sein würden. Es war furchtbar.

Hattest du jemals Angst?

Ja. Manche der bewaffneten Männer im Krankenhaus jagten mir Angst ein. Einmal musste ich zwischen sie treten, um das Lynchen eines Patienten zu verhindern, und ich konnte den Hass in ihren Augen sehen.

Ich hatte auch Angst, als wir mit dem Auto während eines Schusswechsels unterwegs waren und auf Kämpfer trafen, die sehr einschüchternd wirkten und als wir Leichen auf den Straßen sahen. Ich hatte auch Angst in unserer Unterkunft, wenn wir Schüsse in der Nachbarschaft hörten. Das kam fast jede Nacht vor, aber manche Nächte waren besonders schlimm. Unser Haus wurde sogar von Querschlägern getroffen.

Ich hatte auch Angst davor, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, als wir ein Team evakuierten. Und vor meiner Verantwortung für ihre Sicherheit.

Wie hat sich deine Arbeit in der Zentralafrikanischen Republik von anderen Einsätzen unterschieden? Inwiefern war es schwieriger?

In der Zentralafrikanischen Republik haben sich die Auseinandersetzungen zu einem interkommunalen Konflikt entwickelt. Jeder kämpft gegen jeden. Der Anstieg der Gewalt, das Ausmaß und der Hass – all das war wirklich hart. Die Wunden und Verletzungen, besonders die Messerwunden, waren schrecklich.

Die Arbeitslast war sehr hoch. Die Patienten kamen in mehreren großen Wellen, und ein Großteil waren schwere Fälle. Das ist unüblich. Jeder „normale“ Tag war viel schlimmer als ich es sonst gewohnt war.

Ich denke, dass mein Einsatz in Bangui der bisher schwierigste war. Glücklicherweise hatten wir ein tolles Team. Wir hatten einen großartigen Gruppenzusammenhalt, sowohl bei der Arbeit als auch in unserer Unterkunft. Das zentralafrikanische Team arbeitet ebenfalls sehr hart. Das und abends Janis Joplin zu hören, hat uns geholfen.

Gab es Patienten, die dich besonders betroffen gemacht haben?

Es gab einige. Zum Beispiel Michael, dem in Hals und in Brustkorb gestochen worden war. Er wurde stabilisiert, und das chirurgische Team leistete fantastische Arbeit. Es geht ihm gut, und er kann nun seinen Arm wieder bewegen, der vorher wie leblos war. Das war ein kleiner Sieg!

Auch die Patienten im orthopädischen Zelt, die dort für mehrere Wochen waren, haben mich beeindruckt. Sie lebten nah beisammen, ruhig und in einer relativ entspannten Atmosphäre, trotz ihrer Konflikte und Unterschiede. Sie waren über das, was sie draußen zu Feinden machte, hinausgewachsen.