Sudan

"Wie auch immer das kommende Referendum ausgeht, bleibt der Zugang zu medizinischer Versorgung in Abyei höchste Priorität"

Die medizinische Infrastruktur in der Region ist stark eingeschränkt, darum bietet Ärzte ohne Grenzen kostenlosen Sprechstunden an.

Während das Hauptaugenmerk auf der politischen Situation des Südsudans liegt und der Ausgang des bevorstehenden Referendums über die Unabhängigkeit erwartet wird, befindet sich das Land in einer humanitären und medizinischen Krise. Mehr als 75 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung. Bei seiner Rückkehr aus Abyei und Agok schildert Laurent Ligozat, stellvertretender Direktor der Einsätze von Ärzte ohne Grenzen, seine Eindrücke.

Weshalb hat sich Ärzte ohne Grenzen entschieden, in Abyei und Agok zu intervenieren?

Als wir im April 2006 dort ankamen, wussten wir, dass angesichts der herrschenden Not und der Wahrscheinlichkeit von künftigen Gewaltopfern Bedarf an Hilfe bestand. Nach Zusammenstössen der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) mit der sudanischen Armee, mussten die Einwohner von Abyei im Mai 2008 die Flucht ergreifen. In Anbetracht der Tausenden Vertriebenen zog sich Ärzte ohne Grenzen ins weiter südlich gelegene Agok zurück. Dort errichteten wir ein Krankenhaus mit 80 Betten, in dessen Operationsabteilung unzählige Kriegsverletzte behandelt wurden. Währenddessen versorgt eine Tagesklinik von Ärzte ohne Grenzen die Bevölkerung in Abyei auf ambulanter Basis. Medizinische Teams evaluieren die Bedürfnisse ständig und bei Bedarf könnte die Kapazität noch erhöht werden.

Im Jahr 2010 führten die Teams von Ärzte ohne Grenzen dieser zwei Projekte 49.733 ambulante Sprechstunden durch, betreuten mehr als 6.100 schwangere Frauen. Außerdem untersuchten sie 18.040 Kinder auf Mangelernährung, 2.723 von ihnen wurden daraufhin behandelt.

Welche Arten von medizinischer Betreuung bietet Ärzte ohne Grenzen an?

Ärzte ohne Grenzen versorgt die Bevölkerung kostenlos mit medizinischer Grundversorgung, da die Gesundheitsdienste in der Region Abyei stark eingeschränkt und unbeständig sind. Das vom Gesundheitsministerium geführte Krankenhaus verfügt über wenig ausgebildetes medizinisches Personal und der Vorrat an Medikamenten ist nicht ausreichend. Wie immer in solchen Situationen trifft es Frauen und Kinder am härtesten. Die Rate der Kinder- und Müttersterblichkeit bei den Geburten ist erschreckend hoch.

Ärzte ohne Grenzen stellte ausgebildetes Personal, qualitativ hochwertige Medikamente sowie kostenlose Gesundheitsversorgung zur Verfügung. In Abyei und Agok leitet Ärzte ohne Grenzen ein Programm für Mutter und Kind und engagiert sich im Bereich Pädiatrie und Allgemeinmedizin. Zudem behandeln wir mangelernährte Kinder unter fünf Jahren.

In der Region Abyei, die zwischen dem Norden und Süden heftig umkämpft wird, ist die Bevölkerung am meisten gefährdet. Wir bereiten derzeit Notfallpläne vor, um auf eine große Anzahl Verletzte und Vertriebene reagieren zu können. Wie auch das Referendum ausgeht - der Zugang zu medizinischer Versorgung in Abyei bleibt höchste Priorität.

Wie beurteilen Sie die humanitäre und medizinische Situation im Südsudan?

Während vieler Jahre schon ist der Südsudan einer humanitären und medizinischen Krise ausgesetzt, die geprägt ist von ungenügendem Zugang zu medizinischer Versorgung, chronischer Mangelernährung, regelmäßigen und vermeidbaren Epidemien und einer allgemeinen Unsicherheit - alles Faktoren, welche die Bevölkerung zur Flucht veranlasst haben. Seit vierzig Jahren wird der Südsudan nahezu ununterbrochen von Konflikten beherrscht. Die Leute sterben an Malaria, Atemwegsinfektionen oder auch nur an Durchfall - alles Krankheiten, die man gut behandeln könnte, wenn die medizinische Versorgung besser zugänglich wäre.

Einen weiteren Anlass zur Besorgnis liefern die Zehntausenden Südsudanesen, die in den Norden oder in ein Nachbarsland geflüchtet waren und nun für das Referendum zurückkehren. Diese Leute werden Krankheiten ausgesetzt sein, die im Südsudan endemisch sind, wie etwa Malaria, Masern, Meningitis oder Tuberkulose. Die Rückkehr dieser Menschen zu bewältigen, stellt eine weitere Herausforderung dar. Und dies in einer Region, in der die Ressourcen schon jetzt äußerst knapp sind - seien es Lebensmittel, Trinkwasser oder medizinische Versorgung.

Schließlich dürfen wir auch die fehlende Sicherheit nicht vergessen, die im Südsudan ein stetiger Begleiter ist. Allein im Jahr 2010 gab es 900 Todesfälle, die auf Gewalt zurückzuführen sind, und 215.000 Menschen wurden vertrieben.

Wie sieht die Situation in Abyei und Agok aus?

In der Region Abyei herrscht große Verunsicherung. Das Volk muss sich im Referendum vom 9. Januar, das soeben auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wurde, entscheiden, ob es zu Nord- oder Südsudan gehören will. Jetzt, da der Tag der Entscheidung näher rückt, verschärfen sich die Spannungen zwischen den ethnischen Volksgruppen der Ngok-Dinka und der Misseriya zusehends.

In den vergangenen Wochen hat Ärzte ohne Grenzen eine Unterstützungsbasis in Turalei errichtet. Der kleine Ort liegt südlich von Agok und ist in zwei Autostunden zu erreichen. Chirurgisches Material liegt bereit und ein Team ist jederzeit einsatzbereit. Ärzte, Chirurgen und Anästhesisten wurden ebenfalls rekrutiert. Im Falle einer Massenflucht stehen Zelte und Grundnahrungsmittel zur Verfügung sowie eine Ausrüstung für die Reinigung und den Transport von Wasser.

Was sind die Eindrücke der Teams von Ärzte ohne Grenzen in diesem Gebiet?

Im Moment ist es ruhig. Unsere Teams beobachten jedoch Lastwagen und Busse, die voll gepackt sind mit Heimkehrern und deren Hab und Gut. Zehntausende Menschen kehren in ihre Heimatdörfer im Südsudan zurück. Viele dieser Heimkehrer wurden in Khartum geboren und waren noch nie zuvor im Südsudan.

Nahezu 10.000 Menschen sind bereits in die Region Abyei zurückgekehrt, aber für die meisten geht die Reise weiter Richtung Süden bis in ihre Heimatdörfer, hauptsächlich in die Staaten Warab und Schamal Bahr al-Ghazal und sogar bis in die Stadt Juba.

Seit im Jahr 2005 das Friedensabkommen unterzeichnet wurde, ist die Einwohnerzahl von Juba, das im Fall der Unabhängigkeit zur Hauptstadt werden würde, von 150.000 auf mindestens 600.000 gestiegen. Niemand kennt die genauen Zahlen. Die beiden Krankenhäuser der Stadt können die Bedürfnisse nicht abdecken. Zurzeit hat diese geschwächte Bevölkerung keinerlei Zugang zu medizinischer Versorgung.

Wie wird Ärzte ohne Grenzen von den verschiedenen Gruppierungen in Abyei wahrgenommen?

Zurzeit sind die Spannungen zwischen den einzelnen Gemeinden so stark, dass wir das Gebiet nördlich von Abyei nicht mehr betreten können, das wir zuvor noch mit unseren mobilen Kliniken von der Stadt aus bedient haben.

Die Rolle von Ärzte ohne Grenzen ist deshalb von grundlegender Bedeutung. Unser zentrales Anliegen ist die Unterstützung und medizinische Versorgung von hilfsbedürftigen Sudanesen. Es ist unerlässlich, dass wir unsere Unabhängigkeit gegenüber allen Parteien wahren, damit wir weiterhin Zugang zu den Ärmsten und Schwächsten haben, unabhängig von deren Herkunft, Geschlecht oder Religion.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1979 im Sudan. Zurzeit leitet Ärzte ohne Grenzen 27 Projekte in 13 sudanesischen Staaten. Die Programme umfassen die medizinische Primär- und Sekundärversorgung, Notfallintervention, Ernährungshilfe, Vorsorge, Behandlung von Kala Azar, Geburtshilfe sowie psychologische, chirurgische und pädiatrische Betreuung.