"Arzt im Seuchengebiet" - Bericht im Handelsblatt

"Wer müde wird, muss sofort ausgewechselt werden"

Maximilian Gertler vor dem Ebola-Behandlungszentrum von "Ärzte ohne Grenzen" in Guéckédou, Guinea.

Letzte Woche war unsere Ambulanz in Gbelewa. Die Dorfbewohner erzählten von einer schwer kranken Frau, deren Tochter schon zwei Wochen vorher gestorben war. Bevor sie in die Häuser hineingingen, zogen Dr. Sylvie und ihre Kollegen die Schutzkleidung an – vor den Augen der Dorfbewohner, damit sie zunächst als Menschen erkennbar waren und nicht sofort als gesichtslose Wesen in Plastik: Zunächst die Schutzanzüge, dann den Mundschutz, die Haube, die bis auf die Schultern reicht, und schließlich die Skibrille, die auch den kleinen Sehschlitz in der Haube fixiert und versiegelt.

Dann haben sie Leya Tolno, etwa 40 Jahre alt, vorsichtig von ihrem Lager in die Ambulanz getragen, ihr Haus ausgeräumt und alles mit ihren Sprühkanistern in eine stinkende, aber lebensrettende Chlorwolke eingehüllt. Währenddessen hat ein Aufklärungsteam den Dorfältesten die Krankheit, die Übertragungswege und die Schutzmaßnahmen erklärt, und ein anderes Team hat Leyas Matratze verbrannt. Sie haben eine neue gebracht. Leya hat sie leider nicht mehr gebraucht. Ihr Abschied aus der Dorfgemeinschaft war wortarm, herzzerreißend und kurz.

Das alles erzählt mir Dr. Sylvie aus Belgien abends, während wir uns die Hände desinfizieren – wieder mit Chlor. Seit April ist sie in Guinea, unterbrochen nur von kurzen Urlauben. Wenn jemand müde wird, wechseln wir ihn sofort aus. Ebola bestraft jeden Flüchtigkeitsfehler brutal. Jetzt ist Sylvie frisch und motiviert, aber im August wird sie eine Pause brauchen.

Sie ist eine von derzeit 80 internationalen Mitarbeitern von „Ärzte ohne Grenzen“ in den Ebola-Projekten in Guinea, Sierra Leone und Liberia, insgesamt sind mehr als 500 Mitarbeiter für die Organisation im Einsatz. Aber weit mehr sind nötig, und mehr Organisationen. Ohne viele weitere qualifizierte Mitarbeiter vor Ort wird es nicht möglich sein, die Epidemie zu stoppen.

Die Regierungen in Westafrika, die westlichen Regierungen, NGOs und internationale Organisationen müssen jetzt mehr tun, mehr Experten und Knowhow schicken, auch mehr Geld zur Verfügung stellen. Denn schon jetzt ist der Ausbruch zur tödlichsten Ebola-Epidemie der Geschichte geworden. Wir dürfen nicht zuschauen, wie sich die Krankheit weiter ausbreitet.

Dr. Maximilian Gertler war im Auftrag der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in einer der von Ebola heimgesuchten Regionen. Vom 12. bis zum 31. Juli war er in Guéckédou in Guinea im Einsatz.

 

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