Welternährungstag

Therapeutische Fertignahrung enthält alle Nährstoffe, die benötigt werden, um Mangelernährung vorzubeugen.

Im Kampf gegen den Hunger können wir aus dem Kampf gegen die HIV/Aids-Pandemie lernen - nur der politische Wille fehlt: Ein Appell zum heutigen Welternährungstag.

Gastkommentar von Tido von Schön-Angerer, Leiter der Internationalen Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen, in "Die Presse"

Neue Fertignahrung macht es möglich

Dabei sind wir in vielerlei Hinsicht sogar in einer besseren Lage als 2000 mit HIV/Aids. Eine neue Generation von therapeutischer Fertignahrung, basierend auf tierischem und pflanzlichem Eiweiß, wie Milch und Erdnuss, macht es möglich, akut mangelernährte Kinder mit großem Erfolg zu behandeln. Die Mütter selbst können diese gebrauchsfertig abgepackten Pasten verabreichen, wodurch eine bis vor kurzem noch völlig unrealistische Zahl an Patienten erreicht werden kann. Ärzte ohne Grenzen behandelte 2006 und 2007 mehr als 150.000 Kinder in 22 Ländern mit diesen neuen therapeutischen und ergänzenden Nahrungsmitteln. Es gibt also das Potenzial für weitreichende Veränderungen. Voraussetzung für deren Verwirklichung ist allerdings, dass sich die großen Geldgeber und die Vereinten Nationen von unwirksamen Rezepten verabschieden.

Noch immer bekommen die Kinder in den Krisengebieten der Welt großteils völlig unangemessene Nahrung verabreicht. Die herkömmlichen Hilfslieferungen bestehen meist aus einem Getreide-Soja-Mix, der zu einem Brei ohne jegliche tierische Nährstoffe verarbeitet wird. Aus medizinischer Sicht ist das keine adäquate Antwort auf das Problem der Mangelernährung. Wir alle wissen, welche Nahrung Kinder für ein gesundes Wachstum brauchen. Warum enthalten die Hilfslieferungen Nahrung, die für Kleinkinder buchstäblich schwer zu verdauen ist?

Es ist anzunehmen, dass der Grund für die fehlenden Ambitionen vor allem in den Kosten liegt - so, wie es einst bei HIV/Aids war. Die neuen, therapeutischen Nahrungsmittel sind teurer als Getreidemix. Internationale Finanzierung ist erforderlich. Noch gibt es Stimmen, die meinen: zu teuer, zu hightech, zu kompliziert.

Die Erfahrung bei HIV/Aids hat gezeigt, dass dem politischen Willen sehr schnell auch finanzielle Ressourcen folgen. Wie können wir wegen finanzieller Bedenken mit unserem Einsatz zögern, wenn wir wissen, dass Millionen Leben gerettet werden können? Trotz der weltweiten Finanzkrise ist der Kampf gegen Mangelernährung ein medizinisch-humanitärer Imperativ!

Herausforderungen bleiben zur Genüge: Die in Afrika erfolgreichen Strategien müssen auch für Asien adaptiert werden. Die Produkte müssen so weiterentwickelt werden, so dass sie lokalem Geschmack und regionalen Anforderungen entsprechen. Möglichkeiten der lokalen Produktion müssen ausgeschöpft und die Kosten weiter gesenkt werden.

Dazu wird politischer Wille notwendig sein. Derzeit bekommen nur drei Prozent aller schwer mangelernährten Kinder die Behandlung, die sie brauchen. Die Entscheidung für eine zeitgemäße Nahrungsmittelhilfe wird für Millionen Kinder den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.

Im Jahr 2000 leistete ich einen Hilfseinsatz in einem HIV/Aids-Projekt in Thailand. Ärzte ohne Grenzen hatte damals damit begonnen, Aidskranken die antiretrovirale Therapie anzubieten. Dieser Schritt basierte auf einer simplen medizinischen Entscheidung: Millionen Menschen sterben - die einzig akzeptable Reaktion ist, zu behandeln.

Diese Schlussfolgerung klingt aus heutiger Sicht einfacher als damals. Unsere Strategie war höchst umstritten: Zwar stand fest, dass antiretrovirale Medikamente theoretisch Millionen Leben verlängern könnten, doch galt der Einsatz dieser Therapie in Entwicklungsländern schlichtweg als undurchführbar. Zu teuer, zu hightech, zu kompliziert, hieß es. Die gängige Ansicht anno 2000: Auf Prävention setzen, auf die Verteilung von Kondomen, auf Information und Gesundheitserziehung.

Ärzte ohne Grenzen wollte sich zur Jahrtausendwende mit diesem Mangel an Handlungsbereitschaft und an Willen, Dinge in Angriff zu nehmen, nicht mehr zufriedengeben. Acht Jahre später behandeln wir mehr als 100.000 Patienten in unseren HIV/Aids-Programmen. Wie richtig unser damaliger Entschluss war, ist mittlerweile weithin anerkannt.

Heute steht die Welt vor einer vergleichbaren Entscheidung. Fünf Millionen Kleinkinder sterben Jahr für Jahr an den Folgen akuter Mangelernährung, herkömmliche Hilfsprogramme sind weitgehend wirkungslos. Nun gibt es neue, wirksame Methoden, diese Kinder zu behandeln. Aber wieder zeigt sich Mangel an Handlungsbereitschaft. Wieder fehlt es am politischen Willen, das Sterben zu verhindern.