Tschad

Vergessene Krisen 2013 - Tschad

Dr. Carla Schwanfelder sits with a mother with her child who has been admitted to the Intensive Therapeutic Feeding Centre (ITFC) in MSF's hospital in Am Timan, Chad.

Der Tschad gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Die medizinische Versorgung ist sehr lückenhaft, immer wieder breiten sich Krankheiten wie Malaria, Masern und Meningitis aus. Die Zahl der akut mangelernährten Kinder unter fünf Jahren ist eine der höchsten weltweit. Ärzte ohne Grenzen ist seit 1981 im Land. 2013 war die Hilfe der Teams vor allem durch Malaria und einen gewaltigen Flüchtlingsstrom aus der angrenzenden sudanesischen Region Darfur bestimmt.

In der ersten Hälfte dieses Jahres flüchten rund 50.000 Menschen aus Darfur in den Osten des Tschads, überwiegend Frauen, Jugendliche und kleine Kinder. In der Region um die grenznahe Stadt Tissi suchen sie Schutz. Doch in dem steppenartigen Gebiet gibt es nicht genug Wasser, Nahrung und medizinische Versorgung. Ärzte ohne Grenzen ist eine der wenigen Organisationen vor Ort, die Hilfe leisten. Die Mitarbeiter behandeln mehrere Tausend Patienten, darunter hunderte mangelernährte Kinder. Sie bauen hunderte Latrinen und stellen mit Tankwagen die Trinkwasserversorgung sicher.

Im August sehen die Teams an einigen Projektorten im Südosten des Landes plötzlich eine drastische Zunahme von Malariaerkrankungen. Sie beginnen einen speziell auf die Krankheit, die unbehandelt oft tödlich endet, zugeschnittenen Nothilfeeinsatz - und behandeln in nur einem Monat allein im Ort Am Timan und Umgebung mehr als 14.000 Malaria-Patienten. Die schwersten Fälle sind häufig Kinder unter fünf Jahren.

Sadam (33), arbeitete als Hirte, bevor er aus Darfur in den Tschad floh:

„Ich war im Zentrum von Abugaradil, dem Ort, in dem ich lebe, und sah Wagen einfahren. Ich war mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, gehörte zu keiner der kämpfenden Parteien, wurde aber von einer verirrten Kugel getroffen, die in meinen rechten Arm eindrang. Viele Dorfbewohner wurden getötet. Meine Brüder legten mich in einen Karren und brachten mich über die Grenze in das eineinhalb Stunden entfernte Krankenhaus von Tissi. Es gab bei dem Angriff noch andere Verletzte. Ärzte ohne Grenzen schickte die Schwerstverletzten per Flugzeug ins nahe gelegene Abéché zur chirurgischen Behandlung. Ich habe eine Frau und einen kleinen Sohn, die nun mit anderen Flüchtlingen außerhalb von Tissi leben. Sie kamen hierher nur mit den Kleidern, die sie am Leib trugen, doch sie kommen jeden Tag und bringen mir Essen."

Halima Ibrahim, Mutter der achtjährigen Salimata Ali, aus dem Distrikt Am Timan:  

„Es begann im Juli. Viele Bewohner unseres Dorfes wurden von einem eigenartigen Geist ergriffen, begannen zu zittern und verhielten sich seltsam. Fast jede Familie war betroffen. Der Gesundheitserzieher sagte, das sei Malaria, und empfahl uns, ins Krankenhaus zu gehen. Doch das nächste ist in Am Timan, 50 Kilometer entfernt. Es ist sehr schwierig, dort hinzukommen, denn die Leute haben kein Geld für die Reise. Viele sind einfach Zuhause gestorben. Meine Tochter Salimata begann, vor einer Woche zu zittern und klagte über Schmerzen im Kopf und in den Gelenken. Wir beteten, doch sie blieb krank. Ich brachte sie dann zu unserem lokalen Heiler, der ihr zwei Tabletten gab. Am folgenden Tag hatte Salimata weniger Kopfschmerzen, aber sie zitterte noch immer und konnte nicht richtig sprechen. Da kam der Dorfvorsteher in Begleitung von Ärzten von Ärzte ohne Grenzen zu uns. Sie testeten Salimata auf Malaria. Sie zeigten mir einen Apparat mit zwei roten Balken in der Mitte und erklärten, dies bedeute, dass Salimata Malaria hat. Sie gaben mit Medikamente für drei Tage, und jetzt geht es meiner Tochter viel besser.”

Zahlen:

  • Innerhalb von acht Wochen kommen im Frühjahr 50.000 Flüchtlinge über die Grenze aus dem Sudan.
  • Mit weniger als einem Liter Wasser pro Person müssen die Flüchtlinge in Tissi im Juli 2013 tagelang auskommen. 20 Liter täglich gelten international als Minimum für das Nötigste.
  • Von Mitte April bis Mitte Mai führen die Teams von Ärzte ohne Grenzen in Tissi und Umgebung 7.000 Konsultationen durch.
  • 32.000 Kinder unter 5 Jahren werden von Ärzte ohne Grenzen gegen Masern geimpft.

 

Vergessene Krisen 2013