Die verhängnisvolle Rückkehr

Tuberkulose

Tuberkulosebehandlung in der Region Shiselweni, wo Ärzte ohne Grenzen seit 2007 arbeitet.

Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts herrschte Optimismus: Die Tuberkulose (TB) war – so meinte man – weltweit im Aussterben begriffen. Doch die Krankheit kehrt mit voller Wucht zurück. Von Swasiland bis Kambodscha kämpfen Teams von Ärzte ohne Grenzen gegen die tödliche Infektionskrankheit.

Ein wahrhaftiges Paradies auf Erden. Das ist der erste Eindruck, der sich einem Besucher des Krankenhauses von New Haven bieten mag. Ärzte ohne Grenzen unterstützt in der Region Shiselweni in Swasiland 17 Gesundheitseinrichtungen, New Haven ist eine davon. Das Krankenhaus liegt auf einem üppig grünen Hügel, nur einige Schritte vom Dorf entfernt, das aus einem Dutzend Häusern, einer Kirche und einer Schule besteht und von Feldern und Wiesen umgeben ist. Im Schatten eines großen Baums verkaufen drei Frauen Obst und Gemüse.

Doppelepidemie HIV/Aids und Tuberkulose

Aber dieser paradiesische Schein trügt. Hinter der Klinik warten etwa 30 Patienten. Männer, Frauen, Kinder – sie alle sind gekommen, um ihre Verschreibung für antiretrovirale Medikamente zu verlängern oder sich auf TB testen zu lassen. Wie die meisten Dörfer in Swasiland wird auch New Haven von der Doppelepidemie HIV/Aids und TB heimgesucht. Jeder vierte Erwachsene ist hier HIV-positiv. Davon leiden 80 Prozent zusätzlich an einer TB-Infektion.

„Aids und TB haben in der Gemeinschaft viel Leid verursacht“, erzählt Sam Simelane, 62 Jahre alt – einer der wenigen älteren Menschen im Dorf. „Viele Leute sind tot, viele haben sämtliche Angehörige verloren“.

In Swasiland ist TB, wie in den meisten Ländern des südlichen Afrikas, zur Haupttodesursache bei Menschen geworden, die an HIV/Aids erkrankt sind und deren Immunabwehr geschwächt ist. Seit November 2007 ist Ärzte ohne Grenzen im Distrikt Shiselweni tätig und hilft bei der Behandlung von mehreren tausend Patienten, die mit HIV und/oder TB infiziert sind. Ende 2009 waren mehr als 2.700 Menschen mit TB in den von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Einrichtungen in Behandlung; 105 von ihnen litten unter einer resistenten Form der Krankheit.

Resistenzen als zusätzliche Herausforderung

Die Rückkehr der TB in die unrühmliche Liste der weltweiten Epidemien geht mit einem noch beunruhigenderen Phänomen einher: der Entwicklung von resistenten Formen der Krankheit (MDR-TB) gegen gewöhnliche Medikamente. Diejenigen Antibiotika, die Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden, haben nicht mehr die damalige Effizienz. Und so muss manchen Patienten angesichts der entwickelten Resistenzen eine andere, viel längere und unangenehmere Behandlung verordnet werden. Darüber hinaus gibt es keine Garantie für eine Heilung. „Diese Patienten erhalten durchschnittlich sechs Monate lang täglich Injektionen und ihre Behandlung auf Basis zahlreicher Tabletten kann bis zu drei Jahre dauern und viele Nebenwirkungen haben“, erklärt Dr. Hermann Reuter, Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Swasiland. Die Nebenwirkungen variieren von unangenehm bis unerträglich oder sogar gefährlich. Mehrere Medikamente gegen TB haben schlimme Auswirkungen, führen zu plötzlichem Brechreiz und können eine Funktionsstörung der Nieren und der Leber verursachen.

„Es war ein Albtraum. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwierig es war, all diese Medikamente zu nehmen“, erklärt Ruslan, ein ehemaliger kirgisischer Häftling, der von Ärzte ohne Grenzen wegen seiner MDR-TB behandelt wurde. „Man möchte schlafen, kann aber nicht. Man ist müde, es ist einem schlecht. Man übergibt sich, fühlt sich aber nicht besser. Ich habe die Medikamente auch dann eingenommen, wenn es mir ganz schlecht ging, aber mein Zellenkumpan konnte nicht weiter machen. In seinem Fall waren die Nebenwirkungen unerträglich.“

Jedes Jahr sterben weltweit 120.000 Menschen an MDR-TB, während es fast eine halbe Million neuer Fälle gibt. Mehr als 97 Prozent von ihnen haben keinen Zugang zu einer Diagnose oder angemessenen Behandlung und müssen tagtäglich mit dieser potenziell tödlichen Infektionskrankheit leben. Die Zahl der Patienten mit einer medikamentenresistenten TB steigt. Die meisten Patienten ziehen sich MDR-TB zu, weil sie nicht richtig behandelt werden. Allerdings stecken sich auch immer mehr Personen von Anfang an mit einem resistenten Stamm der Krankheit an.

Engagement über die bloße Behandlung hinaus

In Anbetracht der Gefahr, die von TB ausgeht, sowie ihrer bösartigen Verbindung mit dem HIV/Aids-Virus in manchen Regionen, engagiert sich Ärzte ohne Grenzen auch, damit diese Krankheit leichter und schneller behandelt werden kann. „Wir kämpfen auf mehreren Ebenen in unseren Gesprächen mit den Regierungen, der Weltgesundheitsorganisation und pharmazeutischen Laboratorien“, erklärt Dr. Frauke Jochims, Tuberkuloseexpertin von Ärzte ohne Grenzen in Genf. „Einerseits müssen bessere Mittel für die Erkennung und Diagnose von TB und insbesondere von ihren resistenten Formen entwickelt werden. Andererseits ist es offensichtlich, dass die derzeitigen Antibiotika unzureichend sind und unerträgliche Nebenwirkungen verursachen. Wir brauchen schnell neue Behandlungsmethoden, die wirksam sind, aber für die ärmeren Länder erschwinglich bleiben.“

„Die Kinder mit TB werden am meisten vernachlässigt, weil derzeit an ihre Bedürfnisse angepasste Diagnosemittel fehlen. In Dschibuti leiden beispielsweise zahlreiche mangelernährte Kinder, die in therapeutischen Ernährungszentren von Ärzte ohne Grenzen behandelt werden, an TB. Ärzte ohne Grenzen fordert daher, dass Labore für Kinder angemessene Tests und Dosierungen entwickeln.

Der Kampf gegen TB dürfte deshalb in den kommenden Jahren leider eine der Prioritäten für die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen bleiben.