Philippinen

Taifun Haiyan: „Wir fahren in Orte, in die noch keine Hilfe kam“ - Interview

Dr. Tankred Stöbe während einer Patientenkonsultation.

Dr. Tankred Stöbe ist Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland und praktizierender Notarzt in Berlin. Kurz entschlossen hat er sich nach dem Taifun aufgemacht, um auf den Philippinen den Überlebenden zu helfen. Vom Dach des teilweise zerstörten Hotels, in dem das Team von Ärzte ohne Grenzen untergebracht ist, telefoniert er nach Deutschland.

Tankred, was hast du von der Zerstörung vor Ort gesehen?

Jetzt am Abend ist es stockdunkel, da die Stromversorgung zusammengebrochen ist, wir warten darauf, dass der Mond aufgeht. Insgesamt ist es unvorstellbar wie viele Menschen hier alles verloren haben, es wird Monate dauern, bis solche Dinge wie Elektrizität wieder funktionieren. Ich bin seit vier Tagen auf den Philippinen. Wir sind von Cebu aus, wo das Leben noch ziemlich normal verläuft, mit dem Hubschrauber in die zerstörte Küstenstadt Ormoc geflogen. Von hier aus haben wir viele Erkundungsfahrten in die abgelegenen Ortschaften der Insel Leyte gemacht. Über Hunderte Kilometer habe ich kein einziges Haus gesehen, das nicht schwer beschädigt war.

Welche Hilfe konntet ihr bereits leisten?

Wir waren heute in Santa Fe, einem fast komplett zerstörten Ort mit 50.000 Einwohnern, in dem wir jedoch die allerersten waren, die medizinische Hilfe anboten. Wir konnten an einem halben Tag 150 Patienten behandeln: Etwa bei der Hälfte von ihnen mussten Wunden versorgt werden, die während des Taifuns entstanden sind und inzwischen infiziert waren. Dazu kamen viele Kinder mit Durchfall und Atemwege-Erkrankungen. Aber auch Menschen mit chronischen Erkrankungen brauchen dringend Hilfe, da eigentlich alle medizinischen Einrichtungen und Krankenhäuser so sehr zerstört sind, dass sie nicht mehr funktionieren. Wir werden Orte wie Santa Fe regelmäßig mit mobilen Kliniken unterstützen. Die Menschen sind sehr froh, dass wir zu ihnen kommen. Gleichzeitig erkunden wir noch weitere abgelegene Orte, in denen bisher keine medizinische Hilfe ankam, reden mit den Leuten und finden heraus, was sie benötigen. Und wir unterstützen die zerstörten Krankenhäuser beim Wiederaufbau und mit Medikamenten.

Tankred Stöbe behandelt Verletzte auf den Philippinen

Waren denn die Straßen wieder passierbar?

Viele Hauptwege sind weitgehend von der Bevölkerung freigeräumt worden. Auf den Nebenstraßen mussten wir häufig um umgestürzte Bäume und Häuserteile herumfahren. Oft sind wir ausgestiegen, um herabhängende Stromkabel hochzuheben, so dass wir darunter durchfahren konnten.

Wie geht es den Menschen in diesen abgelegenen Dörfern und Städten?

Ich bin überrascht und überwältigt von der Kraft und dem Optimismus der Menschen hier. Für mich sind die Philippiner Überlebensweltmeister, und sie sind sehr katastrophenerfahren. Das erklärt auch, wie trotz dieser unglaublichen Verwüstung so viele Menschen ohne schwere Verletzungen davongekommen sind. Der Taifun kam in den Morgenstunden, die Menschen waren vorbereitet und haben sich so gut es ging, geschützt.
Manchmal kommen wir durch Dörfer, in denen nichts mehr steht, und dort sagen die Bewohner dennoch, dass wir die Hilfe dorthin bringen sollen, wo es den Menschen vielleicht noch schlechter geht. Ich finde es absolut beeindruckend, dass ich niemanden gesehen habe, der die Situation für sich ausnutzen wollte.

Was ist aus Sicht von Ärzte ohne Grenzen in den nächsten Wochen und Monaten am dringendsten zu tun?

Wir sehen im Moment, dass sich die internationale Hilfe auf einige sehr zerstörte Orte konzentriert, wie zum Beispiel auf die völlig zerstörte Stadt Tacloban. Auch ein Team von Ärzte ohne Grenzen wird dort ein aufblasbares Krankenhaus aufstellen. Doch die meisten anderen Regionen sind im Gegensatz dazu stark unterversorgt.  Ärzte ohne Grenzen legt den Fokus der Hilfe darum auf diese Gebiete.
Aus medizinischer Sicht ist jetzt die größte Gefahr, dass sich Durchfall- und Atemwege-Erkrankungen weiter ausbreiten. Das sagen auch meine philippinischen Kollegen hier. Die Menschen sind ja weiterhin dem Regen ausgesetzt und haben nur sehr wenig sauberes Trinkwasser. In einer solchen Lage reicht es auch nicht, für jeden eine kleine Flasche Wasser bereitzustellen. Die Menschen benötigen mindestens 20 Liter sauberes Wasser zum Trinken, Kochen, Waschen und für die Körperhygiene. Und sie benötigen regendichte Unterkünfte. Zudem benötigen schwangere Frauen und ältere Menschen medizinische Hilfe. Und ganz wichtig ist die psychologische Hilfe.

Warum ist die psychologische Hilfe bereits jetzt so wichtig, wo es den Menschen noch an Nahrung, sauberem Wasser und Medikamenten fehlt?

Spätestens seit dem Tsunami in Südostasien 2004 wissen wir, wie wichtig gleich am Anfang schnelle psychologische Hilfe ist. Darum ist in jedem unserer Teams auch ein Psychologe oder Psychologin dabei. Natürlich ist es nicht leicht, den Menschen in dieser Situation Therapiesitzungen anzubieten. Doch je schneller die Überlebenden die Möglichkeit haben, über ihre schrecklichen Erlebnisse zu sprechen und dabei unterstützt zu werden, desto weniger kommt es zu posttraumatischen Belastungsstörungen.

Wie ist dein Team zusammengesetzt?

Wir sind 21 internationale Mitarbeiter und viele Kollegen von hier. Unsere Zusammenarbeit läuft sehr gut, die größte Last der Hilfe wird tatsächlich von den Philippinern selbst getragen.

Hinweis (25.11.2013): Wir bedanken uns herzlich für die große Unterstützung, die wir für unsere Nothilfe in den Philippinen nach dem Taifun Haiyan erhalten haben! Dank der weltweit großen Spendenbereitschaft ist die Finanzierung unserer Projekte dort bereits gesichert. Deshalb freuen wir uns, wenn Sie unsere Hilfe in rund 70 Ländern der Welt mit einer Spende ohne Zweckbindung weiterhin unterstützen. So machen Sie es möglich, dass wir schnell und flexibel dort helfen können, wo wir am meisten gebraucht werden.