Äthiopien

Shelemes Geschichte - Ein Kind wird gegen Mangelernährung behandelt

In Äthiopien behandelt Ärzte ohne Grenzen zurzeit Tausende mangelernährte Kinder - so zum Beispiel in der Region Oromiya. Die vierjährige Sheleme und ihre Schwester Kutuba gehören zu den Kindern, die Mitarbeiter der Organisation im Kuyera versorgen. Wir begleiten Shelemes Behandlung, bis es ihr hoffentlich wieder besser geht.

Sonntag, 13. Juli 2008

Sie sitzen Seite an Seite auf einer der blauen Matratzen in dem Stabilisierungzentrum von Ärzte ohne Grenzen in Kuyera in der Region Oromiya: Sheleme und Kutuba sind Zwillingsschwestern. Ihre zarten vier Jahre alten Körper stecken in den gleichen mit Blumen bedruckten Kleidchen. Die Zwillinge wurden heute ins Zentrum gebracht, weil sie beide an schwerer Mangelernährung leiden und dringend stationär behandelt werden müssen.

Die Ärztin Karen untersucht die beiden. Sheleme starrt sie mit traurigen Augen an, und Karen bemerkt sofort, dass das kleine Mädchen Ödeme hat: Ihr Gesicht, ihre Beine und Füße sind angeschwollen. Sheleme hat eine Form der Mangelernährung, die "Kwashiorkor"* genannt wird. Die Schwellungen unter ihrer Haut zeigen an, dass sie schwer mangelernährt ist. Ihre Schwester Kutuba leidet nicht an Schwellungen und scheint in einem weniger Besorgnis erregenden Zustand zu sein. Trotzdem hat auch sie einen traurigen, abwesenden Blick, der typisch ist für schwer mangelernährte Kinder.

Ihre Mutter Subo erklärt uns, dass in diesem Jahr das Leben einfach zu schwierig geworden sei: "Es hat aufgehört zu regnen - Mais und Bohnen sind nicht gut gewachsen. Die Kühe haben keine Milch gegeben." Für sie und ihren Ehemann, die beide von der Landwirtschaft leben, ist es unmöglich geworden, ihre vier Mädchen und ihren Jungen zu ernähren.

Es ist kurz nach vier Uhr nachmittags. Um sechs Uhr wird es Zeit für die Mädchen, ihre erste Ration F75 zu sich zu nehmen. Sie besteht aus stark verdünnter Milch, die mangelernährten Kindern in der ersten Phase der Behandlung gegeben wird. Bei Sheleme kommt es jetzt darauf an, dass sie wieder Appetit bekommt. Sie muss ihre Ödeme loswerden, die ihr Schmerzen bereiten und unter anderem ihr Gesicht verunstalten. Ein Prozess, der in kleinen Schritten, einem nach dem anderen, vor sich gehen wird.

Mittwoch, 16.Juli 2008

"Die Leute in unserem Dorf haben mir gesagt, dass ich in das Gesundheitszentrum von Ärzte ohne Grenzen gehen solle, da meine Kinder hier Nahrung und Medizin bekommen würden. Ich hoffe, meinen beiden Mädchen wird es bald besser gehen", sagt Subo, die Mutter von Sheleme und Katuba. Sie scheint nicht besorgt und strahlt Vertrauen aus. Das ist hier im Stabilisierungszentrum recht ungewöhnlich, zumal Sheleme und Katuba noch immer schwer mangelernährt und in Lebensgefahr sind. Leider gibt es auch drei Tage nach ihrer Ankunft wenig Grund zu Optimismus. Noch immer bekommen die beiden Mädchen acht Mal am Tag F75 Milch. Das erste Mal um sechs Uhr morgens, das letzte Mal um drei Uhr nachts.

"Katuba geht es besser", sagt Julie, eine der Krankenschwestern. "Sie kann jetzt F100 bekommen, eine therapeutische Milch, die weniger verdünnt ist als die, die wir in der Übergangsphase geben. Das ist der nächste Schritt im Ernährungsplan."

Shelemes Zustand ist unverändert. Ihren Blick ist anhaltend nach unten gerichtet. Sie hat noch Ödeme, nimmt die F75 Milch jedoch relativ gut an. Die Vierjährige hat zwar ein paar Mal erbrochen, reagiert ansonsten aber gut auf die Behandlung. Noch immer kann man sich aber nicht vorstellen, wie sie aussah, bevor die Mangelernährung begann, ihren Körper zu quälen.

Wie 170 anderen Kindern im Zentrum steht Sheleme und Katuba erneut eine Nacht unter vielen Decken und konstanter medizinischer Überwachung bevor. Die Julinächte sind kalt in Kuyera und bei Kindern, die von schwerer Mangelernährung geschwächt sind, muss eine Unterkühlung unter allen Umständen verhindert werden.

Freitag, 19. Juli 2008

Die verdammten Ödeme wollten zunächst auch nach mehreren Tagen nicht verschwinden. Und gestern morgen wollte Sheleme erneut ihre therapeutische Milch nicht trinken. Für die Ärzte war das ein Alarmzeichen. Sie dachten, sie müssten ihr eine Infusion legen.

Sheleme hatte davor aber schreckliche Angst und auch ihre Mutter Subo weigerte sich im letzten Moment. Sie sagte uns: "Ich kann Sheleme selbst füttern und dafür sorgen, dass sie ihre Milch wirklich zu den vorgesehenen Zeiten tags wie nachts nimmt." Die nächsten Stunden zeigten, dass sie es wirklich schaffte.

Heute kann Sheleme ihren Kopf zum ersten Mal ein bisschen bewegen. Zudem beginnen ihre Ödeme endlich zu verschwinden. Damit verbunden ist ein Gewichtsverlust: Sheleme wog 10, 5 Kilogramm und jetzt wiegt sie nur noch 10 Kilogramm. Das erscheint auf den ersten Blick kontraproduktiv, ist aber normal bei Kindern, die unter Kwashiorkor leiden.

Um 14 Uhr nachmittags bringt Subo die beiden Mädchen regelmäßig zum Baden. Heute kann Sheleme den Flur schon fast alleine hinunterlaufen. Trotz des warmen Badewassers gegen die Unterkühlungsgefahr wimmert Sheleme. Katuba beobachtet die Szene schweigend und hält für ihre Zwillingsschwester deren Kleidchen.

"Sie hat zwar noch ein wenig Husten, erholt sich mittlerweile aber gut", sagt die Ärztin Karen erfreut. "Jetzt kann sie wie ihre Schwester die weniger stark verdünnte F100 Milch bekommen." Für Karen und ihre Kollegen und Kolleginnen ist das eine sehr ermutigende Entwicklung - zumal in der vergangenen Nacht leider zwei Kinder im Ernährungszentrum gestorben sind.

Montag, 21. Juli 2008

Wir befinden uns in einem der Zelte des Stabilisierungszentrums in Kuyera. Hier sind Patienten untergebracht, die in der zweiten Phase der Behandlung sind. Es herrscht eine Atmosphäre gelassener Ruhe. Man hört das Rascheln von Plastikbeuteln in den Händen von Kindern - ein Zeichen dafür, dass die kleinen Patienten wieder Appetit haben. Denn das Rascheln kommt von der Verpackung von "Plumpy'nut", einer Art Erdnusspaste. "Plumpy'nut" ist eine therapeutische Fertignahrung, die Nährstoffe, Vitamine und Mineralien enthält. Die Kinder nuckeln an der Paste, die sie leicht selbst aus dem Beutel schieben können und die den meisten sehr schmeckt.

Seit heute Morgen sind auch Sheleme und Kutuba mit ihrer Mutter Subo, der kleineren Schwester und dem Baby in diesem Zelt. Die ganze Familie ist umgezogen. In der Phase zwei bekommen die Kinder therapeutische Milch und drei Rationen "Plumpy'nut" täglich.

Shelemes Gesichtsausdruck ist immer noch ein wenig ängstlich, aber nach und nach zeigt sie wieder Interesse an ihrer Umwelt. Sie schaut mal nach rechts, mal nach links. Unter ihren Augen sind noch immer Spuren der Ödeme zu sehen, die bis vor kurzem ihr ganzes Gesicht entstellten.

Wenn alles gut geht, können Sheleme und Kutuba das Stabilisierungszentrum schon morgen verlassen. Dann werden sie ins ambulante Ernährungsprogramm aufgenommen. Subo wartet sehnlichst auf grünes Licht für die Entlassung durch das medizinische Team. "Wir wollen nach Hause, und sobald wir das dürfen, werden wir aufbrechen", sagt sie.

Dienstag, 22. Juli 2008

Subo ist heute morgen sehr geschäftig. In wenigen Minuten wird die Krankenschwester Julie ihre Betten-Runde in den großen Zelten der "Phase zwei"-Gruppe beendet haben. Wenn alles gut geht, wir Subo heute ihre vier kleinen Mädchen nach Hause zu ihrem Ehemann und ihrem Sohn bringen.

"Sheleme und Kutuba haben wieder Appetit. Sie trinken prima ihre Milch und essen die therapeutische Paste. Es gibt keine medizinischen Komplikationen und ihre Ödeme sind vollkommen verschwunden",
erklärt Julie. Um 10 Uhr ist die Entscheidung dann getroffen: Die Zwillinge können in das ambulante Programm wechseln.

Kutuba lächelt während sich Sheleme auf ihr Beutelchen "Plumpy'nut" konzentriert. Sie steht auf und flüstert ihrer Mutter ein paar Worte zu. Subo packt bereits freudig einige Kleider und ein paar Decken.
Sie macht sich auf den Weg zum Empfang - ihr folgen in einer Reihe nacheinander die kleinen Mädchen. Sheleme ist mit ihrem Beutelchen in der Hand die letzte. Immer noch ein wenig geschwächt, klettert sie die drei Schritte zum Empfang hoch, wo sie und ihre Zwillingsschwester vor neun Tagen aufgenommen wurden.

Sheleme und Kutuba erhalten zwei Decken, ein Moskitonetz und 56 Rationen therapeutische Fertignahrung. Bei drei Beuteln täglich für jedes der zwei Kinder entspricht dies einem Wochenvorrat. Subo bekommt auch noch 14 Kilogramm "CBS" (eine Mischung aus Getreide und Soja) Zucker und Öl.

Die nächste Ernte wird erst in zwei Monaten eingefahren. Subo und ihr Mann werden es bis dahin mit der Ernährung ihrer Familie wahrscheinlich schwer haben. Aber während der Wagen von Ärzte ohne Grenzen die Familie nach Oromiya hinausfährt, weiß das Team im Ernährungszentrum, dass Sheleme und Kutuba es schaffen werden - zumindest für eine Weile.

* Kwashiorkor ist eine Form von Protein-Energie-Mangelernährung. Hauptkennzeichen dieser Erkrankung sind Wassereinlagerungen, die zunächst an den Füßen und Beinen zu beobachten sind, sich aber bis in das Gesicht ausbreiten können.