Kolumbien

Psychosoziale Hilfe in Kolumbien: Wenn die Seele krank ist

Eine kolumbianische Psychologin bei einer familientherapeutischen Sitzung.

Die jahrzehntelange Gewalt hat in Kolumbien tiefe Spuren hinterlassen. Derzeit drei bis vier Millionen Vertriebene im Land sprechen für sich. An so einem Ort ist psychosoziale Hilfe für viele Menschen eine große Entlastung. Doch für die Helfer bleibt manche kritische Frage offen: Die Psychologin Petra Wünsche beschreibt die Grenzen psychosozialer Arbeit in einem Klima fortdauernder Bedrohung. Ihr Beitrag ist kürzlich in der Jubiläumspublikation “1971 – 2011. 40 Jahre MSF“ erschienen. Lesen Sie hier einen Auszug.

Die Bewohner der Dörfer und kleinen Städte der ‚Montes‘ haben viel Gewalt erlebt: Kämpfe zwischen Militär oder Paramilitär und Guerilla sowie gezielte Einschüchterungs- und Bestrafungsaktionen aller Seiten an der zivilen Bevölkerung wegen angeblicher Kollaboration mit dem jeweiligen Gegner. Viele Bewohner fliehen vor der Gewalt aus diesen Gebieten in die Slums der Städte.

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Das Gefühl, nirgends wirklich sicher zu sein, niemandem trauen zu können, sich auf nichts, vor allem nicht auf Obrigkeiten, verlassen zu können, wird seit etwa 200 Jahren von Generation zu Generation weiter gegeben. Den jungen Diego (Name geändert) sahen wir eines Tages in unserer Klinik in Sincelejo wieder. Er hatte sich entschieden, mit seiner kleinen Familie in die Stadt zu kommen und sich eine Hütte in den Slums zu bauen. Als er zu uns kam, war er völlig verzweifelt: „Wie sollen wir hier überleben? Wir sind Bauern, hier können wir keine Tiere halten und keinen Reis anbauen.“ Der junge Mann wollte sich auf keinen Fall registrieren lassen, denn er hatte Angst vor den Behörden, die nicht selten von den Paramilitärs infiltriert sind. „Ich will denen nicht sagen, woher ich komme und warum ich dort weg wollte. Die können mich dann hier finden. Ich kann doch niemandem trauen, ich weiß doch nicht, wer hier noch alles lebt“, so Diego. In der Klinik von Ärzte ohne Grenzen können die Patienten anonym bleiben, wenn sie wollen.  Wir verwiesen Diego zunächst an unsere findige Sozialarbeiterin, die wusste, wo er auch ohne  Registrierung Unterstützung bekommen konnte.

Ängste unterscheiden lernen

Diego blieb auch bei meinem kolumbianischen Kollegen in psychologischer Beratung, um einen Umgang mit seiner Depression und Lösungen für die Alltagsprobleme zu finden. Auch seine Frau konnte nicht schlafen und bekam Angstzustände, wenn sie nachts Stimmen vor der Hütte hörte. Beide lernten mit der Zeit, ihre Ängste zu unterscheiden: Wann müssen sie ihre Angst als Warnsignal vor Gefahr ernst nehmen, und wie können sie sich dann schützen? Wann taucht die Angst auf, obwohl keine Gefahr besteht, und wie können sie sich dann beruhigen? Psychologische Diagnostik ist unter solchen Bedingungen eine ziemliche Herausforderung: Wir mussten selbst lernen zu unterscheiden, wann die Angstsymptomatik etwas mit realer Gefahr zu tun hat, also eine normale Reaktion ist, und wann es sich um eine Angststörung handelt (Angst ohne Gefahr).

Das gilt auch für die Anzeichen von Depression: Entspricht die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der tatsächlichen Ausweglosigkeit der Situation, oder ist jemand zu erschöpft und resigniert, um noch einen Weg zu sehen? Hinzu kommen die üblichen Traumafolgen: Dazu gehört, dass man seine Gefühle nicht gut regulieren kann. Angst, Wut und Frustration führen so nicht selten zu Aggressionen, die sich in den Familien in Streit und häuslicher Gewalt entladen - die häufigsten Gründe für das Aufsuchen der Beratungsstelle.

Viele der Klienten haben selbst Gewalt erfahren

Bei fast der Hälfte unserer Klienten stellte sich im Laufe der Beratung heraus, dass sie selbst oder ihre Familie direkt von Gewalt betroffen waren. Sie waren unter Androhung von Gewalt vertrieben worden, Erwachsene hatten die Ermordung ihrer Kinder erlebt, Kinder die Ermordung ihrer Eltern. Viele trauten sich nicht zu erzählen, was ihnen widerfahren war, manche hatten keine Worte dafür.

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Bei all der Gewalt und Grausamkeit, dem Leid und der Angst kommen mitunter Fragen auf, wie sinnvoll ein psychosoziales Projekt ist, wenn man an der Situation nichts ändern kann, die das Leid erzeugt. Und wenn kaum jemand die Hoffnung hat, dass sich daran so bald etwas ändern wird. Sicherlich haben wir Leuten geholfen, mit ihnen Lösungen entwickelt, Hoffnung gegeben und Leiden gelindert. Aber bisweilen fühlten wir uns wie Sisyphos.  …

Lesen Sie weiter, wie Ärzte ohne Grenzen dennoch helfen kann: Den vollständigen Artikel finden Sie in  unserem Buch „1971-2011: 40 Jahre MSF“ (Hg.: Ulrike von Pilar). Auf rund 100 Seiten erzählt es vom Mut und Einsatz der Mitarbeiter, von den politischen Schwierigkeiten und von alltäglichen Problemen. Es beleuchtet Erfolge, aber auch Fehleinschätzungen und zeigt die Entwicklung der Organisation auf. Das Buch finden Sie direkt hier kostenlos als PDF zum Download:

Petra Wünsche hat in Sincelejo, einer kleinen Stadt, etwa eine Autostunde von den Montes entfernt, gemeinsam mit kolumbianischen Kollegen als Psychologin in einem Projekt von Ärzte ohne Grenzen gearbeitet. Ärzte ohne Grenzen betreut dort eine kleine Klinik für die Vertriebenen und bietet auch psychologische Beratung an. In zwei weiteren kleineren Ortschaften in den Montes betreiben die Mitarbeiter 14-tägig während zwei bis drei Tagen eine psychologische Beratungsstelle.