Libyen

Psychische Traumata sind die unsichtbaren Wunden des Krieges

Um dem Mangel an Krankenhauspersonal zu begegnen, schulen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen libysche Freiwillige.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit dem 25. Februar in Libyen und die Teams leisten mittlerweile medizinische Hilfe in der Stadt Bengasi im Osten des Landes, in der eingeschlossenen Stadt Misrata, sowie in Sintan und Jefren in den Nafusa-Bergen im Westen Libyens.

Mehr als fünf Monate nach Beginn des Konflikts hat sich die Frontline einige Kilometer aus Misrata hinaus verschoben. Dennoch beherrscht schweres Artilleriefeuer weiterhin den Alltag in der Stadt und sie bleibt eine Enklave, da der Hafen der einzige Weg ist, um Versorgungsgüter nach Misrata zu bringen.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt medizinische Einrichtungen in der Stadt, schult Mitarbeiter und bietet psychologische Betreuung. Heute besteht das Team von Ärzte ohne Grenzen dort aus 44 libyschen und 30 internationalen Mitarbeitern. Ärzte ohne Grenzen unterstützt außerdem das lokale medizinische Personal in vier Gesundheitseinrichtungen: im Qasr Ahmed Krankenhaus, im Abad Krankenhaus, im Ras Tubah Hospital, im medizinischen Zentrum Ras Tubah und im Al Noor Krankenhaus.

Für das libysche medizinische Personal hat die Behandlung von Kriegsverletzungen derzeit Priorität, so dass zum Beispiel in der Geburtshilfe und Pädiatrie erhebliche Lücken entstehen. Ein weiteres Problem ist der Mangel an Krankenhauspersonal. Das libysche Gesundheitssystem war sehr von ausländischen Krankenschwestern, Hebammen und andere Krankenhausmitarbeitern abhängig, die aber bei Kriegsbeginn geflohen sind, so dass mittlerweile junge Ärzte, Medizinstudenten und auch Menschen ohne spezifische Kompetenzen freiwillig diese Lücken füllen. Ärzte ohne Grenzen hat für diese Helfer zahlreiche Schulungen über Unfallchirurgie, Hygiene, Sterilisation und Abfallwirtschaft gestartet. In den Gesundheitseinrichtungen von Misrata mangelt es außerdem an Arzneimitteln und medizinischem Bedarf, wie Sterilisationsgeräten, Inkubatoren und Monitoren für die Intensivstation.

Hilfe für Betroffene und Helfer

Nach dem mehr als viermonatigen Krieg leiden auch immer mehr Menschen in Misrata an unsichtbaren Wunden: psychische Traumata. Um ihnen zu helfen, mit der Kriegssituation fertig zu werden, hat Ärzte ohne Grenzen ein psychologisches Programm aufgebaut. Zwei Psychologen der Organisation arbeiten eng mit einem Netzwerk von 30 libyschen Psychologen zusammen und bieten sowohl Einzel- als auch Gruppenberatungen in elf Gesundheitseinrichtungen an. Darüber hinaus findet eine wöchentliche Trainingseinheit für die Psychologen statt, damit sie zusätzliche Kenntnisse bei der Aufdeckung der Traumata und Entspannungstechniken erlernen können. Ärzte ohne Grenzen unterstützt auch das Personal und die Psychologen der libyschen Gesundheitsbehörden, die jeden Tag mit schrecklichen Geschichten konfrontiert werden.

Gemeinsam mit dem lokalen medizinischen Personal hat Ärzte ohne Grenzen angefangen, die Häftlinge in Gefängnissen in Misrata zu versorgen. Das Team beurteilt auch den Bedarf an Physiotherapie und psychologischer Hilfe unter den Gefangenen.

Vorgeburtliche Hilfe

Ärzte ohne Grenzen hat im März begonnen, im Westen Libyens zu arbeiten. Von Ende April bis Mitte Juni behandelte Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus von Sintan mehr als 270 teilweise schwer verletzte Menschen. Mitte Juni hat Ärzte ohne Grenzen in Yefren begonnen, das Krankenhaus zu unterstützen. Bisher hat das medizinische Team um einen Chirurgen und einen Orthopäden insgesamt 309 Patienten behandelt, 180 von ihnen mit Kriegsverletzungen. Das Team bildet auch das medizinische Personal weiter, so dass es besser auf den massiven Zustrom der Verletzten reagieren kann.

Im Juli startete Ärzte ohne Grenzen ein psychologisches Programm in Sintan für die Patienten der Krankenhäuser und das medizinische Personal, die in den vergangenen Monaten unter enormem Druck standen.

Seit dem 25. Februar arbeitet Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Bengasi und bietet Schwangerenvorsorge und gynäkologische Hilfe in den Kliniken Sultan und Madroun an, in denen rund 100 Konsultationen in der Woche durchgeführt werden. Das Team der Organisation schult außerdem die Mitarbeiter der Krankenhäuser Ajdabiya und Jamahyiria in vorgeburtlicher Hilfe. Zudem wurde ein psychologisches Programm für die vom Krieg traumatisierten Menschen aufgebaut, das ein Netzwerk von mehr als 40 libyschen Psychologen unterstützt. Individuelle Beratungen finden in der Sultan Klinik, im El Jamharia Krankenhaus, in der Kinderklinik, im medizinischen Zentrum Bengasi im Al Jallah Krankenhaus sowie in den Vertriebenenlagern statt.

Ärzte ohne Grenzen ist eine internationale medizinische Nothilfeorganisation, die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, politischen oder militärischen Zugehörigkeit hilft. Um die Unabhängigkeit unserer medizinischen Arbeit zu gewährleisten, verwenden wir für unsere Arbeit in Libyen ausschließlich private Spenden. Wir akzeptieren dafür keinerlei Finanzmittel von Regierungen, militärischen oder politischen Gruppen oder anderen Geldgebern.