Libanon

Prekäre Lebensbedingungen machen den Alltag im Flüchtlingslager Burj el-Barajneh zum Überlebenskampf

Die Lebensbedingungen im palästinensischen Flüchtlingslager Burj el-Barajneh sind schwierig.

Beim Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) sind 4,7 Millionen palästinensische Flüchtlinge registriert. Da der libanesische Staat sich weigert, die Flüchtlingskonvention von 1951 zu unterzeichnen, haben palästinensische Flüchtlinge im Libanon keinerlei Rechtsschutz. Zudem bleibt ihnen die Ausübung von mehr als zwanzig Berufen gesetzlich verwehrt, darunter die Tätigkeiten als Ärzte, Anwälte, Ingenieure und Buchhalter. Ihre Sozial- und Bürgerrechte sind im Libanon nicht existent und ihr Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung und Bildung ist eingeschränkt. Ärzte ohne Grenzen leistet im Flüchtlingslager Burj el-Barajneh Hilfe, wo die Mitarbeiter die Menschen sozial und psychologisch unterstützen.

Gemäß einer landesweiten Studie, die 2006 in der medizinischen Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht wurde, sind psychische Beschwerden im Libanon insgesamt nicht häufiger als in Westeuropa. Die Anzahl der Menschen, die nicht behandelt werden, ist jedoch um ein Vielfaches höher als im Westen. Das libanesische Gesundheitssystem wird vom privaten Sektor dominiert und Behandlungen sind deshalb teuer. Psychologische Betreuung gibt es in erster Linie für Kinder, während Erwachsene - insbesondere Flüchtlinge - kaum Zugang zu einer Behandlung haben, die sie so dringend bräuchten. Die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon ist in Belangen der Bildung, Gesundheit und der Sozialeinrichtungen auf das UNRWA angewiesen.

Dicht gedrängtes Leben im Lager Burj el-Barajneh

Ärzte ohne Grenzen hilft Libanesen und Palästinensern im Rahmen eines auf Gemeindeebene integrierten Programms im Lager Burj el-Barajneh, das eingepfercht zwischen dem Flughafen und den südlichen Vororten von Beirut liegt - die am dichtesten bevölkerte Gegend der Hauptstadt. Rund 18.000 Menschen leben hier auf einer Fläche von einem Quadratkilometer.

Bei der Gründung des israelischen Staates 1948 wurden Hunderttausende Palästinenser ins Exil getrieben. Das Lager Burj el-Barajneh war vom damaligen Roten Kreuz errichtet worden, seither ist die Bevölkerung durch die Ankunft von Migranten aus anderen Gegenden des Libanons sowie durch Flüchtlinge aus Syrien, Ägypten und Irak stetig gewachsen.

Hohe Arbeitslosigkeit, trostlose Zukunftsaussichten

Das Projekt von Ärzte ohne Grenzen wurde 2008 begonnen und bietet als einziges kostenlose Beratung im Flüchtlingslager und in der Umgebung. Die Dienste werden unter anderem innerhalb der wichtigsten Gesundheitseinrichtungen im Lager angeboten, so auch bei der Gesellschaft des Palästinensischen Roten Halbmonds (PRCS) und dem Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA).

Das Leben vieler Lagerbewohner ist durch anhaltende Kriege und Konflikte nachhaltig erschüttert worden. Ihre Zukunftsaussichten sind trostlos, die Arbeitslosigkeit ist weit verbreitet und die meisten leiden unter schwierigen Lebensbedingungen sowie einer prekären sozioökonomischen Situation. Unter diesen Umständen sind Depressionen häufig. Rund ein Drittel der behandelten Patienten ist davon betroffen. Zudem haben 22 Prozent der Patienten Angstgefühle, 14 Prozent leiden an Psychosen, zehn Prozent haben bipolare Störungen und ebenfalls zehn Prozent Persönlichkeitsstörungen. Durch das Progamm werden Tabus beim Thema psychische Gesundheit gebrochen, und dadurch, dass die Mitarbeiter individuelle Unterstützung anbieten, beginnen die Menschen sich zu öffnen und über ihr Leid zu sprechen. Das Team aus internationalen, libanesischen und palästinensischen Mitarbeitern bietet psychologische, psychiatrische und soziale Unterstützung an - unabhängig von Geschlecht, Nationalität, religiöser oder politischer Zugehörigkeit. Seit Projektbeginn haben die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Burj el-Barajneh 8.023 Beratungen durchgeführt und 1.160 Patienten behandelt.

"Das Leben hier ist ein täglicher Kampf. Soziale Ausgrenzung, gepaart mit den äußerst schlechten Lebensbedingungen, steigert den Grad an Unsicherheit maßgeblich und setzt viele Flüchtlinge einem schrecklichen, traumatischen und entmutigenden Alltag aus", sagt Fabio Forgione, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen. "Wir haben uns für die Behandlung von Erwachsenen entschieden, da diese in der Vergangenheit wiederholt traumatischen Erfahrungen wie Konflikt und Vertreibung ausgesetzt waren. Ihre Grundrechte wurden missachtet und sie mussten lernen, mit den dauerhaft schwierigen Umständen zurechtzukommen. Auf diesem Hintergrund hat der multidisziplinäre Ansatz des Teams schon viel bewegen können und wird dies auch weiterhin tun: Neben der psychischen Gesundheitsversorgung vermittelt Ärzte ohne Grenzen soziale, rechtliche und wirtschaftliche Unterstützung aus einem breiten Netzwerk an Partnerorganisationen. So werden die Patienten dazu befähigt, die Ursachen ihres Leidens anzugehen."

"Ich glaube nicht, dass das irgendjemand ertragen kann" - Zeugenbericht von Hakim aus dem Flüchtlingslager Burj el-Barajneh:

"Ich bin Libanese palästinensischer Herkunft - ich wurde 1948 eingebürgert. Ich bin geschieden und habe zwei Töchter aus meiner früheren Ehe. Sie gehen beide zur Schule. Vor dreieinhalb Jahren bin ich ins Flüchtlingslager gezogen, nachdem ich meine Arbeit verloren hatte und meine finanzielle Situation sich verschlechterte.

Die Lebensbedingungen hier sind sehr hart; ich glaube nicht, dass das irgendjemand ertragen kann. Die Häuser sind überfüllt und nah aneinander gebaut; Dächer aus Zink bewirken, dass die Temperaturen im Sommer enorm ansteigen, während sie im Winter stark sinken, Infrastruktur gibt es fast keine. Es gibt zahlreiche politische Parteien und sehr wenig Privatsphäre, was dazu führt, dass die Menschen leicht reizbar sind. Manchmal könnte man einen Streit anfangen, nur weil jemand grüßt.

Ärzte ohne Grenzen habe ich zufällig bei einem Besuch der Klinik des UNRWA kennen gelernt. Sie verteilten Broschüren, in denen die Symptome bei psychischen Beschwerden beschrieben wurden. Da hieß es, wenn man eines dieser Symptome habe, sollte man einen Therapeuten kontaktieren. Als ich das las, musste ich beinahe lachen, denn mir wurde klar, dass ich sie alle hatte. Nachdem ich mit einer Mitarbeiterin des lokalen Gesundheitsdienstes gesprochen hatte, riet mir diese, das Zentrum von Ärzte ohne Grenzen aufzusuchen und vereinbarte für mich einen Termin. Also ging ich hin. Ich war zutiefst schockiert und besorgt als ich erfuhr, wie ernst es um mich stand. Mir wurde bewusst: Wenn es so weiter gegangen wäre, hätte ich mich und meine Töchter irgendwann umgebracht. Ärzte ohne Grenzen hat mir sehr geholfen."