Zentralafrikanische Republik

Präsident von Ärzte ohne Grenzen trifft Staatspräsidenten

Im Juli 2012 hatte unser internationaler Präsident Dr. Unni Karunakara Gelegenheit, den Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik, Francois Bozizé, und weitere Regierungsmitglieder zu treffen. Die Zentralafrikanische Republik ist ein medizinisches Notstandsgebiet, und Ärzte ohne Grenzen versucht seit langem, auf die Situation der Menschen dort aufmerksam zu machen. In diesem Rahmen fanden auch der Besuch in der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui und die Gespräche dort statt, bei denen es darum ging, mehr Gelder zur Verbesserung des notleidenden Gesundheitssystems des Landes zu mobilisieren. Im Interview berichtet Dr. Karunakara, wie es der Bevölkerung dort nach einem Jahrzehnt politischer Gewalt, Vertreibung und Unsicherheit infolge von Konflikten zwischen Rebellengruppen und Regierungskräften sowie Überfällen von bewaffneten Banditen geht.

Was sind derzeit die dringlichsten Probleme in der Zentralafrikanischen Republik?

Sterblichkeitsstudien von Ärzte ohne Grenzen offenbaren Zahlen, die mit denen in einigen der schlimmsten humanitären Krisen vergleichbar sind. Unsere jüngste Sterblichkeitsstudie, die wir in diesem Frühjahr im Nordwesten des Landes durchgeführt haben, ergab, dass vor allem Kinder dringend bessere medizinische Versorgung benötigen. Von den Kindern, die ihren fünften Geburtstag nicht mehr erlebten, starben nach den Untersuchungen 60 Prozent daheim und 13 Prozent auf dem Weg zum Krankenhaus.

Außerdem verzeichneten wir ein massives Auftreten von behandlungsbedürftigen Erkrankungen wie Malaria, HIV/AIDS und Tuberkulose sowie hohe Sterblichkeitsraten. Die Malaria ist die Todesursache Nummer eins und häufigste Todesursache bei Krankenhauspatienten. Anfang Juli, dem Höhepunkt der Malariasaison, ging der Vorrat an Malaria-Medikamenten in der Zentralafrikanischen Republik extrem zur Neige und stand kurz vor einem völligen Versorgungskollaps.

Was sind die Gründe für diesen medizinischen Notstand?

Zuerst einmal besteht nur begrenzter Zugang zu medizinischer Versorgung. Es gibt viel zu wenig Personal und Qualifikation ist rar. Das Land besitzt kaum Fachärzte - insgesamt wird die Anzahl der Ärzte im Land auf etwa 300 geschätzt - und das bei etwa fünf Millionen Einwohnern. Fast jede medizinische Dienstleistung muss aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Daher suchen die meisten behandlungsbedürftigen Patienten in der Regel kein Gesundheitszentrum auf.

Zweitens kann das Gesundheitssystem den Bedarf im Land nicht decken. Trotz großer Bemühungen ist das Gesundheitsministerium außerhalb der Hauptstadt kaum präsent. Es gibt nur wenige Gesundheitseinrichtungen. Versorgungsengpässe bei grundlegenden Medikamenten sind an der Tagesordnung. Last but not least mangelt es an Engagement für die Gesundheitsversorgung. Die Regierung ist ihrer Verpflichtung in der Erklärung von Abuja, 15 Prozent der staatlichen Ausgaben für das Gesundheitssystem abzustellen, nicht nachgekommen. Momentan liegt diese Summe eher bei 10 Prozent - und selbst diese Zahl wird häufig nicht investiert. Außerdem haben internationale Akteure Ihre Gelder für die Förderung der medizinischen Versorgung in der Zentralafrikanischen Republik gekürzt, was einfach nicht hinnehmbar ist.

Wo lag der Schwerpunkt bei Ihrem Gespräch mit dem Präsidenten und dem Gesundheitsminister?

In unserem Gespräch ging es vor allem um die Malaria, die im Land "holoendemisch" ist. Das heißt, dass sich jeder Einwohner mindestens einmal im Jahr mit Malaria infiziert. Sie ist die häufigste Krankheitsursache, und sie ist die häufigste Todesursache.

Uns stehen alle notwendigen Mittel zur Verfügung: Es gibt Schnelltests, mit denen die Krankheit schnell und einfach diagnostiziert werden kann. Es gibt wirkungsvolle und verhältnismäßig günstige Medikamente. Und es gibt Moskitonetze, die mit Insektiziden imprägniert sind. Ebenfalls bekannt ist: Würden Einheimischen vor Ort in Diagnose und Behandlung des Fiebers eingewiesen, wäre eine Behandlung selbst in den entferntesten Dörfern möglich. Und dennoch gab es im Monat vor meiner Ankunft beinahe einen Versorgungskollaps bei Medikamenten - die Regierung hatte in keiner ihrer Einrichtungen mehr Malaria-Medikamente vorrätig. Dies passierte ausgerechnet auch noch mitten in der Malariasaison, in der sich die Krankheitsfälle um mindestens 50 Prozent erhöhen.

2011 behandelte Ärzte ohne Grenzen über 243.000 Menschen in der Zentralafrikanischen Republik gegen Malaria; im laufenden Jahr 2012 waren es bisher bereits 121.410. In den Gesprächen mit dem Präsidenten und den internationalen Organisationen haben wir deutlich betont, dass die Bekämpfung der Malaria auf der Gesundheitsagenda des Landes oberste Priorität haben muss. Ein gezieltes und gut organisiertes Malaria-Programm würde nicht nur die Sterblichkeitsrate senken, sondern gleichzeitig auch einen Personalstamm schaffen, der sich langfristig auch anderer gesundheitlicher Herausforderungen annehmen könnte. Wir sind davon überzeugt, dass regelmäßige Gesprächsrunden mit den Hauptakteuren im Kampf gegen Malaria - d. h. Gesundheits- und Bevölkerungsministerium, UN-Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und internationale Geber - unter dem Vorsitz des Präsidenten oder des Premierministers schnell zu positiven Ergebnissen führen könnten. Wir fordern außerdem u.a. dringend mehr internationale Investitionen für den Kampf gegen die Krankheit. Das würde nicht nur die durch Malaria und andere Fieber bedingte Sterblichkeit, sondern auch die Kindersterblichkeit im Land insgesamt senken.

Was tut Ärzte ohne Grenzen im Land?

Ärzte ohne Grenzen engagiert sich seit 1997 in der Zentralafrikanischen Republik und leitet derzeit Projekte in 5 der 17 Präfekturen des Landes - in den meisten Fällen in den instabileren Grenzregionen. 2011 hat Ärzte ohne Grenzen circa 610.000 Patienten ambulant und rund 29.000 Patienten stationär behandelt.

 

Foto: Abe Toshiya