Demokratische Republik Kongo

Notfall in der "Stadt der Steine"

Kaum jemand erinnert sich noch an die schweren Überflutungen in der Provinz Katanga Ende letzten Jahres. Dabei brauchen die Vertriebenen dringend weiter Hilfe. Vor allem sind viele Kinder unterernährt und an Masern erkrankt.

Es ist Mittag in Bukama. Unter der bleiernen Sonne klettert der Landrover den felsigen Weg hoch, der zur Anhöhe von Kabamoma führt. Der Refrain eines Liedes übertönt die Geräusche in der Fahrerkabine, während das Auto über die holprige Straße wackelt. Vor uns erscheint eine Schlange von etwa zehn Frauen, Männern und Kindern, die beim Gehen eine rote Staubwolke aufwirbeln. Die Männer tragen einen etwa meterlangen Pappkarton. "Eine Beerdigung", seufzt Paul, unser Fahrer. Er hält den Wagen an, um die Trauergemeinde vorbeiziehen zu lassen.

"Noch vor ein paar Wochen wurden täglich Kinder in Bukama beerdigt. Seitdem Ärzte ohne Grenzen das Projekt gestartet hat, kommt das seltener vor. Aber einige Kinder sterben noch immer", erklärt Paul uns.

Ende letzten Jahres wurde die südöstliche Provinz Katanga, die an der Mündung des Flusses Kongo liegt, überflutet. Die Wassermassen haben zahlreiche Häuser nahe des Flusses zerstört. Heute, Monate später, liegen die Überreste dieser Häuser sowie Tausende Steine über die ganze Stadt verteilt. Einige Bewohner behaupten, dass "Bukama" in einer der lokalen Sprachen "Stadt der Steine" bedeutet.

Die Ernte ist zerstört

"Das Wasser hat alles zerstört. Es ging erst nach drei Monaten zurück. Noch immer ist das Fußballfeld überflutet, einige Leute haben sogar angefangen zu angeln", erklärt mir Céline Zegers, die die Notfallprojekte in Bukama leitet. "Etwa 2.000 Menschen sind vor den Fluten auf die Anhöhe geflohen und haben im Lager Kabamoma Zuflucht gefunden. Sie leben dort in Strohunterkünften, die mit alten Plastikplanen abgedeckt sind. Wir schätzen, dass etwa 32.000 Personen von den Fluten betroffen waren, also rund die Hälfte der Einwohner von Bukama."

Als die Fluten kamen, war gerade ein 30köpfiges Notfallteam aus kongolesischen und internationalen Mitarbeitern vor Ort, um eine Choleraepidemie zu bekämpfen. Sie haben schnell reagiert und sofort in zwei Gesundheitszentren medizinische Hilfe angeboten. Rund 1.000 Patienten werden hier wöchentlich behandelt. Die meisten leiden an Malaria und Atemwegserkrankungen. Sorgen bereitet dem Team zudem die Ernährungslage. Denn die Wassermassen haben die Felder und damit auch die nächste Ernte zerstört.

Seit Anfang Mai dieses Jahres betreut Ärzte ohne Grenzen daher ein Ernährungsprojekt, in das bislang 450 Kinder aufgenommen wurden. Die meisten stammen aus vertriebenen Familien. Je nach Zustand der unterernährten Kinder erhalten sie entweder zusätzliche Nahrung oder werden rund um die Uhr medizinisch überwacht und behandelt.

Viele Kinder haben Masern

Ein ganz wichtiger Teil dieses Ernährungsprojekts ist die soziale Komponente: "Wir haben zehn Sozialarbeiter ausgebildet", erklärt Joseph Musakana, der als Pfleger für die Zentren verantwortlich ist. "Sie sind selbst Vertriebene und gehen in die Gemeinden, um nach unterernährten Kindern Ausschau zu halten." 75 der 77 Kinder, die diese Woche aufgenommen wurden, haben die Sozialarbeiter aufgespürt. "Sie spielen wirklich eine wichtige Rolle", so Joseph.

Ein Drittel dieser unterernährten Kinder ist zudem an Masern erkrankt. Kein Wunder, denn diese Krankheit ist häufig bei Kindern mit schlechten Abwehrkräften. In zwei von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Einrichtungen werden sie behandelt. Zudem impfen die Teams alle Kinder zwischen sechs Monaten und 15 Jahren, um die Epidemie zu stoppen. In etwas mehr als einem Monat wurden in der Gesundheitszone Bukama mehr als 120.000 Kinder geimpft. Doch damit nicht genug. Auch in anderen Zonen der Provinz Katanga sowie in der Nachbarprovinz Maniema führt Ärzte ohne Grenzen Impfkampagnen durch und behandelt erkrankte Kinder.

"Es ist schon viel besser geworden", sagt Céline Zegers. "Noch vor ein paar Wochen gab es täglich Beerdigungsprozessionen." Doch auch wenn heute weniger Kinder sterben, die Vertriebenen brauchen noch immer Decken, Moskitonetze, Baumaterial und andere Hilfsgüter - all das, was man eben zum Überleben braucht.

Francois Dumont, Pressereferent

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1981 in der Demokratischen Republik Kongo. Zurzeit sind dort rund 2.500 kongolesische und 200 internationale Mitarbeiter in landesweit 26 Projekten tätig.