Haiti

Nach dem dritten Sturm brauchen die Vertriebenen dringend Nahrung und Wasser

Zwischen dem 1. und 7. September wurde Haiti von Hurrikan "Gustav", Wirbelsturm "Hanna" und Hurrikan "Ike" getroffen. Nach Angaben der Behörden wurden dabei 25.000 bis 30.000 Häuser zerstört und 500 Menschen getötet. Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen kamen am 4. September im Norden Haitis in der Stadt Gonaïves an und begannen sofort mit der Inbetriebnahme des Rabouteau Gesundheitszentrums. Es ist die einzige betriebsfähige Gesundheitseinrichtung in der Region. Am folgenden Tag führte das Team 110 Konsultationen und 16 chirurgische Eingriffe durch und behandelte 49 Verletzte. Ärzte ohne Grenzen führt nun überall in der Region Behandlungen durch. Max Cosci, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Haiti, ist in Gonaïves und beschreibt die Situation.

Wie ist die Situation der Menschen und unter welchen Umständen leben sie?

Ich denke, dass immer noch 40 bis 60 Prozent der Stadt überflutet sind. Die Menschen leben auf den Dächern ihrer Häuser. Es gibt Häuser mit betonierten Wänden und Dächern, so dass sich die Menschen auf dem Hausdach eingerichtet haben. Viele Menschen leben auf diese Art. In anderen Orten, wo das Wasser zurückgegangen ist, leben die Menschen auf der Straße oder in notdürftigen Unterkünften. Wir denken, dass etwa 50.000 Menschen keine Unterkunft haben.

Welche medizinischen Bedürfnisse haben die Menschen und wie geht es ihnen gesundheitlich?

Im Moment ist die medizinische Situation nicht dramatisch. Wir haben am ersten Tag den Verwundeten geholfen. Wir haben alle Schwerverletzten versorgt und Menschen, die offene Verletzungen hatten, weil sie durch das schmutzige Wasser gelaufen sind und sich dadurch ihre Wunden infiziert haben. Dann haben wir mit Operationen begonnen, umgehend gefolgt von Konsultationen. Wir haben ein Team, das Sprechstunden durchführt, während zwei zusätzliche Ärzte und drei Krankenschwestern Konsultationen anbieten und Überweisungen ausführen. Falls nötig, werden sie chirurgische Eingriffe in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium durchführen.

Gibt es immer noch Gebiete, die Ärzte ohne Grenzen aufgrund von Zugangsschwierigkeiten nicht erkunden konnte?

Anders als in Gonaïves ist der Zugang zu den betroffenen Regionen und eine unabhängige Evaluierung der Lage schwierig. Von dem, was ich aus einem Hubschrauber gesehen habe, ist ein riesiges Gebiet überflutet. Ich denke, es sind mehrere Quadratkilometer. Ich weiß, dass es weiterhin abgelegene Orte gibt, die wir noch nicht gesehen haben. Das liegt daran, dass wir nicht viele Hubschrauber haben und im Moment die einzigen Hubschrauber am Boden Militärhubschrauber sind. Die letzte Erkundung, die wir gemacht haben, war am vergangenen Samstag. Wir sind in ein hügeliges Gebiet geflogen, in dem Menschen einen trockenen Platz gefunden hatten und sich seit fünf Tagen ohne Nahrung und Wasser aufgehalten haben. Die Verwundeten haben wir im UN-Hubschrauber mitgenommen und Nahrung und Wasser dort zurückgelassen.

Gab es eine starke nationale Reaktion auf die Katastrophe?

Ja, das Land will Hilfe bereitstellen, und es wurden Ärzte geschickt. Aber das Problem ist, dass vor diesem Hurrikan bereits Wirbelsturm "Fay" und Hurrikan "Gustav" den Süden des Landes getroffen hatten. So haben sich die Kapazitäten des Landes hauptsächlich auf den Süden konzentriert. Und nun haben wir die Überschwemmungen im Norden. Alle Ressourcen wurden im Süden eingesetzt, und so fehlen im Norden Kapazitäten, weil jetzt die Bedürfnisse im ganzen Land enorm sind.

Haben Sie aufgrund der verunreinigten Wasservorräte Auswirkungen bei den Menschen gesehen, die unsauberes Wasser getrunken haben?

Ja, besonders in abgeschiedenen Regionen. Menschen können ein paar Tage ohne Trinkwasser leben, aber dann brauchen sie wirklich welches. Also beginnen sie, schmutziges Wasser zu trinken und dieses hat bereits zu ersten Fällen von Durchfall geführt. Die gute Meldung von gestern war der Regen - die Menschen haben begonnen, Regenwasser zu sammeln. Ich vermute, dass sie jetzt einen kleinen Wasservorrat für die nächsten Tage haben. Aber natürlich werden die Vorräte bald aufgebraucht sein, und so besteht im Moment ein dringender Bedarf an der Verteilung von sauberem Wasser.

Worauf konzentriert sich Ihr Team im Moment?

Im Moment konzentrieren wir uns auf die medizinischen Bedürfnisse und behandeln die Verwundeten. Ich kam hier am ersten Tag mit dem ersten UN-Hubschrauber an und konnte aufgrund der Gewichts- und Größenbeschränkungen im Hubschrauber nur eine medizinische Ausrüstung mitbringen. Wir haben ein Team, das in einem kleinen Gesundheitszentrum aktiv ist. Es ist das einzige Gesundheitszentrum mit chirurgischen Kapazitäten. Das Team arbeitet dort seit Mittwoch. Das Krankenhaus wurde überschwemmt und ist im Moment nicht in Betrieb. Zu den Gesundheitszentren in vielen Orten gibt es keinen Zugang. Im Moment tue ich von allem ein bisschen, weil es logistischen Bedarf gibt und eine Menge Fracht ankommt, die ich versuche zu ordnen.

Gibt es eine Begebenheit, die Sie besonders berührt hat?

Wir fuhren mit unserem Auto los, um eine Frau abzuholen, weil ihr Ehemann kam und sagte, dass sie entbunden hat. Sie hat während des Sturms entbunden und das Baby verloren, also haben sie das Baby sofort begraben. Der Vater erzählte mir, dass er nur ein Loch im Boden gegraben hat und das Baby hineingelegt hat. Dann kam er zu uns, damit wir seine Frau retten. Sie blutete stark von der Geburt, also kümmerten wir uns um sie. Ihr geht es jetzt gut, aber leider hat sie, wie gesagt, ihr Kind verloren.