Italien

Migrationsprojekte von Ärzte ohne Grenzen in Europa - Eine Übersicht

Unsere Mitarbeiter versorgen Geflüchtete und Migranten in Belgrad mit Decken. Nur die Hälfte der etwa 7.500 Migranten in Serbien finden Platz in winterfesten Unterkünften. Der Rest schläft im Freien oder in verlassenen Gebäuden und ist Schnee und Minusgraden ausgesetzt.

Mit Menschen auf der Flucht arbeiten wir bereits seit vielen Jahrzehnten. Im Jahr 2016 sind mehr als 360.000 Menschen in Europa angekommen. Auf dem Weg hierher kamen allein auf dem Mittelmeer mehr als 5.000 Menschen um.

Zentrales Mittelmeer und Ägäis

Im vergangenen Jahr konnten wir an Bord unserer drei Rettungsschiffe Bourbon Argos, Dignity I und Aquarius 21.603 Menschen aus Seenot retten und weitere 8.669 Menschen unterstützen. Da die Anzahl der Überfahrten im Winter rückläufig ist, war nur die zusammen mit SOS Méditerranée betriebene Aquarius im Einsatz. Von März bis Oktober 2017 war Ärzte ohne Grenzen mit einem eigenen Schiff aktiv, der Prudence. Die Aktivitäten auf der Prudence wurde aufgrund der sinkenden Anzahl von Booten mit Geflüchteten, welche die internationalen Gewässer des Mittelmeers erreichen, im Herbst 2017 beendet.

Sowohl in der Ägäis und als auch im zentralen Mittelmeer sind unsere Rettungseinsätze nur eine vorübergehende Maßnahme, um den Verlust von Menschenleben zu verhindern. Sie können keine Lösung darstellen.

Weitere Informationen zu unserer Arbeit im Mittelmeer finden Sie hier.

Italien

2016 sind mehr als 180.000 Menschen an Italiens Küsten angekommen, der Großteil davon auf Sizilien. Das italienische Aufnahmesystem bleibt völlig überlastet. Von den Ankommenden, die einen Platz in einer Unterkunft brauchen, können 78 Prozent nur in schlecht ausgestatteten Erstaufnahmezentren und Notfallunterkünften untergebracht werden.

Viele der Menschen befinden sich nur auf der Durchreise zu den Landesgrenzen im Norden, um in andere europäische Länder zu gelangen. Oftmals werden sie bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, von der Polizei abgefangen und in Hotspots und Aufnahmezentren gebracht oder in Polizeigewahrsam genommen. Der Schwerpunkt unserer Arbeit in Italien liegt auf der psychologischen Hilfe für Flüchtende und Migranten sowie in der Unterstützung der freiwillig helfenden Vereine vor Ort. Ihnen wird in den chaotischen Zuständen die Betreuung der Migranten oftmals komplett überlassen.

Süditalien

Angesichts der vielen Todesopfer und Schiffsbrüchigen in den Jahren 2015 und 2016 hat sich Ärzte ohne Grenzen entschlossen, auch weiterhin an den Küsten Süditaliens aktiv zu sein. Dabei bieten wir vor allem psychologische Ersthilfe für Überlebende von Schiffsbrüchen an, vor allem auf Sizilien, Sardinien und in Kalabrien. Unser mobiles Team hierfür besteht aus einem Projektkoordinator sowie Psychologen und kulturellen Mediatoren. Es steht immer bereit und kann innerhalb von 72 Stunden am Einsatzort sein. 2016 war das Team 31 Mal im Einsatz.

Zudem betreuen wir mehrere Projekte in der Provinz Trapani auf Sizilien. 2016 startete ein Projekt zur psychologischen Unterstützung von Migranten. Unser Team ist in 16 verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen aktiv. Es hilft den Menschen, die traumatischen Erfahrungen in ihren Heimatländern, auf der Flucht und bei ihrer Ankunft zu verarbeiten. Im Juli wurde zudem zusammen mit italienischen Partnern psychotherapeutische Hilfe für besonders schwere Fälle bereitgestellt. Seit Beginn des Projekts konnte über 600 Patienten und Patientinnen in Gruppen- und Einzelsitzungen geholfen werden.

Rom

Ärzte ohne Grenzen eröffnete im April 2016 ein Projekt zur Rehabilitierung Asylsuchender, die Opfer von Folter geworden sind. Wir werden dabei von zwei italienischen Organisationen unterstützt. Zurzeit werden 98 Patienten aus 22 Nationen behandelt. 2016 startete Ärzte ohne Grenzen ebenfalls mit lokalen Partnern ein Projekt zur Identifikation rheumatischer Herzkrankheit bei Migranten. In 10 Monaten haben wir über 350 Untersuchungen durchgeführt.

Norditalien

An den nördlichen Landesgrenzen betreuen wir mit anderen Organisationen und Freiwilligen ein Projekt, das die durchreisenden und gestrandeten Migranten mit medizinischer und psychologischer Hilfe, aber auch mit Nahrung und anderen Hilfsgütern versorgt.

An der Grenze zu Frankreich in Ventimiglia kümmert sich unser Team aus Hebammen und Mediatoren zusammen mit freiwilligen Helfenden und einer Kirchengemeinde um die vielen ankommenden Frauen, Kinder und Familien. Außerdem bieten wir psychologische Ersthilfe in einer Unterkunft des Italienischen Roten Kreuzes. An der Grenze zur Schweiz in Como bieten wir in zwei Unterkünften psychologische Unterstützung an.

Griechenland

Informationen zu unseren umfangreichen Projekten auf dem griechischen Festland und den Inseln finden sie hier.

Serbien

Auch wenn die Balkanroute offiziell geschlossen ist, kommen immer noch hunderte Menschen täglich in Serbien an. Die meisten sind nur auf der Durchreise und gehen große Risiken ein, um mithilfe von Schmugglern weiterzureisen. Im Moment sind über 7.500 Migranten in Serbien. Winterfeste Unterkünfte gibt es jedoch nur für etwa die Hälfte. Das führt zu schlimmen sanitären und gesundheitlichen Zuständen innerhalb der überfüllten Unterkünfte. Menschen, die dem entgehen oder weiterreisen wollen, sind zwischen Belgrad und der Grenze zu Ungarn auf sich allein gestellt. Rund 2.000 Menschen müssen so bei eisigen Temperaturen im Freien übernachten.

Für jene außerhalb der Camps haben die serbischen Behörden die Maßnahmen verschärft und humanitäre Hilfsaktionen stark eingeschränkt. Zudem gibt es besorgniserregende Berichte über illegale Ausweisungen durch Behörden.

Belgrad

Im Zentrum von Belgrad sind mehrere mobile Teams von Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Die meisten Patienten kommen in verlassenen Gebäuden neben dem Hauptbahnhof unter, wo sich insgesamt über 1.700 Menschen aufhalten sollen. Unsere Teams kümmern sich um die Menschen, die durch Überfüllung der Unterkünfte an Körperläusen oder Krätze leiden. Sie beobachten zudem einen starken Zuwachs an Atemwegsinfektionen und Hautkrankheiten. Allein im November 2016 wurden etwa 2.500 Sprechstunden abgehalten.

Im Stadtzentrum haben die serbischen Behörden die Verteilung von Nahrung und anderen Hilfsgütern durch Hilfsorganisationen gestoppt. Sie werfen ihnen vor, dadurch noch mehr Menschen anzulocken. Seitdem werden nur noch wenige Aktivitäten geduldet. Viele der Menschen dort leiden unter Angst und Depressionen. Sie haben Traumatisches erlebt, wurden ausgeraubt, geschlagen oder eingesperrt. Immer öfter werden Mitarbeiter der Behörden durch Migranten der Gewalt beschuldigt.

Frankreich

Auch wenn unser Projekt in Calais nach der Räumung des Lagers beendet ist, haben wir die Situation weiterhin im Blick und unterstützen verschiedene Vereine bei ihrer Flüchtlingshilfe, beispielsweise in Dieppe, Paris, Caen und Roscoff. Wegen der Kälte haben unsere mobilen Teams in Paris neun Menschen mit Unterkühlung behandelt. Außerdem weisen wir auf die brutalen Praktiken der französischen Polizei im Umgang mit Migranten hin, die in der Kälte im Freien leben.

Tunesien

Ärzte ohne Grenzen hat in Zarzis Seenotrettungskurse für Fischer angeboten. Fischer sind oft zuerst vor Ort, wenn Flüchtlingsboote in Seenot geraten. Zudem führten wir Schulungen für den tunesischen und libyschen Roten Halbmond durch, wie mit den Körpern Verstorbener umgegangen werden sollte. Wir haben auch Ausrüstung und medizinische Versorgungsgüter zur Verfügung gestellt. Insgesamt konnten von uns ausgebildete Helfer allein bis Juni 2016 rund 500 Menschen aus dem Mittelmeer retten.

Libyen

Bei anhaltenden Kämpfen in Teilen des Landes und nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft ist die Lage in Libyen weiterhin schwierig. Gleichzeitig ist Libyen Durchgangsland für Hunderttausende auf ihrem Weg nach Europa. Das Asylsystem funktioniert jedoch schlecht und das Land ist nicht Teil der Genfer Flüchtlingskonvention. Wenn Migranten und Flüchtende auf dem Meer oder an Land abgefangen werden, werden sie in Migrationshaftzentren gebracht.

In den Haftzentren, oft alte Fabriken oder Lagerhallen, herrschen extrem unhygienische und unmenschliche Zustände. Die Menschen werden dort willkürlich lange eingesperrt, ohne sich rechtlich dagegen wehren zu können. Es herrscht großer Mangel an Trinkwasser und Nahrung. Viele leiden unter Dehydration oder Kopfschmerzen und sind stark abgemagert. Durch die Überfüllung können sich die Inhaftierten zum Schlafen nicht einmal ganz ausstrecken und leiden unter Gliederschmerzen. Es gibt viel zu wenig sanitäre Einrichtungen, was zu Ausbrüchen von Läusen, Krätze und Flöhen führt.

Für Ärzte ohne Grenzen ist es eine schwierige Entscheidung, in solch hoffnungslosen und menschunwürdigen Umständen zu arbeiten. Dennoch halten wir an unserem im Juli 2016 gestarteten Projekt fest, um den Inhaftierten zumindest ein wenig zu helfen. Unsere mobilen Teams arbeiten in sieben Haftzentren in Tripolis und Umgebung. Seit Beginn des Projekts wurden insgesamt mehr als 5.500 Sprechstunden abgehalten. Davon waren 32 Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen und 41 Untersuchungen bei Kindern unter fünf Jahren. Gleichzeitig setzen wir uns dafür ein, humanere Bedingungen in den Haftzentren zu schaffen. Wir drängen die Behörden dazu, Schwangere, Mütter mit Babys und Kleikindern sowie Menschen mit Behinderungen und gesundheitlichen Problemen freizulassen. Grundsätzlich sind wir für ein Ende einer willkürlich langen Migrationshaft.

Ärzte ohne Grenzen arbeitete erstmals im Herbst 2002 mit Migrantinnen und Migranten im mediterranen Europa, auf der italienischen Insel Lampedusa. Dort starteten wir ein Programm zur medizinischen Versorgung von Asylbewerbern.