Sudan

"Meningitis im Team bekämpfen"

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Christiane Pahl war im Sudan

Ein Bericht von Christiane Pahl zur "Impfkampagne im Südsudan" - Ehemalige Sittenserin mit "Ärzte ohne Grenzen" unterwegs

Sittensen/Südsudan (ZZ/kvf). Als in diesem Jahr in mehreren afrikanischen Ländern Meningitis (Hirnhautentzündung) ausbrach, reagierte der Verein "Ärzte ohne Grenzen" (Medizinische Nothilfeorganisation) schnell. Allein in Burkina Faso und im Südsudan impfte die internationale Hilfsorganisation mehr als 1,5 Millionen Menschen. Um diejenigen richtig zu versorgen, die sich angesteckt hatten, mussten die Mitarbeiter zuerst herausfinden, um welchen Meningitistyp es sich handelte, berichtet Krankenschwester Christiane Pahl, die das erste Mal mit "Ärzte ohne Grenzen" unterwegs ist.

Im nächsten Schritt galt es, weitere Ansteckungen zu verhindern. In beiden Ländern gibt es seit Mitte des Jahres weniger Fälle von Meningitis und die Gefahr von Ansteckungen besteht kaum noch, erklärt die ehemalige Sittenserin. Die Impfaktion im südlichen Sudan ist mittlerweile fast vorüber. Die Krankenschwester hat einen Brief geschrieben. Darin erzählt sie von ihrer Arbeit im Südsudan.

"Es war dunkel geworden und ein wunderschöner Sternenhimmel war zu sehen, den ich so noch nirgendwo anders gesehen hatte. Nun bin ich schon seit einem Monat im Südsudan und in meinem neuen Einsatzort Pibor angekommen.

Während ich den Geräuschen und Melodien der Nacht lausche, überdenke ich die letzten vier Wochen, in denen ich mit einem Team an der Meningitisimpfaktion in Bor und den umliegenden Dörfern teilgenommen habe.

Die Zeit war so intensiv, dass Worte viel zu schwach sind, die Erlebnisse und Eindrücke zu beschreiben. Abends, wenn die Arbeit beendet war, genossen wir die Stille und Ruhe nach dem Tageswerk. Die Abende waren stets von einer besonderen Atmosphäre geprägt. Die Hälfte des Teams schlief bereits in ihren Zelten und andere unserer Gruppe saßen noch zusammen, um den Tag abzuschließen. Da wurde erzählt, gelacht, zugehört oder wir schwiegen einfach nur, wenn sich die Bilder des Tages in unseren Gedanken wiederholten.

Unser Compound bestand aus einem großen Platz, auf dem die eine Seite mit einem Essplatz und einigen großen Zelten ausgefüllt war. Diese brauchten wir als Schlafzelte, Büros, Küche, medizinischen und logistischen Vorratsraum. Auf der anderen Seite des Platzes standen sechs Jeeps, so dass man sich mitunter fühlte, als würde man auf einem Parkplatz wohnen.

Morgens begann der Tag mit dem Lärm unserer Jeeps, deren Lampen unseren Compound ausleuchteten. Es war noch dunkel und der Tag hatte noch nicht richtig begonnen. Schläfrig standen wir an unserem Wassertank und frühstückten später eine Kleinigkeit.

Dann setzten wir uns in die Wagen, um die fünf anderen Impfteams aus Bor abzuholen und fuhren anschließend weiter zu verschiedenen Orten, um die geplanten Impfaktionen durchzuführen. Auf der Fahrt dorthin ging die Sonne leuchtend-orange auf und meldete, dass der Tag begonnen hatte. Ein neuer Impftag.

Ich bin davon ausgegangen, dass ich im Sudan vor allem impfen würde, was bedeutet, mit einem Team zusammenzuarbeiten, Spritzen vorzubereiten und Injektionen zu geben. Das war jedoch das wenigste. Denn ich arbeitete mit 70 Menschen zusammen, die sich von meinem kulturellen Hintergrund doch sehr unterschieden.

Nach vierzig Minuten Fahrzeit kamen wir in Bor an, wo wir immer ein wenig Aufenthalt hatten, bis alle Mitarbeiter zur Stelle waren. Man gab sich immer die Hand, am besten mehrmals im Laufe eines Gesprächs, und dann wurde gelacht. Lachen ist hier ein wesentlicher Bestandteil eines Gesprächs. Sagt man etwas Lustiges, so gibt man sich zur Bestätigung wieder die Hand. Einige Male hält man sich während des Gesprächs auch an den Händen und das ist für mich als Nordeuropäerin etwas ungewohnt. Es vermittelt aber ein Gefühl von Verbundenheit, das die gegenseitige Aufmerksamkeit im Gespräch sicherstellt.

Danach ging es darum, die verschiedenen Teams auf die Autos zu verteilen, die schon mit Material und unseren Kühlboxen mit dem Impfstoff beladen waren. Jeden Abend gab es eine logistische Diskussion in unserem Team, wie man am effektivsten Fahrzeuge und Material einsetzen könnte.
Wenn alle Teams vollzählig waren, fuhren wir los. Meine Aufgabe bestand darin, den verschiedenen Teams zu helfen, die Arbeit zu überwachen, wo Bedarf war und dafür zu sorgen, dass alles Material dabei war, damit das Impfen ohne Probleme durchgeführt werden konnte. Der Vorteil dabei war, dass ich alle Impfstationen besuchen konnte und die verschiedenen Teams kennenlernte.

 

Gerüchte und Streitigkeiten

Ein sehr wichtiger Faktor für den Erfolg einer Impfkampagne ist natürlich, dass die Leute kommen, um sich impfen zu lassen. An manchen Nachmittagen kamen wenige, so dass Zeit blieb, mit den anderen Teammitgliedern zu sprechen. Wir sprachen über die Unterschiede in unseren Kulturen und beinahe jedes Mal wurde ich gefragt, ob es wirklich stimmt, dass die Frauen bei uns ihren Partner selbst wählen. Darüber waren sie verwundert. Wenn ich dann antwortete, dass es für mich verwunderlich ist, dass man hier für eine Frau mit Kühen bezahlen muss, so wurde laut gelacht. So lachten wir zusammen, wenn der eine überrascht war von der Kultur des anderen.

Die Zeit wurde aber auch genutzt um darüber zu sprechen, warum die Menschen nicht zum Impfen kamen. Hatten sie Angst vor dem Impfen? Waren sie nicht gut genug informiert? Was gab es für Gerüchte bei den Leuten? Ja, es gab Gerüchte, dass man durch das Impfen sterben, unfruchtbar werden oder einfach, dass es wehtun könnte.

Ein anderer wichtiger Grund war, dass es manche nicht wagten, so lange Strecken mit ihren Kindern zu gehen. Wegen der nachmittäglichen Hitze, wegen des Verkehrs auf der Straße oder auch wegen des alles überschattenden Konfliktes mit dem Nachbarstamm. Wie ich verstand, hat es diesen Konflikt hier schon immer gegeben.

Ich erinnere mich an einen Morgen, an dem ich in einem Dorf ankam, das überraschend leer wirkte. Der Leiter des Impfteams, das sich schon dort befand, erzählte mir, dass man den Dorfbewohnern im Laufe der Nacht das Vieh gestohlen hatte. Sie machten den Nachbarstamm dafür verantwortlich. Aus Furcht, dass ihnen bei einem neuen Angriff die Kinder weggenommen würden, waren die Einwohner geflüchtet. Ob der Nachbarstamm das Vieh gestohlen hat oder nicht, wurde nicht aufgeklärt. Das Vieh kam zurück. Die Dorfbewohner mochten ihre Häuser jedoch nicht mehr verlassen und waren deshalb nicht zum Impfen gekommen.

Einige Familienmitglieder, meist Väter und Söhne, waren außerdem bei den "cattlecamps". Dort hält man sich in der Trockenzeit auf, weil es dort noch Gras für das Vieh gibt und aus dem Grunde konnten sie nicht zum Impfen kommen. Die Mutter war allein mit dem Rest der Familie und musste zudem am Nachmittag zum Wasserloch laufen, um Wasser für die Essensvorbereitung zu holen. Wenn sie am Vormittag keine Gelegenheit gehabt hatte, mit den Kindern zum Impfen zu kommen, konnte sie es am Nachmittag noch weniger schaffen.

Eineinhalb Stunden zu Fuß

Aber es kamen trotzdem viele. Kleine Kinder, die mit ihren noch kleineren Geschwistern kamen. Mütter mit mehreren Kindern an der Hand und junge Leute, die manchmal mehr Angst vor dem Impfen hatten als die kleinen Kinder. Ich erinnere mich an einen sehr großen älteren Herrn mit Hut und Stock, den ich an einer Impfstation traf. Er war eineinhalb Stunden unterwegs gewesen. Er war der Oberste einer Dorfgemeinschaft.

Aufgrund der unerträglichen Hitze waren nicht viele seines Dorfes zum Impfen gekommen. So fragte er uns, ob wir nicht zu seinen Leuten kommen könnten, da er eine Verantwortung dafür empfand, dass sie geimpft werden. Gemeinsam mit der Hälfte des Teams fuhr ich zum Wasserloch seines Dorfes, wo zahlreiche Frauen und Kinder versammelt waren, um den Tagesbedarf an Wasser zu holen. Wir öffneten die Hecktür unseres Jeeps und fingen sofort an zu impfen. Ich denke an einen anderen Dorfältesten, der mich vor Dankbarkeit umarmte, nachdem ich ihm die Notwendigkeit der Meningitisimpfung erklärt hatte und versprach, am nächsten Tag in sein Dorf zu kommen, um die Menschen zu impfen. Durch den jahrelangen Krieg hatten die Dorfbewohner keinerlei ärztliche Versorgung. So war er froh darüber, dass da endlich einige waren, die zu ihm und seinen Leuten kommen wollten.

Ich denke an den Moment, wo eine Mutter mit ihrem kleinen Kind zu mir kam, das fiebrig und ganz geschwächt war, weil sie die letzten zwei Tage weder gegessen noch getrunken hatten. Sie fragte mich, ob ich sie zum nächsten Krankenhaus bringen könnte. Ich musste immer wieder darüber nachdenken, wie man hier Krankheiten ausgeliefert ist, die für uns einfache Infektionen sind, die man mit Antibiotika kurieren kann. Im Südsudan gab es oft keine Möglichkeit zur Hilfe. Der Tod und die Angst, jemanden zu verlieren, waren eine ständige und raue Wirklichkeit des Alltags.

Die Spur des Krieges

Einer der Fahrer, der mit mir zu den verschiedenen Impfstationen fuhr, kam aus der Umgebung von Pibor. Er war in meinem Alter, aber hatte mehr als die Hälfte seines Lebens im Krieg gelebt, genauso wie viele Mitglieder der Impfteams.
Äußerlich wirkte er ruhig und ich musste nicht an Krieg denken, als wir umherfuhren. Aber wenn man vorsichtig nachfragte, so hatte jeder einzelne dieser Menschen seine Geschichte, die vom Krieg mit Schmerzen und Verlust geprägt war und seine Wunden hinterlassen hatte. Mein Fahrer erzählte mir nicht nur davon, dass er als Zwölfjähriger am Krieg teilgenommen hatte, sondern auch davon, wie er gezwungen war, viele Tage ohne Essen und Trinken durch die Wüste zu wandern und wie es zum Frieden vor zwei Jahren kam. Nun hatte er die Hoffnung, dass alles anders und besser wird. Vor einem Jahr hatte er geheiratet und hoffte nun auf eine bessere Zukunft für seine entstehende Familie.

Und ich, ich hoffe natürlich auch für ihn. Gleichzeitig werde ich demütig und denke darüber nach, wie verschieden unsere Lebenssituationen doch sind und wie wenig ich wusste über das Leben eines Menschen, der im Sudan aufgewachsen ist.

Der Tag ist vorbei und wir haben in unserem Compound den nächsten Tag vorbereitet und die Fahrzeuge beladen. Wir genießen die letzten Stunden des Tages bei Mondlicht und freuen uns auf die Nachtruhe. Morgen wartet ein neuer Tag."