Macht dem Sterben ein Ende - nicht der Finanzierung

Unni Karunakara, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen

Im Kampf gegen Aids, Malaria und Tuberkulose ist der entscheidende Schritt zum Erfolg eigentlich in greifbarer Nähe. Doch der hart erarbeitete Fortschritt bei der Bekämpfung dieser Krankheiten droht verloren zu gehen, weil sich die Geber von ihren Zusagen zur Finanzierung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose verabschieden. Der Fonds muss nun dringend eine Notfall-Geber-Konferenz einberufen, damit die betroffenen Länder den Verlauf dieser tödlichen Krankheiten endlich umkehren können. Ein Beitrag von Unni Karunakara, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen.

Als der Globale Fonds verkündete, dass er die nächste Runde der Projekt-Finanzierung wegen Finanzierungslücken streichen muss, fühlte sich das für mich und tausende anderen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen wie ein Schlag ins Gesicht an. Die Nachricht hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Gerade jetzt, wo die Ergebnisse der jahrelangen harten Arbeit zusammen mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen die Hoffnung nährten, diese drei Krankheiten zurückzudrängen, verabschieden sich die Geber von ihren Zusagen für den Globalen Fonds. So werden die Gesundheitsminister der am schlimmsten betroffenen Länder tatenlos zusehen müssen, wie der hart erarbeitete Fortschritt im Kampf gegen diese Krankheiten verloren geht.

Ärzte ohne Grenzen finanziert seine Behandlungsprogramme zwar vor allem aus privaten Spenden, doch die Gesundheitsministerien sind zu großen Teilen auf den Global Fonds angewiesen. Seit seiner Gründung im Januar 2012 ist der Fonds zu einem Überlebensgaranten für Millionen Menschen in den Einsatzländern von Ärzte ohne Grenzen geworden. Schätzungen zufolge konnten mit Mitteln aus dem Fonds durchschnittlich eine Million Todesfälle pro Jahr verhindert werden. Wir haben miterlebt, wie Gesundheitsministerien erfolgreiche und ambitionierte Programme durchgeführt haben, die ohne Hilfe von außen unmöglich gewesen wären.

Geber lassen den Globalen Fonds in der Luft hängen

Aber die Geber lassen den Globalen Fonds in der Luft hängen. Einige von ihnen halten die zugesagten Mittel zurück, andere schieben die Auszahlung hinaus und wieder andere geben gar nichts. Bis 2014 wird der Fonds keine neuen Projektanträge finanzieren können. Auch den am schwersten betroffenen Ländern musste der Fonds erklären, dass sie die effektive HIV-Behandlung in den nächsten drei Jahren nicht ausweiten können, wenn ihre Anträge nicht schon bewilligt wurden. Und das zu einem Zeitpunkt an dem der wissenschaftliche Fortschritt alle drei Krankheiten erfolgreich zurückdrängen könnte:

Beispiel Aids: Vor zehn Jahren war es undenkbar, dass man die Behandlung in ärmeren Ländern ausweitet, bis Pilot-Projekte von Ärzte ohne Grenzen in Ländern wie Thailand und Südafrika diese Meinung in Frage stellten. In diesem Jahr, dreißig Jahre nach Ausbruch der Epidemie, wurde der wissenschaftliche Beweis erbracht, dass die HIV-Behandlung ein wichtiges Werkzeug ist, um die Epidemie einzudämmen. Jemand der frühzeitig eine Behandlung erhält, ist bis zu 96 Prozent weniger ansteckend. Trotzdem bleibt auch heute noch die Mehrheit der positiv getesteten Menschen unbehandelt.

 

Mit der Behandlung als Schlüsselinstrument zur Prävention haben wir die historische Gelegenheit, Aids in die Schranken zu weisen. Gerade jetzt müssten die Geber den Globalen Fonds unterstützen. Sie müssen den Ländern die Möglichkeit geben, mit ehrgeizigen Programmen die Epidemie in den Griff zu bekommen. Tatsächlich wird den Ländern jedoch signalisiert, auf die Bremse zu treten.

Erstmals nimmt die Anzahl der Tuberkulosefälle weltweit ab

Beispiel Tuberkulose: Erstmals nimmt die Anzahl der Tuberkulosefälle weltweit ab, obwohl die Zahl der Erkrankten für eine heilbare Krankheit, die immer mehr tödliche, medikamentenresistente Formen hervorbringt, weiterhin schockierend hoch ist. Auch hier ist Behandlung Prävention, denn Menschen in Behandlung sind weniger ansteckend. Mit einem neuen diagnostischen Test kann man nun leichter erkennen, wer unter medikamentenresistenter Tuberkulose leidet. Damit ist es nun endlich möglich, die Patienten sofort auf die richtige Behandlung zu setzen. Eine Ausweitung der Behandlung ist jetzt dringend geboten.

Beispiel Malaria: Die Verteilung von Bettnetzen hat zusammen mit einer effektiven Kombinationstherapie die Häufigkeit von Neuerkrankungen signifikant reduziert. Eine wichtige klinische Studie aus dem Jahr 2010 zeigte, dass eine verbesserte Behandlung bei schweren Formen der Malaria die Zahl der Todesfälle bei Kindern dramatisch reduziert. Dennoch werden Kinder weiterhin mit Chinin behandelt, welches günstiger, aber wesentlich weniger effektiv ist. Malaria tötet jedes Jahr noch immer hunderttausende Menschen, die meisten davon sind Kinder. Im Kampf gegen Malaria bleibt die Prävention die wichtigste Komponente, doch auch die Umstellung der Behandlung bei schwerer Malaria muss vorangetrieben werden. Durch die dafür nötigen zusätzlichen Mittel von 30 Millionen US-Dollar, könnten ungefähr 200.000 Leben pro Jahr gerettet werden.

Betroffene Länder sollten ihre Verantwortung wahrnehmen

Es gab nie einen besser Zeitpunkt, um die drei Epidemien in den Griff zu bekommen: Fortschritte wurden gemacht und wir haben die Möglichkeit, neue wissenschaftliche Erkenntnisse anwenden zu können. Die betroffenen Länder sollten ihre Verantwortung wahrnehmen. Viele von ihnen haben den ehrgeizigen Anspruch, einen größeren Teil der finanziellen Belastung zu tragen. Uganda will zum Beispiel die Frequenz verdoppeln, mit der Menschen eine HIV-Behandlung beginnen können. Und Usbekistan will die Zahl der Patienten, die eine Behandlung gegen medikamentenresistente Tuberkulose bekommen, deutlich erhöhen. Aber die betroffenen Länder können das nicht alleine stemmen. Wo also soll die Finanzierung herkommen, wenn der Globale Fonds keine neuen Projekte finanziert?

Es wird Zeit, dass der Vorstand des Globalen Fonds seine Passivität überwindet und damit beginnt, auf die Dringlichkeit der Situation aufmerksam zu machen. Der Vorstand darf sich nicht mit einer beschränkten medizinischen Versorgung und gesenkten Ansprüchen abfinden, die einzig auf den Rückzug der Geber zurückzuführen wären. Um die Mittel für eine neue Projektrunde in der Bekämpfung der drei Krankheiten für 2012 einzusammeln, muss der Vorstand binnen sechs Monaten eine Notfall-Geber-Konferenz abhalten. Die Geber, die Zusagen gemacht haben, müssen diese auch einhalten. Alte und neue Geber, auch wachsende Wirtschaftsmächte, wie China, Indien und Brasilien, die dieses Jahr keine Auszahlungen getätigt haben, müssen jetzt aktiv werden. Es ist skrupellos und inakzeptabel, dem Fonds zu seinem zehnten Geburtstag im Januar als trauriges Geschenk an die Welt eine dreijährige Pause im Kampf gegen die drei tödlichen Krankheiten zu überlassen. Die Geber müssen ihre Versprechen halten.

Globale Fonds: Teil des ambitioniertesten Gesundheitsprojekts der Geschichte

Bei meiner Arbeit für Ärzte ohne Grenzen habe ich Menschen an Aids, Tuberkulose und Malaria sterben gesehen. Aber in den vergangenen Jahren habe ich vor allem Menschen gesehen, die diese Krankheiten überlebt haben. Der Globale Fonds ist ein wichtiger Teil des ambitioniertesten Gesundheitsprojekts der Geschichte, und viele Menschen, die heute am Leben sind, sind der Beweis für seinen Erfolg. Wir können uns einfach nicht erlauben die Chance verstreichen zu lassen, diesen Krankheiten den Todesstoß zu versetzen.

 

Dr. Unni Karunakara ist der internationale Präsident von Ärzte ohne Grenzen. Im Jahr 2010 hat die Organisation mehr als 180.000 Menschen in fast 20 Ländern gegen HIV, 30.000 Patienten gegen Tuberkulose und 1,6 Millionen Menschen gegen Malaria behandelt.