Kolumbien

Leben inmitten einer stinkenden Kloake - Hilfe für Opfer der Überschwemmungen

Kolumbien 2007: Kinder in Chocó

Bereits im Frühjahr haben heftige Regenfälle die Flüsse im Norden Kolumbiens über die Ufer treten lassen. Seit einigen Wochen ist auch die Stadt Riosucio völlig überflutet. Der Psychologe Simon Midgley arbeitet dort in einem Projekt von Ärzte ohne Grenzen und berichtet von der Situation der Menschen.

Seit drei Wochen habe ich in Riosucio meine Füße nicht mehr auf den Boden gestellt. Wir schweben hier sozusagen alle. Die Stadt ist überflutet, und jeder muss über Holzplanken gehen, die oberhalb des Wasserspiegels angebracht sind. Diese Stege verbinden alle Holz- und Blechhütten in der kleinen Stadt. Große Vorsicht ist angesagt, denn niemand möchte in das dreckige Wasser fallen, das die Bevölkerung auch als Toilette nutzt.

 

Riosucio liegt in Chocó, der ärmsten Provinz Kolumbiens. Chocó ist landesweit Spitzenreiter für alles Negative: große Armut, hohe Sterblichkeitsrate bei Kindern, Konflikt und vor allem Niederschlag. Die afro-kolumbianische Bevölkerung muss viel Regen aushalten, bis zu zehn Metern Niederschlag pro Jahr. Chocó ist eine der feuchtesten Provinzen der Welt.

Der dreckige Fluss tritt mehrmals im Jahr über die Ufer. Es kommt sogar vor, dass der Wasserpegel monatelang nicht zurück geht. In diesem Jahr ist es besonders schlimm. Ärzte ohne Grenzen macht sich ein Bild von der Lage vor Ort und bietet den besonders betroffenen Familien Hilfe an. Viele von ihnen sind Vertriebene: vor allem Frauen und Kinder, die vor gewaltsamen Auseinandersetzungen in den umliegenden Gemeinden hierher geflohen sind. Ihre Ehemänner, Brüder und Väter sind oft von der Guerilla oder von den Paramilitärs ermordet worden. Diese Frauen und Kinder leben unter schrecklichen Bedingungen und haben kaum Geld, um sich auf die Fluten vorzubereiten.

Schreckliche Lebensbedingungen

Ich habe bislang etwa hundert überflutete Häuser besucht. Die Menschen harren in ihnen aus, obwohl in den Hütten bis zu zwei Meter hoch das von Fäkalien verseuchte Wasser steht. In einem dieser Häuser leben fünf Familien: 23 Personen teilen sich vier Matratzen. Sie leben in nur einem Raum des Hauses, der noch oberhalb des Wasserpegels liegt. Überall gibt es Fliegen, das ist ganz normal hier. Aber wenn das Wasser irgendwann sinkt, wird es mit den Moskitos noch schlimmer werden. Trotzdem wollen die Familien ihr Haus nicht verlassen. Sie wissen weder, wohin sie gehen sollen noch haben sie Geld, um sich woanders niederzulassen.

In einem anderen Haus frage ich den Besitzer, wie es ihm geht. "Ich sterbe", antwortet er nonchalant. Er ist nur noch Haut und Knochen und lebt allein auf ein paar Holzbalken. Im Nachbarhaus leben 14 Menschen. Ihre Hütte ist die schlimmste, die ich am heutigen Tag gesehen habe. Sie haben keinen Fußboden. Sie haben nur die Bretter, auf denen sie gehen können. Darauf sitzen sie, oberhalb des dreckigen Wassers, das nach Abfall und Exkrementen stinkt. Ich frage, was wir für sie tun können. "Wir mögen die Schlangen im Wasser nicht", antworten sie. Es ist unglaublich heiß in dieser Blechhütte. Ich hocke mich auf ein dünnes Stück Holz und versuche, nicht an die Schlangen, den Gestank und den Dreck im Wasser zu denken. Nie zuvor habe ich in meinem Leben schrecklichere Lebensbedingungen gesehen.

Die Flut als Normalität

Als ich das nächste Haus betrete, stoße ich mir den Kopf. Das geht schon den ganzen Tag so. Ich schaffe es zwar meist, meinen Kopf einzuziehen, wenn ich durch die Eingangstüre gehe, aber drinnen kann ich der Versuchung nicht widerstehen, mich richtig hinzustellen. Und dabei stoße ich an die Decke. Ich frage die Familie, was sie zu tun gedenken, wenn das Wasser weiter steigt. Sie antworten mir, dass sie dann zum Nachbarn gehen werden. Sobald ein Haus völlig unter Wasser steht, helfen Nachbarn oder Freunde weiter. Und wieder werden diese Menschen vertrieben, dieses Mal von der Flut.

Wir verteilen Nahrung, Holzplanken, Matratzen und Moskitonetze an die Familien, die am meisten betroffen sind. Und wir stellen sicher, dass es genügend Medikamente und Gegengift gibt. Unsere Ärzte arbeiten rund um die Uhr. Sie unterstützen das Gesundheitszentrum. Die Menschen hier sind froh über unsere Hilfe. Sie sind es nicht gewohnt, dass ihnen jemand hilft.

Die Bewohner von Riosucio betrachten die Flut nicht als Katastrophe. Selbst die Familien, die am schlimmsten davon betroffen sind, zucken nur mit den Schultern angesichts der Überschwemmung. Ich weiß nicht mehr, wie viele Menschen mir gesagt haben, dass dieser Zustand ganz normal ist für Riosucio. Ich weiß auch nicht, ob sie stoisch sind oder resigniert. Der Fluss jedenfalls steigt weiter.