Liberia

Immer mehr Vergewaltigungsopfer suchen medizinische Hilfe

Schnelle Behandlung ist wichtig: eine Theatergruppe macht aufmerksam auf Hilfsangebote für Opfer sexueller Gewalt.

Ärzte ohne Grenzen startet in der liberianischen Hauptstadt Monrovia eine Kampagne, um Opfer sexueller Gewalt darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig es ist, in den ersten drei Tagen nach einer Vergewaltigung medizinische und psychologische Hilfe aufzusuchen.

“Auch wenn Ärzte ohne Grenzen in Monrovia jeden Monat mehr als 70 Vergewaltigungsopfer und Opfer sexuellen Missbrauchs behandelt, wissen wir, dass es noch viele weitere Opfer gibt, hauptsächlich Erwachsene, die keine Hilfe suchen”, sagt Theresa Saday, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Monrovia. “Viele sind viel zu geschockt, gedemütigt oder verängstigt, um Hilfsangebote aufzusuchen. Andere wissen nicht, wie wichtig die medizinische Behandlung innerhalb der ersten drei Tage nach einer Vergewaltigung ist. Die ersten 72 Stunden sind entscheidend, um beispielsweise HIV/Aids, Schwangerschaften oder Tetanus-Infektionen zu vermeiden.”

Ärzte ohne Grenzen hat bis Oktober mehr als 650 Opfern sexueller Gewalt geholfen, mehr als drei Viertel waren jünger als 18 Jahre. Die meisten missbrauchten Kinder sind zwischen 13 und 18 Jahre alt, die zweitgrößte Gruppe sind die Fünf- bis Zwölfjährigen. Die jüngsten Mädchen, die von Ärzte ohne Grenzen behandelt wurden, waren 18 Monate alt. ”Ich treffe die Menschen hinter den Statistiken”, sagt Saday. “Ob alt oder jung, ich sehe wie die Vergewaltigung ihr Leben und ihre Gesundheit zerstört und schwere psychologische und emotionale Schäden hinterlassen hat. Die traurige Wahrheit ist, dass es stillschweigend hingenommen wird. Viele Familien und Vertreter der Kommunen verleugnen die Tat. Ich möchte, dass die Missbrauchsopfer wissen, dass sie nicht alleine sind, dass sexuelle Gewalt verabscheuungswürdig ist und dass wir da sind, um zu helfen – mit sicherer, kostenloser, und vertraulicher medizinischer sowie psychologischer Hilfe.”

Ärzte ohne Grenzen hat in Monrovia eine Aufklärungskampagne gestartet. Mit Hilfe von Radiospots, Postern, einer Theatergruppe und über Mobiltelefone sollen Tausende Menschen mit der Botschaft erreicht werden: “Geht nach einer Vergewaltigung  ins Krankenhaus”. Wichtig ist, dass die Opfer in den Krankenhäusern die medizinische Hilfe einfordern, die dringend benötigt wird. Das Team hat parallel zu der Kampagne eine 24-Stunden-Hotline für Opfer sexueller Gewalt eingerichtet. Damit soll die Zahl derjenigen, die in den ersten drei Tagen nach einer Vergewaltigung Hilfe suchen, um 30 Prozent gesteigert werden.

Zusätzlich zu dem medizinischen Personal leistet ein Sozialarbeiter von Ärzte ohne Grenzen psychologischen Beistand. Er empfängt die Patienten und begleitet sie zu den Behandlungen. Die Behandlung kann bis zu einem Jahr dauern. Während der Nachsorge wird auch geprüft, ob der Patient Schutz benötigt, da diejenigen, die Hilfe suchen oder die Vergewaltigung öffentlich machen, oft bedroht werden. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen stellen rechtsgültige Atteste aus, mit denen die Betroffenen dann zu den Gesundheitseinrichtungen gehen können.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit dem Jahr 1990 in Liberia. Derzeit leisten die Teams in einem Krankenhaus und in einer Klinik in dem Gebiet Bushrod Island umfassende Nothilfe und medizinisch-psychologische Nachsorge für Opfer sexueller Gewalt. Eine Theatergruppe macht Aufklärungsarbeit in den Kliniken und Kommunen, um die Menschen zu ermutigen, Hilfe aufzusuchen. Ärzte ohne Grenzen bietet außerdem im Benson Krankenhaus im Vorort der Stadt Paynesville im Landkreis Montserrado kostenlose Gesundheitsversorgung an.