Im Einsatz, wo Hilfe am nötigsten ist (Schwarzwälder Bote)

Brigitte Rospert

Von Verena Schickle Rottweil
Brigitte Rospert hatte Ende 2012 eine weitreichende Entscheidung getroffen: Sie tauschte den OP-Saal in der Helios-Klinik gegen Krankenhäuser in Krisengebieten. Eine Entscheidung, die herausfordert. Rospert macht sie vor allem zufrieden.Das Kofferpacken geht der Ärztin zunehmend leichter von der Hand. Nach mehreren Einsätzen in Haiti, Nigeria und Syrien weiß die 46-Jährige genau, was sie in Krisengebieten braucht. Allem voran: Optimismus. Angst dagegen reist nicht mit. "So ein bisschen ein mulmiges Gefühl" allerdings schon. Und: Neugier.
Rospert war zuletzt, bis Ende Juni, in Syrien für die "Ärzte ohne Grenzen" im Einsatz. "Wie man nach Syrien reinkommt, dazu darf ich nicht viel sagen", erklärt sie. Auch die genauen Standorte der Krankenhäuser sind geheim. Das, in dem sie zuletzt tätig war, befindet sich in einem Dorf in der Provinz Aleppo.
Dass eine Klinik betrieben werde, ließe sich zwar nicht geheimhalten, sagt Rospert. Willkommen allerdings seien die medizinischen Einrichtungen nicht unbedingt: Krankenhäuser seien immer Ziel von Bombardements. In Syrien gebe es den Spruch, es sei gefährlicher, mit einem Patienten unterwegs zu sein als mit einer Waffe. Allerdings sei das Risiko einigermaßen kalkulierbar, und sie sei noch nie in einer lebensbedrohlichen Situation gewesen.
Inzwischen hat sich die Anästhesistin und Notärztin dafür entschieden, hauptberuflich als Medizinerin in Krisengebieten zu arbeiten. Dazu wurde sie gewissermaßen gedrängt: Mit der Stelle in der Helios-Klinik, wo sie fünf Jahre lang tätig war, ließ sich ihr Engagement nicht mehr vereinbaren. Gleichzeitig ist sie über den Einschnitt glücklich. "Irgendwie sehe ich diese Arbeit als wichtiger an." Schließlich könne man die Menschen im Krieg nicht alleine lassen, mit Spenden allein sei ihnen eben nicht geholfen.
Bereits 2004 hat Brigitte Rospert an einem Vorbereitungskurs des Roten Kreuzes für solche Auslandseinsätze teilgenommen. Dabei lernte sie nicht nur, wie ein mobiles Krankenhaus aufgebaut wird und funktioniert, sondern trainierte mit der Bundeswehr auch, wie man sich verhält, wenn ein Konvoi an einen Checkpoint kommt oder man unter Beschuss gerät.
Bei ihrem ersten Einsatz mit dem DRK brauchte sie das nicht zu fürchten: 2010 war Brigitte Rospert im von Erdbeben zerstörten Haiti tätig. Vier bis sechs Wochen dauern Einsätze in der Regel. Manchmal muss es dabei schnell gehen: Wenn das Rote Kreuz Ärzte anfragt, ob sie in ein Krisengebiet reisen können, bleiben häufig nur Tage, um Ja zu sagen. Schließlich müssen Flüge gebucht und Visa beantragt werden. Das ist nur schwerlich mit einem normalen Job zu vereinbaren.
Die "Ärzte ohne Grenzen" ("Médecins Sans Frontières", kurz MSF) betreiben derzeit sechs Krankenhäuser allein in Nordsyrien. "Was man da in zwei Tagen erlebt, sieht man hier in zwei Jahren nicht - wenn überhaupt", berichtet Brigitte Rospert. In internationalen Teams und gemeinsam mit syrischen Mitarbeitern behandelte sie vor allem verletzte Zivilisten. Bei ihrem ersten Einsatz im vergangenen November vor allem wegen Verletzungen durch Bomben oder Schusswaffen, zuletzt überwiegend wegen Verbrennungen. Weil die Stromversorgung zusammengebrochen ist, ist die syrische Bevölkerung auf Generatoren angewiesen. Diesel allerdings ist knapp und wird deshalb gepanscht. Immer wieder kommt es darum zu Unglücken.
Manchmal müsse man zwar improvisieren, aber man könne trotzdem etwas anbieten. Die Teams arbeiten professionell, sind mit Geräten und Medikamenten gut ausgestattet. Dafür schätzt Rospert die MSF. Der Krieg hat das normale Leben in Syrien lahmgelegt. Nach rund zwei Jahren Ausnahmezustand seien die Menschen dort müde, erzählt die Ärztin. Immer wieder werden die MSF-Mitarbeiter von Dorfbewohnern zum Essen eingeladen. "Meistens gibt es dreimal so viel, wie man essen kann", erinnert sie sich. "Es sind wirklich ganz, ganz gastfreundliche Leute." Auch als Patienten seien die Syrer unkompliziert und wüssten die Hilfe zu schätzen.
Noch ein Grund, warum die Arbeit Brigitte Rospert so viel gibt. Nur nicht finanziell: Rospert erhält von MSF etwas über 900 Euro brutto im Monat. Zwischen den Einsätzen, zurück in Rottweil, versucht sie deshalb, Geld zu verdienen. Derzeit ist sie hier als Notärztin tätig, zudem arbeitet sie gerade in einer Privatklinik in Zürich. "Das ist mein Kontrastprogramm", meint sie lachend. Zumindest bis zum nächsten Einsatz. Womöglich geht es noch im August mit dem DRK nach Jordanien, an die syrische Grenze.
Erschienen im Schwarzwälder-Bote vom 12.08.2013