Usbekistan

"Ich bewundere jeden, der das durchsteht und die Behandlung nach zwei Jahren abschließt" - Brief aus dem Projekt

Nun bin ich schon seit einigen Wochen im Land der Baumwolle, der Märchen aus Tausendundeiner Nacht, der Seidenstraße mit ihren faszinierenden orientalischen Städten wie Samarkand und Buchara. Und in einem Land mit einer der höchsten Raten an multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB) weltweit. Unser Projektstandort ist in der Stadt Nukus in Karakalpakistan, einer autonomen Republik in Usbekistan. Hier betreibt Ärzte ohne Grenzen in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium ein Programm zur Behandlung von MDR-TB, in dem zurzeit 350 Patienten in Behandlung sind.

Ich arbeite hier im Bereich administrative Logistik, d.h. zu meinen Aufgabengebieten gehören Finanzen, Verwaltung und Personalbetreuung. Manchmal schaue ich neidisch auf meine medizinischen Kollegen, die direkt mit den Patienten zu tun haben und jeden Tag die existentielle Bedeutung unserer Arbeit ganz nah erleben.

Da ich keine Medizinerin bin, musste ich mich erst einmal genau damit vertraut machen, was MDR-TB ist. In unserem Aufklärungsmaterial für die usbekische Öffentlichkeit wird beispielsweise sehr bildhaft auf den Punkt gebracht, wie die TB-Bakterien Resistenzen entwickeln und sich dann mit den herkömmlichen Medikamenten zur Behandlung von TB nicht mehr klein kriegen lassen. Deswegen müssen unsere Patienten täglich ganz regelmäßig einen Cocktail von mehr als 10 Tabletten einnehmen und das in der Regel für 24 Monate. So lange dauert es, bis die Behandlung abgeschlossen ist. Von dieser Zeit verbringen sie im Schnitt sechs bis acht Monate im Krankenhaus. Allein die Tatsache, ein halbes Jahr im Krankenhaus zu verbringen, ist für mich persönlich schon eine schwierige Vorstellung. Dann die tägliche Tablettenration: Ich habe schon Probleme damit, ab und zu eine einzelne Kopfschmerztablette runterzuschlucken. Wie muss das für unsere Patienten sein, die täglich eine ganze Hand voll Medikamente schlucken müssen? Unser Krankenpfleger Bronson Kessio erzählte mir, wie sehr die Patienten mit den Nebenwirkungen zu kämpfen haben. Viele bekommen Probleme mit den Nieren und der Leber, ihnen ist schlecht, und sie müssen sich übergeben. Einige der Wirkstoffe beeinflussen auch die Psyche der Patienten. Das verlangt dem Einzelnen viel ab, und ich bewundere jeden, der das durchsteht und die Behandlung nach zwei Jahren abschließt. Zumal es trotz der langen Behandlung keine Garantie auf Heilung gibt.

Die Leute wissen hier nicht so viel über TB, und viele glauben Dinge über diese Krankheit, die nicht stimmen, so zum Beispiel dass sie übertragen wird, wenn man jemandem die Hand schüttelt. Außerdem wird die Krankheit hier eher tot geschwiegen. Deswegen hat Ärzte ohne Grenzen in enger Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium neben der Behandlung eine Kampagne zur Gesundheitsaufklärung begonnen.

Als Auftakt zur Kampagne gab es ein großes Konzert im Freilufttheater von Nukus. Viele Künstler beteiligten sich, und in unserem Büro wirbelten alle, um rechtzeitig mit den Vorbereitungen fertig zu werden. Es kamen so viele Leute, dass die Eingänge geschlossen werden mussten: Das einige Tausend Menschen fassende Theater war voller Menschen. Die Sänger redeten über TB, bevor sie mit ihren Stücken begannen: "TB ist heilbar" - "Geht zum Arzt und lasst euch testen" - "Behandelt euch nicht selbst" usw. Auf dem Papier liest sich das vielleicht trocken, aber in der Stimmung in dem großen Theater war es ganz fantastisch. Jedes Körnchen Wissen über TB, das an dem Tag gepflanzt wurde, ist ein kleiner Beitrag, dieser Krankheit Herr zu werden. Unsere Projektkoordinatorin Yulduz Seitniyazova forderte in ihrer Rede zu Beginn des Konzerts die Leute dazu auf, das, was sie an diesem Nachmittag über TB hören, nach Hause zu tragen und es mit ihren Familien und Freunden zu teilen. Wir hörten später von einer anderen Kollegin, dass sie Kinder auf der Straße über das Konzert und TB reden hörte - das ist in gutes Zeichen.

Nach dem aufregenden Tag des Konzerts, kehrte bei mir schnell wieder der Büroalltag ein. Aber Hannah, unsere Krankenschwester zur Betreuung der ambulanten Zentren, lud mich bald darauf ein, mit ihr und einigen anderen zu einer kleinen Feier dorthin zu gehen. In die Zentren gehen die Patienten, wenn sie nicht mehr im Krankenhaus sein müssen. Der Grund der Feier: Einer der Patienten hat seine Behandlung abgeschlossen. Viele der Patienten waren da, und es wurden kleine Ansprachen gehalten. Der geheilte Patient hielt eine sehr bewegende Rede. Er wünschte allen Anwesenden den Mut und das Durchhaltevermögen, die auch er aufgebracht hat. Er wünschte den anderen, dass sie es auch bis zum Tag ihrer Heilung schaffen und ein neues Leben beginnen können. Zum Schluss kramte er aus einer Tüte einige Nelken hervor, ging zu den Krankenschwestern, zum Übersetzer, zur Putzfrau, bedankte sich und schenkt jedem eine Blume. Auch mir überreichte er eine und ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich schaue in die Gesichter der Patienten, die es noch nicht geschafft haben und frage mich, wie viele von ihnen immer noch jeden einzelnen Tag ins Zentrum kommen müssen, wenn ich in einem Jahr meinen Projekteinsatz abgeschlossen haben werde. Nach der Feier fahren wir zurück ins Büro, und ich sitze wieder an meinem Schreibtisch. Die Blume stelle ich neben meinen Bildschirm. Wenn ich sie ansehe und an den Moment mit dem Patienten zurückdenke, weiß ich auch bei meiner Verwaltungsarbeit sehr genau, weshalb ich hier bin.

Stefanie Seib