Demokratische Republik Kongo

Gewalt erreicht in den Regionen Nord- und Südkivu neuen Höhepunkt

Hunderttausende Menschen sind in den Provinzen Nord- und Südkivu im Osten der D.R. Kongo von der anhaltenden Gewalt betroffen. Die Zahl der Opfer sexueller Gewalt steigt weiter an. Die Menschen werden bei Übergriffen und brutalen Angriffen auf ihre Dörfer verwundet, vergewaltigt oder getötet und müssen in den Busch oder in Vertriebenenlager fliehen.

Die zivile Bevölkerung leidet unter der anhaltenden Gewalt im Osten der D.R. Kongo am meisten. Im vergangenen Jahr war hauptsächlich die Provinz Nordkivu von den Kämpfen zwischen der kongolesischen Armee (FARDC), der Rebellengruppe Nationaler Kongress zur Verteidigung des Volkes (CNDP) und anderen bewaffneten Gruppierungen betroffen. Mittlerweile haben sich die Kämpfe bis in die Region Südkivu ausgeweitet. Die im Januar begonnene militärische Operation der FARDC zur Vertreibung der Hutu-Rebellengruppe Demokratische Kraft zur Befreiung von Ruanda (FDLR) in Nordkivu wurde im Juli 2009 auf Südkivu ausgeweitet.

"Wir erleben gerade einen neuen Höhepunkt der Gewalt", sagt Romain Gitenet, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in der kongolesischen Stadt Goma. "Wenn sich die Angriffe den Dörfern oder Vertriebenenlagern nähern, fliehen die Menschen in den Busch."

Ärzte ohne Grenzen hat mobile Kliniken und unterstützt Gesundheitszentren in Nord- und Südkivu. Die Mitarbeiter haben in der ersten Hälfte des Jahres 2009 nahezu 30.000 medizinische Untersuchungen durchgeführt und Cholerapatienten versorgt.

Dörfer werden als Vergeltungsmaßnahme zerstört

Die Zivilbevölkerung ist direktes Angriffsziel der kämpfenden Gruppen. Wenn vermutet wird, dass Dörfer eine kämpfende Gruppierung unterstützen, werden sie oft als Vergeltungsmaßnahme systematisch zerstört. Menschen werden erpresst,  außerdem sind Diebstahl von Nahrung und persönlichen Dingen aus den Behelfsunterkünften in den Vertriebenenlagern an der Tagesordnung. Eine andere Form der Gewalt ist die Vergewaltigung, die sich nicht nur gegen Frauen sondern auch gegen Männer richtet. Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen haben allein in der ersten Hälfte des Jahres 2.800 Opfer sexueller Gewalt behandelt.

Ärzte ohne Grenzen passt die Aktivitäten den Vertriebenenbewegungen an, so dass jetzt auch die betroffene Bevölkerung in Südkivu erreicht wird. Die Teams unterstützen Gesundheitsposten und behandeln die Betroffenen. Es ist allerdings schwierig, die Vertriebenen zu erreichen, da die Sicherheitslage riskant und die Straßen schlecht sind. Die Kämpfe haben beispielsweise um die Stadt Hombo zugenommen und die Zahl der Vertriebenen steigt dort ebenfalls. Ärzte ohne Grenzen hat im Juli außerdem ein Projekt in der Stadt Lulingu gestartet, um dort die Vertriebenen wie auch die einheimische Bevölkerung zu versorgen.

"Als unser Dorf Katusi angegriffen wurde, bin ich mit meinem Ehemann und meinen vier kleinen Kindern in den Wald geflüchtet", sagte B, eine 30 Jahre alte Frau. "Ich hatte Angst, dass sie uns töten. Wir hatten uns im Wald versteckt. Ich sah einen Rebellen, der einige Häuser in einem nahegelegenen Dorf ausgeraubt hat. Sie haben zwei Frauen mit in den Wald genommen. Wir sind dann aufgebrochen und in den Ort Byangama geflüchtet, in dem wir bei einer Gastfamilie untergekommen sind. Ich gehe erst wieder in unser Dorf zurück, wenn ich ganz sicher weiß, dass dort keine Rebellen mehr sind."

Zwölf Notoperationen pro Tag

Der Distrikt Lubero in Nordkivu war besonders von den Kämpfen zwischen der FARDC und FDLR betroffen. In einigen Dörfern wie Luofo, Miriki und Butalongola, in denen Ärzte ohne Grenzen mobile Kliniken durchführt, mussten die Menschen fliehen und ihre Häuser wurden niedergebrannt. Die Vertriebenen im Distrikt Lubero lassen sich nicht in Lagern nieder, sondern wohnen bei lokalen Gastfamilien, die mit ihnen die ohnehin schon knappen Ressourcen teilen.

Die Kämpfe haben während der vergangenen Wochen auch nordwestlich der Stadt Masisi im Westen von Nordkivu getobt. Es wird berichtet, dass in den Dörfern Kibati und Lwibo zwölf Menschen getötet und ihre Häuser verbrannt wurden. Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen haben einige Verwundete in das Krankenhaus in Masisi überwiesen.

Ärzte ohne Grenzen ist die einzige internationale humanitäre Organisation, die in Nordkivu chirurgisch arbeitet. Im Krankenhaus in der Stadt Rutshuru führt das Team durchschnittlich zwölf Notoperationen pro Tag durch. Im vergangenen Monat wurden 50 Patienten mit Schusswunden behandelt. Die Grad an Gewalt ist weiterhin hoch, da bewaffnete Männer immer wieder Diebstähle, Überfälle und sogar Morde begehen. Ihre Zielgruppe sind diejenigen, die Wertsachen wie Geld und Mobiltelefone besitzen. Es herrscht ein Klima der Angst.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1992 in der Region Kivu im Osten der D.R. Kongo. Die Organisation hat in der Region Nordkivu in den Orten Rutshuru, Nyanzale, Kitchanga, Mweso, Masisi, Kabizo und Kanya Kliniken und Gesundheitszentren und in Südkivu in den Orten Chifunzi, Kirotshe, Chambucha, Baraka und Lulingu. Die Teams führen in den Vertriebenenlagern und für die einheimische Bevölkerung auch mobile Kliniken durch, in denen sie spezielle Hilfe für Opfer sexueller Gewalt anbieten und schwere Fälle mit einem Krankenwagen in die Krankenhäuser der Organisation bringen.

Ärzte ohne Grenzen hat in den Regionen Nord- und Südkivu fast 1.400 nationale und 115 internationale Mitarbeiter.