Malawi

"In ganz Thyolo gibt es für 600.000 Menschen nicht einen einheimischen Arzt" - Herausforderung HIV/Aids-Behandlung

Malawi ist ein kleines Land im südlichen Afrika, in dem fast jede Familie Bekannte, Freunde oder Angehörige durch Aids verloren hat. Die Lebenserwartung ist aufgrund der Pandemie auf unter 40 Jahre gesunken. Ärzte ohne Grenzen betreut in Malawi zwei Projekte, eines davon im Distrikt Thyolo. Dort stellen sich die Mitarbeiter angesichts der dramatischen Situation einer großen Herausforderung: Im Prinzip soll jeder, der lebensverlängernde antiretrovirale Medikamente erhalten muss, diese auch bekommen können. Ulrike von Pilar war bis vor kurzem Landeskoordinatorin in Malawi und berichtet im Interview von den Herausforderungen, die unter anderem der eklatante Mangel an medizinischen Fachkräften im Land mit sich bringt.

Wie ist die Situation in Malawi und wo erhalten Betroffene Hilfe?

Malawi hat rund 13 Millionen Einwohner. Man schätzt, dass eine Million von ihnen HIV-positiv sind und etwa 290.000 Menschen lebensverlängernde antiretrovirale Medikamente (ARV) brauchen. Ende 2007 waren es gerade mal 100.000, die diese existentielle Behandlung erhielten. In Thyolo sieht es etwas besser aus - es gibt schätzungsweise 600.000 Einwohner, von denen rund 60.000 HIV-positiv sind. Fast alle, von denen wir wissen, dass sie ARVs benötigen, erreichen wir mit unserem Programm: Mehr als 10.000 Betroffene erhalten die entsprechenden Medikamente und können so weiterleben und aktiv sein.

Wie viele Einrichtungen und Mitarbeiter gibt es inzwischen im Distrikt Thyolo?

In Thyolo gibt es zwei Krankenhäuser und 28 Gesundheitszentren. In den medizinischen Einrichtungen arbeiten allein 60 medizinische Fachkräfte von Ärzte ohne Grenzen, dazu kommen noch einmal viele Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums.

Das HIV/Aids-Projekt in Thyolo ist sehr groß - wo liegen die Herausforderungen?

Es gibt ein dickes Paket an Herausforderungen. Zunächst einmal ist Malawi extrem arm. Die Region ist bergig, hat kaum Straßen, wodurch die Mobilität eingeschränkt ist. Dann ist es ein riesiges Problem, dass es viel zu wenig medizinisches Personal gibt. In ganz Thyolo gibt es für 600.000 Menschen nicht einen praktizierenden einheimischen Arzt. Ein Großteil der Arbeit wird von Krankenschwestern und sogenannten "Medical Assistants" (mit einer dreijährigen Ausbildung arbeiten sie auf einem Krankenschwestern - und pflegern vergleichbaren Niveau) gemacht. Sie sehen bis zu 200 Patienten täglich - darunter auch Aidspatienten. Das bekommt der Qualität der Behandlung natürlich nicht gut. Zudem ist ja gerade auch die HIV-Therapie technisch-medizinisch anspruchsvoll. Ein großes Problem sind zudem die HIV-positiven schwangeren Frauen, bei denen man ja das Risiko der Übertragung des Virus auf das Baby mit einer medikamentösen Behandlung deutlich verringern kann. Aber die Frauen kommen oft nicht wieder, wenn sie erfahren haben, dass sie HIV-positiv sind - meist aus Angst und Scham: Die Stigmatisierung der HIV-Positiven ist eines der größten und schwierigsten Probleme überhaupt.

Wie kann man angesichts des eklatanten Mangels an medizinischen Fachkräften ein solch großes Programm betreiben?

Eines der Zauberwörter heißt "Task Shifting". Tätigkeiten, die in wohlhabenderen Ländern Ärzte ausüben, werden hier "Clinical Officers" (mit einer kurzen medizinischen Ausbildung) oder Krankenschwestern übertragen. Bereiche, die nicht-medizinische Mitarbeiter übernehmen können, wie die Durchführung von HIV-Tests oder Beratungsarbeit, wird von Hilfspersonal gemacht. Wir setzen dabei auch auf sogenannte "Expert Patients", die selbst Betroffene sind und teilweise von uns mittels Training weitergebildet wurden - wir hoffen, dass sie zunehmend Aufgaben übernehmen werden. Eine wachsende Rolle spielen auch die Dorfgemeinschaften selbst, von deren stärkerer Mobilisierung wir uns eine aufmerksamere Begleitung der Patienten erhoffen. Das alles ist schwierig, weil man an vielen Stellen eigentlich lieber ausgebildetes Personal zur Überwachung der Arbeit einsetzen würde. Doch die Resultate in vielen Programmen sind keineswegs schlecht. Wenn man unter den gegebenen Umständen sehr vielen Menschen helfen will, muss man in diese Art der Gesundheitsversorgung investieren, da es kurzfristig keine Alternative gibt.

Wie sieht die Zukunft des Projekts aus und ist das Modell auf andere Regionen bzw. Länder übertragbar?

Ärzte ohne Grenzen wird sich in Malawi vermutlich noch stärker als bisher darauf konzentrieren, einheimische Mitarbeiter zu beraten, auszubilden und zu betreuen. Vielleicht besinnen sich ja auch die internationalen Geldgeber und finanzieren mehr Gehälter im Gesundheitsbereich, denn von den staatlichen Löhnen kann kaum einer leben.

Ich hoffe, dass Ärzte ohne Grenzen eines Tages das ganze Projekt beruhigt an die Regierung und andere Partner übergeben kann. Ich denke auch, dass unser Modell auf andere Länder übertragen werden könnte. Allerdings ist natürlich jedes Land und jeder Kontext anders, und man müsste sehr genau schauen, welche Komponenten sinnvoll wären.