Kenia

Flüchtlinge in Dadaab: Ein Plädoyer für die Menschlichkeit

Der dreijährigen Riwana kam mit seiner Mutter ins Krankenhaus im Lager Dagahaley in Dadaab, um eine Ohrinfektion behandeln zu lassen. Hier ist Ärzte ohne Grenzen derzeit die einzige Organisation, die medizinische Versorgung zur Verfügung stellt.

Vor fast 25 Jahren kamen die ersten vor dem somalischen Bürgerkrieg geflohenen Menschen im Flüchtlingslager Ifo im Nordosten Kenias an. Aus diesem provisorischen Lager entwickelte sich der Lagerkomplex Dadaab, heute das größte Flüchtlingslager der Welt. Für die Tausenden von Menschen, die Dadaab als ihr Zuhause betrachten, gibt es heute kaum Perspektiven. Unser Landeskoordinator in Kenia Charles Gaudry berichtet von der Situation im Lager.

Vor wenigen Monaten nahm sich einer der Patienten unseres psychologischen Betreuungs-Programms das Leben, nachdem sein Antrag auf Niederlassung in einem Drittland zurückgewiesen worden war. Diese tragische Geschichte steht für die Situation von hunderttausenden Menschen, die zusammengepfercht in den Lagern leben und nur wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben.

Bewohner komplett auf humanitäre Hilfe angewiesen

In den Lagern im steppenähnlichen Landstrich an der Grenze zu Somalia halten sich derzeit ungefähr 350.000 Flüchtlinge auf. Möchten sie sich innerhalb des Landes bewegen, brauchen sie eine Reiseerlaubnis. Die gilt auch, wenn es sich um medizinische Notfallbehandlungen handelt. Die Menschen in Dadaab sind praktisch komplett auf humanitäre Hilfe angewiesen. Nur einige wenige von ihnen erhalten finanzielle Unterstützung von Verwandten im Ausland.  Für die meisten bleibt der Traum von einem eigenständigen Leben ein bloßer Wunsch.

Von humanitärer Nothilfe zu leben, bedeutet in der Regel mit 20 Litern Wasser pro Tag auszukommen. Es bedeutet, in einer Unterkunft aus Plastikplanen zu leben. Die monatliche Lebensmittelration kann teilweise ohne Ankündigung ausfallen, wenn gerade Gelder fehlen oder etwas mit dem Transport nicht klappt. Die ganze Hilfe ist abhängig von der „Grosszügigkeit“ der internationalen Gemeinschaft. Es kommt darauf an, welche anderen humanitären Krisen gerade die Welt erschüttern und einen Teil der global verfügbaren Budgets und Hilfsgüter absorbieren. Am 11. Juni 2015 verkündete das Welternährungsprogramm zum zweiten Mal innerhalb von sieben Monaten, dass die Nahrungsmittelrationen bis September um mindestens 30 Prozent gekürzt werden müssten, sofern keine zusätzlichen Mittel bereitgestellt werden.

Keine Aussicht auf Besserung für die Flüchtlinge

Welche Möglichkeiten zum Verlassen des Lagers bieten sich einem Flüchtling? Theoretisch gibt es drei Wege: freiwillig ins Herkunftsland zurückkehren, in ein Drittland übersiedeln oder sich in demjenigen Land niederlassen, wo der Flüchtling zuerst Zuflucht gefunden hat. Die wenigsten Flüchtlinge in Dadaab beantragen jedoch eine freiwillige Rückkehr in die Heimat, da die Lage in Somalia weiterhin höchst unsicher ist. Viele der Lagerbewohner sind in Dadaab geboren oder haben Kinder, die praktisch keine Verbindung zu Somalia mehr haben. Von denjenigen, die sich für eine Übersiedlung in ein Drittland bewerben, erhalten nur einige Dutzend pro Monat die Genehmigung. Und wer sich als Flüchtling dauerhaft in Kenia niederlassen möchte, kann dies nur innerhalb der Lagergrenzen tun. Die Folge: Die als Provisorium angelegten Flüchtlingslager von Dadaab sind zu einer Einrichtung geworden, die sich überdauert hat.

Die einzige ernsthaft verfolgte Strategie lautet derzeit, die Flüchtlinge nach Somalia zurückzuschaffen. Politische Instrumente wie auch Gelder werden deshalb dafür eingesetzt, „ein günstiges Umfeld in Somalia zu schaffen“, das für die freiwillige Rückkehr der Flüchtlinge förderlich ist. Andere Strategien werden gar nicht erst konsequent angegangen, und das ist inakzeptabel.

Der regionale und internationale Kontext

Währenddessen geht der Krieg in Somalia weiter, bei dem auch die internationale Gemeinschaft massgeblich involviert ist. Es braucht deshalb ganz klar andere Lösungen, und die internationale Gemeinschaft muss die kenianische Regierung bei deren Planung und Umsetzung unterstützen. Die Lager gelten in Kenia inzwischen als Sicherheitsbedrohung, so dass die Flüchtlinge zu Sündenböcken gemacht werden und auch noch die Folgen des weltweiten Krieges gegen den Terror mittragen müssen. Die sich verschlechternde Sicherheitslage hat dramatische Auswirkungen auf die gesamte kenianische Bevölkerung. Dies zeigt sich vor allem in den Flüchtlingslagern, wo die Menschen fast komplett von internationaler Hilfe abhängig sind. Vor einigen Wochen kam es zudem zu Zwischenfällen in der Nähe der Lager. Ärzte ohne Grenzen sah sich daher gezwungen, 42 Mitarbeiter abzuziehen, wodurch das medizinische Angebot weiter reduziert wurde.

Die Lage in Dadaab wird immer unhaltbarer für die innerhalb der Lagergrenzen festsitzenden Menschen. Solange es Flüchtlinge in Dadaab gibt, müssen sie auch angemessene Hilfe erhalten, um in Würde leben und sich eine Zukunftsperspektive erhalten zu können.

Was sich in Dadaab ändern muss

Die tonangebenden Regierungen, internationale Akteure und das UNHCR müssen ihre Verantwortung wahrnehmen, um mit Kenia diese Last zu teilen. Es gibt keine einfachen Antworten in dieser bereits Jahrzehnte währenden Diskussion. Es ist nicht unsere Aufgabe, politische Lösungen aufzuzeigen. Dennoch gibt es Wege: Warum gibt es so wenige Anreize dafür, Flüchtlinge in anderen Ländern aufzunehmen oder in sichere Gebiete und kleinere Lager umzusiedeln? Und warum erhalten die Flüchtlinge nicht mehr Möglichkeiten, sich selbst zu versorgen? Es ist an der Zeit, einige schwierige Entscheidungen zu treffen und permanente Lösungen zu erarbeiten. Seit einem Vierteljahrhundert ist das Leben dieser Menschen in einer Warteschleife. Wir sind es den hunderttausenden Flüchtlingen, die in diesem Freiluftgefängnis leben, schuldig, ihnen ihre Würde zurückzugeben.