Papua-Neuguinea

"Endlich über die Gewalt sprechen"

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen fahren regelmäßig in die Umgebung von Lae. Hier sind sie oft die Ersten, die aussprechen, wie sehr die Frauen, Kinder und Männer unter der Gewalt leiden.

In Papua-Neuguinea sind die Menschen in einer Spirale der Gewalt gefangen. In dem Land, in dem viele verschiedene Ethnien leben und das in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung erlebt hat, sind rivalisierende Clanstrukturen stark ausgeprägt. Diese tragen zu der hohen Gewaltbereitschaft bei, unter der vor allem Frauen und Kinder leiden. Sie erleiden Vergewaltigungen und andere schlimme Formen von Gewalt, zum Teil in ihren eigenen Familien. Neben medizinischer Versorgung brauchen die Betroffenen dringend psychosoziale Beratung.

„Während meines Einsatzes fühlte ich mich oft erschlagen. Erschlagen von der Gewalt, von der mir meine Patientinnen erzählten und von der Tiefe ihrer Verletzungen. Was sie ertrugen, war für mich unvorstellbar“, erzählt die Gynäkologin Nathalie Muffler. Neun Monate lang arbeitete die 39-Jährige für Ärzte ohne Grenzen in Lae, der zweitgrößten Stadt in Papua-Neuguinea. In einer Klinik für Frauen und Kinder* behandelte sie Opfer häuslicher und sexueller Gewalt. „Ich habe zum Beispiel ein neunjähriges Mädchen gesehen, das in der Nähe der Klinik brutal vergewaltigt wurde, als es für seine kranke Mutter etwas besorgen wollte. Und eine junge Frau, gerade Mutter geworden, die einen unbehandelten Bruch am Unterarm hatte“, erinnert sich Nathalie Muffler. „Ihr Ehemann hatte sie kurz nach der Entbindung vergewaltigt. Dass er ihr auch den Arm gebrochen hatte, als sie noch schwanger war, erzählte sie erst später.“

Schnelle medizinische Hilfe

Zwischen 200 und 300 Patientinnen und Patienten kommen jeden Monat neu in die Klinik von Ärzte ohne Grenzen. Sie alle sind mit Messern angegriffen, geschlagen oder vergewaltigt worden. Für sie ist die Klinik der einzige Ort, an dem sie in einem geschützten Umfeld Hilfe finden. „Gemeinsam mit meinen sieben nationalen Kolleginnen stillte ich Blutungen, versorgte Stich- und Brandwunden, Blutergüsse und Augenverletzungen. Wer schlimmer verletzt worden war und chirurgische oder intensivmedizinische Hilfe brauchte, den begleiteten wir in das öffentliche Krankenhaus“, sagt Nathalie Muffler. Allein trauen sich viele nicht dorthin, denn das Krankenhaus ist eines von nur wenigen im Land und somit völlig überfüllt. Einen geschützten Raum gibt es dort nicht, und die Frauen und Kinder laufen Gefahr, den Tätern zu begegnen. Außerdem sind die Wartezeiten lang. Dabei brauchen Opfer sexueller Gewalt schnelle medizinische Hilfe. Denn nur in den allerersten Tagen nach einer Vergewaltigung ist mit antiretroviralen Medikamenten der Schutz vor einer Infektion mit HIV möglich. Auch eine ungewollte Schwangerschaft kann dann verhindert werden. Die Patientinnen bekommen zudem Antibiotika, damit Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper, die in Papua Neuguinea weit verbreitet sind, nicht ausbrechen können. Eine Impfung schützt die Frauen und Kinder außerdem vor Hepatitis B.

Teufelskreis der Gewalt durchbrechen

Die medizinische Hilfe ist wichtig, doch sie reicht nicht aus. „Viele Frauen und Kinder leben in einem Teufelskreis der Gewalt. Entlassen wir sie aus der Klinik, können sie nirgendwo hin als nach Hause. Dann beginnt alles von vorne“, sagt Nathalie Muffler. Um daran etwas zu ändern, brauchen die Menschen Aufklärung und psychosoziale Hilfe. In Schulen, auf Märkten und an Straßenkreuzungen sprechen die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in und um Lae über die Folgen von Gewalt und verteilen Flugblätter mit Informationen über die Klinik. Darüber hinaus pflegt Ärzte ohne Grenzen gute Kontakte mit verschiedenen lokalen Gruppen, damit diese ihre Mitglieder über das Hilfsangebot informieren können. Sieben psychosoziale Betreuerinnen und eine Sozialarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen bieten den Gewaltopfern therapeutische Hilfe an. Sie sprechen mit ihnen über ihre Ängste. Und darüber, wie sie Konflikte möglicherweise gewaltfrei lösen können. Kommen auch Angehörige zu den Gesprächen mit, können die Beraterinnen Gewalt in den Familien noch besser vorbeugen. Sie unterstützen die Frauen und Kinder auch, wenn sie rechtlich gegen den Täter vorgehen wollen oder Schutz vor ihm suchen. Zum Beispiel, in dem sie mit lokalen Frauenhäusern zusammenarbeiten und mit ihnen sichere Unterkünfte für die Betroffenen organisieren.

Hilfe weiter ausbauen

Bislang ist Ärzte ohne Grenzen die einzige Organisation in Papua-Neuguinea, die gezielte medizinische Hilfe für Gewaltopfer verbunden mit psychosozialer Beratung anbietet. Das ändert sich nun: Die Klinik in Lae dient dem Gesundheitsministerium als Modell und mit der Unterstützung von Ärzte ohne Grenzen wird zurzeit eine ähnliche Versorgung an anderen Orten aufgebaut. Doch bislang verläuft der Prozess schleppend, in dem armen Land gibt es zu viele dringliche Probleme. Zum Beispiel kam es im September 2009 zu dem ersten Choleraausbruch seit fünfzig Jahren. Ärzte ohne Grenzen reagierte sofort, schickte rund 27 zusätzliche Mitarbeiter in drei Provinzen des Landes und behandelte Hunderte Patienten. Doch die Hilfe für Gewaltopfer läuft weiter. In der Zwischenzeit haben die Teams sogar im ländlichen Tari ein zweites Projekt für Gewaltopfer eröffnet. Ärzte ohne Grenzen unterstützte dort bereits eine Klinik in der Geburtshilfe, der stationären Behandlung und anderen Bereichen. Nun werden auch in Tari Gewaltopfer medizinisch und psychologisch versorgt.

„Die Patientinnen können bei uns oft das erste Mal über die schrecklichen Erlebnisse sprechen“, sagt Nathalie Muffler. „Sie erleben, dass es Hilfe für sie gibt. Dafür sind sie so dankbar. Viele haben geweint und mich immer wieder umarmt - und mir damit Kraft gegeben für die vielen schwierigen Momente.“

* Auch Männer suchen in der Klinik medizinische und psychologische Hilfe. Die meisten Patienten, die Ärzte ohne Grenzen behandelt, sind jedoch Frauen und Kinder.