Südsudan

Eine Notsituation folgt der nächsten

Mitarbeiter Michael Kipsang mit dem 18 Monate alten Deng Ngor, der während einer Nahrungsmittelverteilung als akut mangelernährt diagnostiziert wurde. Weil der Junge zudem unter anderen Komplikationen leidet, wurde er in das stationäre Ernährungszentrum nach Agok gebracht.

Sechs Monate nachdem der Südsudan zum unabhängigen Staat wurde, ist die Situation dort durch Krisen geprägt und Hilfsorganisationen müssen auf weitere Notlagen vorbereitet sein: Ärzte ohne Grenzen hat die Aktivitäten im Bundesstaat Upper Nile bereits erweitert und auf Nothilfebetrieb umgestellt, um mit dem Zustrom von Tausenden Flüchtlingen umzugehen, die vor dem Konflikt im benachbarten Sudan fliehen. In der Umgebung der Stadt Agok in Nord-Bahr-el-Gazal hat die Organisation zudem mit einem Ernährungsprogramm für Kinder begonnen. In dem umkämpften Gebiet Abyei, das zwischen dem Sudan und dem Südsudan liegt, hat ein neuer Konflikt die Bevölkerung weiter nach Süden getrieben. Schätzungen zufolge sollen 100.000 Vertriebene betroffen sein. Auch andere Konflikte im Sudan (vor allem in den Bundesstaaten Blue Nile und Süd-Kordofan) haben in den vergangenen Monaten Zehntausende gezwungen, über die Grenze zu fliehen.

Ende November hat Ärzte ohne Grenzen im Flüchtlingslager in Doro, Maban County, mit einem Nothilfe-Einsatz begonnen. Die Zahl der Flüchtlinge im dortigen Camp ist auf 25.000 Menschen angewachsen, weitere Familien machen sich vom sudanesischen Bundesstaat Blue Nile aus auf den langen Fußmarsch. Die Organisation hat unverzüglich damit begonnen, medizinische Erstversorgung zu leisten, Latrinen zu bauen, Wasserstellen instand zu setzen und einen Tank mit 15.000 Litern Wasser installiert.

Bei den medizinischen Konsultationen von neu Ankommenden treten immer wieder Malaria, Atemwege-Infektionen und Durchfall-Erkrankungen auf. Die Menschen waren teilweise wochenlang unterwegs, um sich in Sicherheit zu bringen. Bis heute hat das Team mehr als 1.500 ambulante Patienten betreut. Derzeit bauen die Mitarbeiter eine stationäre Betreuung im Lager auf. In den kommenden Tagen soll außerdem eine Masern-Impfkampagne beginnen.

Seit September auf der Flucht

Nahe des Dorfes Alfuj, im Norden von Doro und nahe der Grenze, haben sich viele Tausende Sudanesen aus einem anderen Teil des Bundesstaates Blue Nile mit ihren Habseligkeiten unter ein paar Bäumen zusammengefunden. Nach einer schnellen Registrierung hat Ärzte ohne Grenzen sofort damit begonnen, hochkalorienhaltige BP5-Kekse an Kinder unter fünf Jahren zu verteilen und 150 Patienten mit dringendem medizinischem Bedarf zu behandeln.

Die Familien berichteten Ärzte ohne Grenzen, dass sie bereits seit September auf der Flucht sind und baten dringend um Nahrung und medizinische Versorgung. Das Team von Ärzte ohne Grenzen wird regelmäßig zu der Gruppe zurückkehren, um Notfall-Nahrung zu verteilen und den am schwersten Erkrankten mit einer mobilen Klinik zu helfen.

Ernährungsnotlage

Die sich abzeichnende Ernährungskrise resultiert aus Flucht, Vertreibung und der Tatsache, dass es nach der Unabhängigkeit viele Menschen gibt, die in den Südsudan zurückkehren. Daneben spielen aber Ernteausfälle, Überflutungen, Handelsstreitigkeiten und die Inflation auf den lokalen Märkten eine Rolle. "Wenn nichts gegen diese Situation unternommen wird, könnte die Lage bald dramatisch werden", erklärt Ines Hake, medizinische Leiterin des Krankenhauses von Ärzte ohne Grenzen in Agok, am Ende ihres elfmonatigen Einsatzes, während dem sie an der Evaluierung teilnahm, die zum Start eines Ernährungsprogramms für 20.000 Kinder unter fünf Jahren führte.

Ergebnis dieser Untersuchung ist, dass 65 Prozent der Haushalte in der Region Verwandte aufgenommen haben, die durch den Konflikt in Abyei vertrieben worden waren. "In dieser ohnehin bereits verarmten Region müssen nun noch mehr Menschen ernährt werden", sorgt sich die Medizinerin.

Den Tod von Kindern verhindern

"Derzeit sind die Kinder, auf die wir mit unserer Hilfe abzielen, nicht in unmittelbarer Gefahr", erklärt Hake. Das Ziel eines vorbeugenden Ernährungsprogramms ist es zu verhindern, dass bei einem Kind die Mangelernährung so schwer wird, dass es eine therapeutische Ernährung oder gar einen Krankenhausaufenthalt benötigt.

Die Krankenschwester Sita Cacioppe hat die Tragödie großer Ernährungskrisen miterlebt. Ihre letzten Einsätze mit Ärzte ohne Grenzen führten sie in ein Noternährungsprogramm in den Tschad und kürzlich in eines der überfüllten Lager im Norden Kenias, in dem mangelernährte Somalier Zuflucht vor Gewalt und Nahrungsknappheit suchen. "Wenn wir Mangelernährung jetzt vorbeugen können, verhindern wir den Tod von Kindern", erklärt sie und fügt hinzu, dass ihre Motivation darin bestehe, "zu verhindern, dass wir ankommen, einen Einsatz starten, aber bereits Hunderte Kinder sehen, die schon am Verhungern sind."

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1978 im Südsudan im Einsatz. Mehr als 2.000 südsudanesische Mitarbeiter arbeiten gemeinsam mit fast 200 internationalen Kollegen in rund zwölf Projekten in acht Bundesstaaten des Landes.