Demokratische Republik Kongo

Die Wunden des Krieges

Im Krankenwagen auf dem Weg in die Klinik in Goma.

"Sie sind in der Nacht gekommen. Wir schliefen. Sie sind ins Haus eingedrungen und haben uns sofort gefesselt. Sie wollten uns im Haus meiner Mutter töten. Ich habe versucht zu fliehen. Da ich aber festgebunden war, bin ich flach auf den Boden gefallen. Einer der Männer hat seine Waffe auf mein Herz gerichtet. Um mich zu töten."

Philippe Shirika Mafara, seinen Arm in eine Kompresse gewickelt, steht der Schweiß auf der Stirn, seine Augen sind angsterfüllt. In dieser Oktobernacht hat die Kugel sein Herz nicht getroffen. Sie hat seine Brust durchbohrt, bevor sie durch die Schulter wieder ausgetreten ist. Er kam in einem kritischen Zustand ins Krankenhaus von Mweso, in Nord-Kivu, wo ihn das chirurgische Team von Ärzte ohne Grenzen operierte. Heute hat er das Schlimmste überstanden.

Philippe ist einer von vielen Zivilisten, die im Krieg in Nord-Kivu verwundet wurden. "Die meisten Patienten, die auf die chirurgische Station kommen, sind Gewaltopfer", erklärt José Sanchez, der als Chirurg im Krankenhaus von Mweso arbeitet. Es liegt im Distrikt Masisi. "Zu unseren Patienten zählen genauso viele Zivilisten wie bewaffnete Männer. Seitdem der Krieg wiederaufgeflammt ist, haben die Verletzungen, die auf Gewalt zurückzuführen sind, wieder zugenommen - sowohl durch Schüsse als auch durch Stichwaffen. Wir haben hier außerdem eine Entbindungsstation, auf der wir Kaiserschnitte durchführen können."

"Im letzten Monat haben wir 60 chirurgische Eingriffe durchgeführt"

Im Monat Oktober hat das Team von Ärzte ohne Grenzen in Mweso Tausende Menschen über die Straße, die vor dem Krankenhaus vorbeiführt, fliehen sehen. Die Kämpfe tobten an Orten, die etwas nördlicher lagen, nahe Mweso. Im Operationssaal ging die Anzahl der Kriegsverletzten nach oben.

"Im letzten Monat haben wir 60 chirurgische Eingriffe durchgeführt, von denen etwa die Hälfte Verletzungen betrafen, die mit dem Krieg zu tun haben, mit der Gewalt", fügt José Sanchez hinzu. "Viele von ihnen waren Zivilisten: Männer, Frauen und Kinder."

Boniface Ntakontagize war einer von ihnen. Der alte Mann kennt sein genaues Alter nicht. "So um die 70", sagt er. Er sitzt auf einer Matratze der chirurgischen Station und hält den Stumpf in seiner Hand, der seinen rechten Arm nunmehr abschließt. "Eines Abends waren wir zu sechst im Haus. Bewaffnete Männer kamen rein und fingen an, im Haus herumzuschießen. An diesem Abend gab es drei Tote. Und drei Verwundete. Ich habe eine Kugel in den Unterarm bekommen. Die Wunde hat sich infiziert, und man musste mir die rechte Hand amputieren."

"Ich hoffe, wieder zur Schule gehen zu können"

Das Krankenhaus von Mweso ist das einzige Referenzkrankenhaus für eine ganze Region von 40 Kilometern im Umkreis. "Es ist wichtig", so der Chirurg José Sanchez, "dass Ärzte ohne Grenzen hier vor Ort ist, um alle Stationen im Krankenhaus zu unterstützen. Vor allem aber, um den Menschen eine qualitativ gute chirurgische Versorgung anzubieten."

Philippe versucht, seinen Arm zu bewegen. "Sollte ich je wieder gesund werden, hoffe ich, wieder zur Schule gehen zu können. Die rechte Hand, die, mit der ich schreibe, ist ja noch heil."

In Nord-Kivu unterstützt Ärzte ohne Grenzen sieben Referenzkrankenhäuser in Mweso, Masisi, Goma, Kirotshe, Rutshuru, Kayna und Nyanzale. Die Organisation leistet Basisgesundheitsversorgung und unterstützt in den Kliniken vor allem die Chirurgie: für Kriegsverletzte und Schwangere, die einen Kaiserschnitt benötigen.